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November
Entwicklungspolitik als Zukunftspolitik
Rede von Bundesentwicklungsminister
Dirk Niebel zum Festakt "50 Jahre BMZ"
Berlin, 14. November 2011
Es gilt das gesprochene Wort!
Eine Videoaufzeichnung der Rede finden Sie hier
Sehr geehrter Herr Bundespräsident,
Exzellenzen,
sehr geehrte Damen und Herren,
liebe Freunde der Entwicklungspolitik,
liebe Kolleginnen und Kollegen,
liebe Mitarbeiter,
ich freue mich, dass Sie den Geburtstag des BMZ mit uns feiern. Wir haben Grund, stolz zu sein und mit Dank zurückzuschauen. Wer sich den Herausforderungen der Entwicklungspolitik stellt, der lädt sich eine Herkulesaufgabe auf. Als Walter Scheel das BMZ als erster Minister übernahm, hat der damalige Kanzler Adenauer dem ersten Bundesminister für wirtschaftliche Zusammenarbeit eine "Dorne ohne Rosen" verheißen. Damit lag er nicht schlecht.
Ehe die Bundestagsadministration ein Ministerbüro zur Verfügung stellen konnte, tagte der Ressortchef an einem Esstisch im Bundeshausrestaurant. Nach einigen Wochen konnten die 34 Mitarbeiter in eine Baracke auf dem Gelände des Finanzministeriums umziehen. So sah das erste eigenständige Ministerium für Entwicklungsaufgaben aus – ein Novum in ganz Europa.
Ein Gutachten des Bundesrechnungshofs stellte in diesen Anfangsjahren fest, wie Entwicklungspolitik damals praktisch aussah: Über ein Projekt befanden 45 Beamte aus zehn Ministerien, zuständig fühlten sich 16 Ressorts mit 231 Referaten. Das war also weniger Entwicklungszusammenarbeit als Verwaltungskrieg. Walter Scheel hat ihn gewonnen.
Seit diesen Tagen hat sich viel getan.
Seitdem haben das BMZ und seine Durchführungsorganisationen gute Arbeit geleistet. Die Ministerinnen und die Minister des BMZ haben Geschichte mitgeschrieben, sie haben sich engagiert, gestaltet und gehandelt.
Jedem und jeder einzelnen von ihnen gebührt dafür hier und heute ausdrücklicher Dank. Darum lasse ich es mir auch nicht nehmen, sie alle noch einmal ins Gedächtnis zu rufen:
Walter Scheel, Werner Dollinger, Hans-Jürgen Wischnewski, Erhard Eppler, Egon Bahr, Marie Schlei, Rainer Offergeld, Jürgen Warnke, Hans Klein, Carl-Dieter Spranger und Heidemarie Wieczorek-Zeul.
Alle gemeinsam haben die deutsche Entwicklungspolitik als parteiübergreifendes Anliegen geprägt und Deutschland in der Welt als verlässlichen starken Partner positioniert.
Natürlich hatte jede Zeit ihre Themen und Herausforderungen. Wir können gemeinsam stolz darauf sein, wichtige Impulse für die internationale Entwicklungspolitik gegeben zu haben. Anknüpfend an die Erfahrungen des Marshall-Plans versuchte die Politik in den 60er Jahren, über die Durchführung von einzelnen Großprojekten eine nachholende industrielle Entwicklung in den Partnerländern einzuleiten. Schnell hat man festgestellt, dass es keine einfachen Rezepte gibt. Sowohl die Modernisierung nach westlichem Modell als auch die Orientierung an Grundbedürfnissen, unterschiedliche Vorstellungen zur Rolle des Staates, der Wirtschaft und der Zivilgesellschaft und natürlich zur Rolle der Frau haben die Entwicklungsdebatte geprägt. Mit unterschiedlichen Schwerpunkten hat die Entwicklungspolitik in den letzten Jahrzehnten steile Lernkurven durchlebt.
Eines ist gewiss: Wir sehen uns dabei nicht als Besserwisser, sondern wir sind offen für besseres Wissen. Wir können politisch gar nichts erreichen, wenn wir nicht partnerschaftlich zusammenarbeiten. Entwicklungspolitik war und bleibt eine Gemeinschaftsaufgabe.
Und es hat Erfolge gegeben: In den letzten 50 Jahren ist die Lebenserwartung eines Neugeborenen in den Entwicklungsländern um 20 Jahre gestiegen. Die Alphabetisierungsrate stieg seit 1960 von 16 auf 75 Prozent, um nur zwei Beispiele zu nennen. Wir können stolz darauf sein, dass Deutschland eines der großen Geberländer in der Welt ist.
Alle Erfolge wären nicht möglich gewesen ohne das großartige Engagement der Kirchen, der Stiftungen und der Nichtregierungsorganisationen. Entscheidenden Anteil an den Erfolgen haben Länder, Kommunen und Städte, aber auch Kunst und die Wissenschaften. Dafür gebührt Ihnen allen an dieser Stelle ausdrücklicher Dank, gerade aus dem Mund des zuständigen Ministers.
Mein Dank gebührt ebenso den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des BMZ. Mein Eindruck ist: Bis heute wollen besonders viele Menschen deshalb im BMZ arbeiten, weil sie sich dort professionell für eine bessere Welt engagieren können.
Last but wahrlich not least gehört mein Dank unseren Partnern weltweit.
Wir richten aus Anlass des 50-jährigen Geburtstages des BMZ den Blick sehr bewusst nach vorne. Entwicklungspolitik ist Zukunftspolitik, Zukunftspolitik ist mehr als Entwicklungshilfe. Das Wort Entwicklungs"hilfe" mag ich ohnehin nicht. Es teilt die Welt in Helfer und Hilfsbedürftige. Und das ist gerade die Teilung, die wir aufheben wollen!
Treffend formuliert vom berühmten Heidelberger Ökonomen Alexander Rüstow: "Brauchst du eine hilfreiche Hand – so suche sie zunächst am Ende deines rechten Armes!"
In der Entwicklungszusammenarbeit der Vergangenheit wurde den hilfesuchenden rechten oder linken Händen zu viel Handaufhalten und zu wenig Tatkraft zugetraut. Wir können aber kein Land von außen entwickeln. Wir können Unterstützung zur Selbsthilfe geben.
Aber Eigenanstrengungen ersetzen, das können wir nicht. Entwicklungspolitik als Zukunftspolitik stellt sich der Aufgabe, die Globalisierung auf einen guten Weg zu bringen.
Denn die Herausforderungen des 21. Jahrhunderts sind Fragen globaler Entwicklung. Im Jahr 2050 werden neun Milliarden Menschen auf der Erde leben. Heute sehen zwei von drei deutschen Jugendlichen die Existenz der Menschheit durch den Klimawandel bedroht. Heute hungern eine Milliarde Menschen.
Die Verschiebung von Wachstum und Wohlstand auf neue Regionen und Schwellenländer hat die Welt und auch die internationale Entwicklungszusammenarbeit verändert. Zwei Drittel der Armen leben heute in Schwellenländern. Die wichtigen Millenniumsentwicklungsziele wurden vor allem in konfliktgezeichneten fragilen Staaten nicht erreicht.
Ein "Weiter so" geht nicht. Wir haben nicht noch einmal 50 Jahre Zeit.
Mir wird oft vorgehalten, ich würde Entwicklungspolitik zu sehr im Sinn der eigennützigen Wirtschaft und zu wenig im Sinne der selbstlosen Hilfe konzipieren. Darum zitiere ich gerne einen afrikanischen Kronzeugen, der wahrlich unverdächtig ist, wirtschaftsliberal zu sein, da er Sozialist war. Er sagt:
"[Wir sind] aus Erfahrung
zu der Auffassung gelangt […].
Dass das ganze Konzept
der Hilfe falsch ist.
Es ist ein nützliches Linderungsmittel.
Aber es ist keine Lösung
des Armutsproblems in der Welt.
Es ist auch grundsätzlich falsch,
weil es die armen Staaten
auf den Status
von Bettlern herabwürdigt."
Die Erfahrung, dass Hilfskonzepte keine Armutsproblematik lösen, sondern Partnerländer zu Bettlern machen, hat so Julius Nyerere formuliert – übrigens bereits in den 70er Jahren. Wir haben heute ein umfassenderes Verständnis von Entwicklungspolitik, das den Abbau der Ursachen von Armut ernst nimmt, aber zugleich über Fragen der Armut hinaus relevant ist. Das ist eine wichtige Pointe unseres neuen Entwicklungspolitischen Konzeptes: Das BMZ ist mehr als ein Armutsministerium.
Meine politische Interpretation des Z im Namen BMZ ist: Zukunft.
Ich nenne Ihnen sieben Kriterien, die mir unverzichtbar scheinen für eine gute zukunftsfähige Entwicklungspolitik, die wirksam ist:
-
Innovationsbereitschaft und Innovationskompetenz:
Ich meine damit eine Haltung, die sich einlässt auf Offenheit, Vielfalt, Dialogfähigkeit und globale Vernetzung. -
Bildungsorientierung:
Wissen ist der Schlüssel zur Überwindung von Armut, zur Überwindung von Unfreiheit und für die eigenständige und partizipationsorientierte Entwicklung von Gesellschaften. -
Eigenverantwortung:
Entwicklungsfortschritte können nur erreicht werden, wenn Menschen Verantwortung übernehmen und dazu imstande sind. -
Menschenrechte, Rechtsstaatlichkeit und Demokratie:
Menschenrechte dürfen niemals und nirgendwo zur Disposition stehen. Zukunftsfähige Entwicklung braucht Menschenrechte – bürgerliche und politische, wirtschaftliche, soziale und kulturelle, Frauen- und Kinderrechte und auch die behinderter Menschen. -
Gute Regierungsführung:
Überwindung der Ursachen von Armut braucht den Vorrang des Rechts, tragfähige Strukturen, Transparenz, entwicklungsorientierte Regierungen, wache Zivilgesellschaften und freie Medien. -
Marktorientierung und Unternehmertum:
Faire Regeln und die Abschaffung benachteiligender Handelshemmnisse sind Grundvoraussetzungen erfolgreicher Entwicklung. Unternehmertum ist unverzichtbar, um Steuereinnahmen zu ermöglichen und Beschäftigung, soziale Sicherung, breitenwirksames Wachstum und Lebenschancen zu verbessern. -
Energie, Klimaschutz und Ressourceneffizienz:
Entwicklung braucht Energie. Wachstum und die Beeinträchtigung von Lebensgrundlagen müssen entkoppelt werden. Ökologisches Wachstum, umweltverträgliche Entwicklung und Klimaschutz erfordern eine Steigerung von Ressourcen- und Energieeffizienz.
Wir haben allen Grund, heute zu feiern. Es wurde viel geschafft in den fünf Jahrzehnten. Allein in den letzten zwei Jahren haben wir vorangebracht: Die Reform der staatlichen Durchführungsorganisationen zur GIZ, die Vereinbarung einer besseren Zusammenarbeit mit dem Auswärtigen Amt, ein verbindliches Menschenrechtskonzept, das erste Bildungskonzept in der 50-jährigen Geschichte des BMZ, das Konzept zur ländlichen Entwicklung, das Afrikakonzept der Bundesregierung, das Konzept zu Rohstoffpartnerschaften, das Ende der klassischen Entwicklungszusammenarbeit mit China.
Die Basis unserer Arbeit sind Menschenrechte und Demokratie, unser Leitbild ist eine zukunftsfähige globale Entwicklung. Wo Menschenrechte verletzt werden, lösen wir Zielkonflikte, indem wir Werte über Interessen stellen. Mir ist wichtig, dass Entwicklungspolitik offen ist für den Wandel und lernbereit.
Darum haben wir einen Innovationsbeirat eingerichtet, darum werden wir eine Leadership Academy aufbauen, darum haben wir gestern und heute mit internationalen Gästen das Zukunftsforum "Globale Entwicklung" veranstaltet.
Mein ausdrücklicher und persönlicher Dank gilt den internationalen und nationalen Gästen, die uns hier ihre Zeit und ihre Gedanken zur Verfügung gestellt haben. Armut, Bevölkerungswachstum und Migration, Klimawandel, staatliche Fragilität und instabile Märkte fordern politisches Handeln.
Meine Kernfrage ist einfach: Wie werden wir Chancengeber für eine bessere Welt? Jede Antwort darauf weist über die Möglichkeiten eines Ministeriums hinaus in die Mitte der Gesellschaft hinein. Die vielleicht entscheidende Zukunftsaufgabe im 21. Jahrhundert ist: Zu zeigen, dass Entwicklungspolitik mit unserem Alltag zu tun hat, gerade auch in den reichen Ländern. Diese Chance müssen wir gemeinsam nutzen, wir haben sie.
Eine bessere Welt ist möglich. Dazu will das BMZ beitragen. In einer Demokratie findet Entwicklungspolitik nur dann die nötige Unterstützung derer, die dafür Stimmen und Steuern geben sollen, wenn das Anliegen der Entwicklungspolitik künftig besser in der Mitte der Gesellschaft verankert wird.
Frei nach John F. Kennedy:
"Wann, wenn nicht jetzt?
Wo, wenn nicht hier?
Wer, wenn nicht wir?"
Man sollte nie bezweifeln, dass eine Gruppe engagierter Leute die Welt verändern kann. Das Motto dieses Jahr zum 50-jährigen Bestehen des BMZ lautet daher: "Wir machen Zukunft – machen Sie mit." Machen auch Sie in Zukunft mit.
Ich lade Sie ein: Machen Sie mit uns Zukunft.





