Hauptinhalt

September

Rede von Bundesentwicklungsminister Dr. Gerd Müller zur Vorstellung des staatlichen Textilsiegels Grüner Knopf


in der Bundespressekonferenz am 9. September 2019 in Berlin

Es gilt das gesprochene Wort!

Sehr geehrte Damen und Herren,
lieber Herr Detjen,
lieber Herr Landesbischof Bedford-Strohm,
liebe Frau von Dewitz,
lieber Herr Linemayr,

75 Millionen Menschen arbeiten weltweit in der Textilindustrie. Die meisten von ihnen sind Frauen in Entwicklungsländern. Viele arbeiten auch für unsere Kleidung – häufig unter katastrophalen Bedingungen. Das hat uns die fürchterliche Katastrophe von Rana Plaza vor Augen geführt. Auch mir! Beim schwersten Unglück in der Geschichte der Textilindustrie starben 1.136 Menschen, 2.500 trugen schwerste Verletzungen davon. Ich bin daher auch sehr geehrt, dass eine Überlebende von Rana Plaza heute Nachmittag an unserer Eröffnungsveranstaltung im Entwicklungsministerium teilnimmt.

Wir könnten weiter wegsehen und die Menschen sklavenartig für uns arbeiten lassen, aber das wird nicht funktionieren. Deswegen saß ich schon einmal vor fast genau fünf Jahren hier in der Bundespressekonferenz: Zum Start des Textilbündnisses. Damals sagte ich: "Geiz ist geil darf nicht unser Antrieb sein." Daran hat sich nichts geändert. Die Produktion wird weiter in Entwicklungsländer verlagert.

Dort werden dann Standards unterlaufen, die hier in Europa aus guten Gründen gelten:

  • In Äthiopien verdienen Näherinnen weniger als 20 Cent die Stunde. Das reicht nicht für Miete, Essen, Schule oder einen Arzt.
  • 0,6 Prozent beträgt der Lohnanteil der Näherin an einem Marken-T-Shirt.
  • 20 Prozent der industriellen Wasserverschmutzung gehen auf das Färben von Textilien zurück.

Das alles können Sie auch in einer neuen Studie des Deutschen Instituts für Entwicklungspolitik nachlesen.

Das Textilbündnis bleibt wichtig und ist das Fundament unseres Engagements.

Damit sich grundlegend etwas ändert, haben wir 2014 das Textilbündnis gegründet. Mit Erfolg! Die 120 Mitglieder – Unternehmen, Verbände, Gewerkschaften, Nichtregierungsorganisationen – machen sich dort gemeinsam auf den Weg: 160 giftige Chemikalien werden aus der Produktion verbannt, der Anteil nachhaltiger Baumwolle wird bis 2025 auf 70 Prozent erhöht. Mittlerweile decken die Mitgliedsunternehmen 50 Prozent des deutschen Einzelhandels ab. Das Textilbündnis ist ein Erfolg und bleibt wichtig.

Der Grüne Knopf ist der nächste Schritt.

Mit dem Grünen Knopf gehen wir jetzt den nächsten Schritt. Wir zeichnen Unternehmen aus, die bereits besonders hohe Anforderungen erfüllen. Ein Siegel wie den Grünen Knopf gibt es bislang nicht: Er ist das staatliche Textilsiegel, eingetragen beim Deutschen Patent- und Markenamt, mit anspruchsvollen, hohen Sozial- und Umweltstandards. Das bedeutet weniger giftige Abwässer und gesundheitsschädliche Chemie, keine Kinderarbeit in den Zulieferfabriken, dafür aber Mindestlöhne und mehr Arbeitsschutz. Verbraucher können sich sicher sein: Textilien mit dem Grünen Knopf sind nach besten Standards hergestellt.

Das Besondere am Grünen Knopf ist: Immer wird auch das ganze Unternehmen geprüft. Einzelne Vorzeigeprodukte alleine reichen nicht aus. Wenn ein T-Shirt den Grünen Knopf trägt, müssen 46 hohe Sozial- und Umweltstandards erfüllt werden:

  • 26 für das Produkt wie T-Shirts, Bettlaken oder Rucksäcke,
  • 20 weitere Kriterien für das gesamte Unternehmen: Legt es Lieferanten offen? Haben die Näherinnen Beschwerdemöglichkeiten vor Ort?

In dieser Tiefe prüft sonst keiner.

Der Grüne Knopf schafft so Vertrauen für die Verbraucher.

Der Staat legt die Kriterien für den Grünen Knopf fest, unabhängige Prüfstellen kontrollieren die Einhaltung – wenn notwendig, auch in Bangladesch oder Rumänien. Der Prüfprozess wird ebenfalls überwacht. Darum kümmert sich die staatliche Deutsche Akkreditierungsstelle. Als "Prüfer der Prüfer" stellt sie sicher, dass die Prüfstellen die notwendige Expertise haben und wissen, worauf es ankommt.

Wer macht mit?

27 Unternehmen haben die Prüfungen bereits vollständig durchlaufen – vom kleinen Drei-Personen-Unternehmen, über Mittelständler, anerkannten Nachhaltigkeits-Vorreitern bis hin zu großen Unternehmen mit mehreren Tausend Mitarbeitern: Alma & Lovis, Aldi Nord, Aldi Süd, Brands Fashion, CharLe, Derbe, Dibella, Engel, Feuervogl, Hans Natur, hessnatur, Hopp, Kaufland, Kaya&Kato, Lidl, Manomama, Melawear, Millitomm, Modespitze Plauen, Phyne, Posseimo, Rewe Group, Schweickardt Moden, Tchibo, Trigema, Vaude, 3 Freunde.

26 weitere sind derzeit im Prüfprozess – unter anderem Hugo Boss, die Otto-Group, aber auch kleinere Unternehmen wie Socks4Fun.

Weitere Unternehmen sind interessiert – auch aus dem Ausland. Denn der Grüne Knopf ist ein globales Siegel. Er kann von deutschen Unternehmen auch im Ausland genutzt werden. Genauso können ausländische Unternehmen ihn beantragen. Die Nachfrage zeigt uns: Wir sind auf dem richtigen Weg. Der Grüne Knopf ist anspruchsvoll und unbürokratisch. Produkte mit dem Grünen Knopf sind ab jetzt auf dem Markt: Bekleidung, Taschen, Zelte. Auch Bettwäsche, die für die öffentliche Beschaffung relevant ist. Kommen Sie gerne um 14:00 zu uns ins BMZ und schauen sich die Vielfalt selbst an.

Wie geht es weiter?

In den kommenden Jahren werden wir die Sozial- und Umweltkriterien kontinuierlich weiterentwickeln, zum Beispiel hin zu existenzsichernden Löhnen. Ein Beirat aus Wirtschaft, Wissenschaft und Zivilgesellschaft wird uns dabei unterstützen. Wir werden den Grünen Knopf auch auf weitere Produktionsschritte wie den Baumwollanbau ausweiten. Zum Start fangen wir mit den beiden wichtigsten Arbeitsschritten "Nähen" und "Färben" an:

  • Hier laufen alle 100 Milliarden Kleidungsstücke im Jahr durch.
  • Hier arbeiten 75 Millionen Menschen.
  • Hier verraten die Flüsse meist die Trendfarbe der nächsten Saison, weil von jeder Färberei Tag für Tag 2,5 Tonnen Chemikalien oft ungeklärt ins Abwasser kommen.
  • Und bei diesem Arbeitsschritt stürzte die Textilfabrik Rana Plaza ein.

Mit dem Grünen Knopf setzen wir jetzt einen hohen Standard und zeigen: Faire Lieferketten sind möglich. Das beweisen auch die vielen kleineren Unternehmen, die mitmachen. Ab heute kann keiner mehr das Gegenteil behaupten. Der Grüne Knopf ist auch Vorbild für andere Branchen. Mit einem Gesetz wären wir nicht weiter – im Gegenteil. Aber klar ist: Wir brauchen beides: Vorreiter-Initiativen wie den Grünen Knopf und gesetzliche Mindeststandards für alle.

Jetzt kommt es auf uns alle an.

Die Globalisierung hat im 19. Jahrhundert in der Textilwirtschaft begonnen. Nun muss auch die gerechte Globalisierung in der Textilwirtschaft beginnen. Fair Fashion ist ein Mega-Trend:

  • Drei Viertel der Verbraucher sagen, dass nachhaltige Mode wichtig ist.
  • Über die Hälfte würden ihrer Lieblingsmarke den Rücken kehren, wenn die Konkurrenz nachhaltiger ist.
  • Und knapp die Hälfte der Verbraucher wünscht sich ein einheitliches Siegel.

Auch die öffentliche Beschaffung muss einen Beitrag zu nachhaltigen Lieferketten leisten.

Die Bundesregierung hat sich zum Ziel gesetzt, bis 2020 insgesamt 50 Prozent der Textilien nach sozialen und ökologischen Kriterien zu beschaffen. Der Bund, aber auch Kommunen, Krankenhäuser, Polizeidienststellen können ab jetzt den Grünen Knopf nutzen, um Arztkittel, Hemden und Bettwäsche nachhaltig zu beschaffen. Als globales Siegel, eingetragen beim Deutschen Patent- und Markenamt, erfüllt er die Voraussetzungen dafür.

Mit jeder Kaufentscheidung können wir jetzt einen Beitrag leisten.

Für eine gerechte Globalisierung, bei der Mensch und Natur nicht für unseren Konsum ausgebeutet werden. Für Menschlichkeit, Humanität und Solidarität.

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit!

Lexikon der Entwicklungspolitik

Fenster schließen

 

Seite teilen