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November

Rede von Minister Gerd Müller zur Eröffnung des "Climate Planet"


am 5. November 2017 in Bonn

Es gilt das gesprochene Wort!

Verehrte Gäste, herzlich willkommmen!

Wir sind eine Welt. Der Klimaschutz ist die Überlebensfrage der Menschheit.

Herr Premierminister, Sie sind Gastgeber dieser Weltklimakonferenz. Eben haben wir Fidschi auf dem Globus entdeckt. Der Bundespräsident befindet sich derzeit in Neuseeland, nochmal drei Flugstunden weiter liegt Fidschi. Sie hatten eine lange, die längste Anreise. Wir freuen uns und sind stolz, dass Sie hier sind. Ein herzliches Willkommen an Ihre Delegation. Und an dieser Stelle vielen herzlichen Dank für die gute Zusammenarbeit bei der Ausrichtung dieser Konferenz.

Diesen Dank richte ich natürlich auch an Sie, Frau Generalsekretärin Espinosa und Herr Oberbürgermeister Sridharan. Eine solche Konferenz mit so vielen hochspannenden Tagungen, Konferenzen und Meetings stellt man nicht in Wochen oder Monaten auf die Beine. Sie haben sich hier ganz persönlich in großartiger Weise eingebracht. Ich möchte auch die frühere Oberbürgermeisterin Frau Dieckmann einbeziehen, die mit die entscheidende Grundlage gelegt hat, dass das Weltklimasekretariat der UN in Bonn ist. Wir sind stolz darauf und dankbar, dass diese Organisation so perfekt klappt. Herzlichen Dank!

Es sind viele Gäste da, auch aus der Politik: Bundestagskollegen, Landtagskollegen, viele, viele Botschafter.

Heute ist die Welt zu Gast in Bonn – und wir heute zu Gast in der Welt: in diesem riesigen Globus.

Uns alle treibt die Überlebensfrage der Menschheit um – der Klimaschutz. Das Ziel ist, die Erwärmung unseres Planeten unter 2 Grad zu halten, möglichst sogar unter 1,5 Grad. Die Daten allerdings zeigen: Noch sind wir nicht am Ziel, im Gegenteil. Wir müssen, was die Klimaschutzmaßnahmen anbetrifft, besser und schneller werden, sonst sind die bisherigen Erfolge gefährdet. In der Eingangspräsentation haben wir gesehen, welche Auswirkungen das hat. Die Dramatik steckt darin, dass wir, die Industriestaaten der Welt – das sind die Amerikaner, die Europäer, die Japaner – die letzten 100 Jahre unseren wirtschaftlichen Aufschwung auf der Basis fossiler Energien produziert haben. Deutschland beispielsweise stößt heute im Durschnitt 9,5 Tonnen CO2 pro Person aus, währenddessen der Durchschnitt in Äthiopien, Tansania oder auf Fidschi bei 0,5 Tonnen CO2 pro Person liegt. Aber diese Länder leiden am meisten unter den Auswirkungen. Sie werden das – lieber Herr Premierminister – selber in Bezug auf Ihr Land darstellen. Und dafür stehen wir alle in der Verantwortung.

Wir brauchen eine neue Dimension des Verständnisses der Klimapolitik und der Entwicklungspolitik. Das sagte ich als deutscher Entwicklungsminister, auch mit Blick auf die derzeitig laufenden Regierungsgespräche zur Bildung einer neuen Regierung in Berlin. Wir müssen dieses Thema in den Fokus unserer Bemühungen in den nächsten Jahren rücken. Deutschland trägt hier eine ganz besondere Verantwortung, die Ziele zuhause einzuhalten, muss aber auch der Verantwortung gegenüber den meistbetroffenen Staaten in einem wesentlich stärkeren Ausmaße nachkommen. Diese Botschaft war im Wahlkampf Konsens, aber sie muss jetzt Eingang in die Regierungsprogramme – egal welcher Regierung – finden.

Das heißt: Erstens: Wir müssen Wachstum und Wohlstand noch stärker vom Ressourcenverbrauch entkoppeln – hier in Europa und weltweit. Die Frage ist: Welches Wachstum ist weltweit nachhaltig? Wenn Asien und Afrika mit ihren wachsenden Bevölkerungen auf Kohle, Öl, Beton und Stahl setzen – und täglich wächst die Weltbevölkerung um 230.000 Menschen – dann werden wir das 2-Grad-Ziel nicht erreichen. Wir müssen auf erneuerbare Ressourcen setzen, auf innovative Technologien bei Verkehr, im Bau, bei der Infrastruktur und besonders bei der zukünftigen Energieversorgung. Wir brauchen eine Welt-Energiewende. Das ist ein großes Wort. Der Energiebedarf der Zukunft muss in signifikanter Weise durch erneuerbare Energien bewältigt werden.

Beim G7-Gipfel in Elmau haben die G7 das Ziel eines karbonfreien Jahrhunderts formuliert. Wir haben die Technologien, die Möglichkeiten. Wir müssen uns aber noch stärker auf den Weg machen. Gerade Afrika hat dabei großes Potenzial. Viele Staaten können direkt in eine klimafreundliche Energieversorgung einsteigen und so den Kontinent zu einem grünen Kontinent machen. Wenn Afrika, Indien, China – wie es dort im Augenblick passiert – seinen Energiehunger in den nächsten Jahrzehnten auf der Basis von Kohle, Öl und Gas stillt, wie wir dies gemacht haben, dann gehen die Lichter auch bei uns in Europa aus. Deshalb ist dies eine gemeinsame weltweite Herausforderung.

Wir müssen zweitens auch denjenigen helfen, die unter dem Klimawandel besonders leiden. Das ist eines der zentralen Ziele dieser Weltklimakonferenz – das Signal an die 195 Länder hier: Wir tragen dazu bei, dass die, die es am härtesten trifft, auch mit unserer Solidarität und Unterstützung rechnen können. Wir engagieren uns für Anpassungsmaßnahmen, zum Beispiel im Bereich Landwirtschaft: klimaresistente Produktion, dürreresistentes Saatgut und vieles mehr. Es muss aber auch kurzfristig geholfen werden, denn Katastrophen kommen nicht morgen, sondern sind bereits präsent, siehe Fidschi, mit Dörfern, die nicht mehr bewohnbar sind. Die Menschen brauchen schnelle, zuverlässige und wirksame Soforthilfe. Deshalb hat Deutschland, hat mein Ministerium die Klimarisikoversicherung zu einem zentralen Punkt gemacht. Das Ziel ist 400 Millionen zusätzlich Versicherte bis 2020. Wir werden deshalb nächste Woche eine globale Partnerschaft zur Klimarisikofinanzierung und –Versicherung auf den Weg bringen. Jeder Euro in Versicherungen spart dann ein Vielfaches an Nothilfe.

Wir müssen drittens beim Klimaschutz lokal handeln und global wirken. Herr Oberbürgermeister, Sie gehen mit Bonn voraus und zeigen, was in den Städten möglich ist. Städte produzieren 75 Prozent der weltweiten CO2-Emissionen. Sie sind Teil des Problems. Sie sind aber auch der wesentliche Teil der Lösung. Wir haben in Deutschland das Projekt Klimapartnerschaften auf den Weg gebracht. Es muss ausgebaut werden mit Schwellen- und Entwicklungsländern. Jeder Euro, den wir in Schwellen- und Entwicklungsländern in saubere Technologien, in grünen Strom, in erneuerbare Energien investieren, bewirkt ein Vielfaches von dem, was wir bei uns erzielen können. Das soll nicht heißen – an die Fachleute hier im Saal –, dass wir in Deutschland nicht ehrgeizig das 40-Prozent-Ziel erreichen wollen und müssen. Aber allein mit den Mitteln, die das deutsche Entwicklungsministerium im Bereich Klimaschutz und Entwicklung neuer Technologien, erneuerbarer Energien in Afrika, in Indien, in Schwellenländern investiert, schaffen wir jährlich ein Minderungspotenzial von vergleichbar 100 Kohlekraftwerken in Deutschland. Dieses Thema müssen wir international verstärken: ein Mehr an internationalen Investitionen schafft ein Vielfaches an Wirkung.

Wir müssen viertens die Schöpfung bewahren, Ozeane und Wälder schützen. Der Schutz der globalen Güter ist eine gemeinsame, weltumspannende Aufgabe. Denn es geht nicht nur um Minderung, um Anpassung an den Klimaschutz, es geht auch um die Stärkung der Absorptionsfähigkeit dieses wunderbaren Planeten. Das heißt für uns: Meeresschutz, Küstenschutz, Bodenschutz, nachhaltige Entwicklung und ganz besonders Waldschutz – Schutz der Lungen des Planeten. Nicht nur, aber gerade der tropischen Regenwälder. Das heißt Wiederaufforstung, weltweit. Hier investieren wir, begeistern aber auch die junge Generation. Felix Finkbeiner ist hier – von "Plant for the Planet". Wir werden auch nachher noch symbolisch eine Lutherlinde pflanzen, denn wir wollen das Signal geben: Wir können den Planeten auch stärken. Deshalb muss die Rodung, die Zerstörung der Wälder des Planeten gestoppt und auf der anderen Seite wieder aufgeforstet werden.

Wir brauchen Kooperation und nicht Konfrontation. Die Zeit drängt: Bis Mitte des Jahrhunderts müssen wir unseren Konsum überdenken – und das geht an Sie alle. Diejenigen, die meinen, Politiker nun macht mal, oder die Wirtschaft ist schuld, die sollten an sich selber denken. Welches Auto fahre ich? Muss es der große SUV sein oder kann es auch ein energiesparsames Auto sein mit moderner Antriebstechnologie? Jeder kann seinen Beitrag leisten. Wir müssen unseren Konsum und unsere Produktion weiter de-karbonisieren. CO2-Emissionen müssen abnehmen. Klimaschutz ist auch eine Frage der Gerechtigkeit, vor allem gegenüber den jungen Menschen, die in 20, 50, in 100 Jahren auf dem Planeten leben wollen und müssen. Wir haben nicht das Recht, uns heute sozusagen alles zu nehmen und im wahrsten Sinne des Wortes zu sagen: "Nach uns die Sintflut!" Politik für morgen zu gestalten, für die junge Generation, das heißt auch, heute effektiv den Klimaschutz voranzubringen. Wir setzen ein Zeichen, nachher in unserem Ministerium: Wir wollen bis 2020 ein klimaneutrales Ministerium sein, eine klimaneutrale Verwaltung. Das soll ein Signal sein auch an die öffentliche Verwaltung, an die Ministerien, an alle Verwaltungen in Deutschland: Der öffentliche Dienst, die Verwaltungen müssen und können hier viel tun – sie müssen vorausgehen.

Meine Damen und Herren, wir wollen das Motto der Fidschianischen Präsidentschaft wahr machen: "Go Further, Faster, Together"!

Herzlichen Dank!

Lexikon der Entwicklungspolitik

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