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Mai

Rede von Minister Dr. Gerd Müller beim "Future Ocean Event" des T20-Gipfels


am 29. Mai 2017 im BMZ Berlin

Es gilt das gesprochene Wort!

Sehr geehrte Damen und Herren,

wir bereiten heute das wichtigste politische Treffen des Jahres vor: den G20-Gipfel! Die G20 ist ein großer Tanker: es dauert, bis er den Kurs ändert. Aber wenn, dann ist Masse dahinter. Die T20 als wissenschaftliche Think-Tanks sind dagegen so etwas wie Lotsenboote. Sie können und müssen vorausschauen und den Weg in neue Gewässer leiten.

Meeresschutz muss G20-Thema werden! Diese Forderung wird vom heutigen GLOBAL SOLUTIONS SUMMIT an die G20 gehen. Denn Meere bedecken nicht nur rund drei Viertel unseres Planeten, sie bestimmen auch unser Wohlergehen.

Der Schutz der Meere ist eine Überlebensfrage der Menschheit. Ohne Meere ginge uns die Luft aus, denn sie produzieren die Hälfte des weltweit verfügbaren Sauerstoffs. Ohne Meere wäre der Klimawandel schon heute viel radikaler, denn sie speichern ein Viertel der globalen CO2-Emissionen. Ohne Meere wäre die Ernährungsgrundlage von Milliarden Menschen gefährdet.

Meere sind Heimat einer enormen Biodiversität! Und viel ist noch unbekannt – 2.000 neue Arten werden pro Jahr entdeckt.

Meere bringen großen Reichtum hervor: Das jährliche "Bruttomeeresprodukt" wird auf 2,5 Billionen US-Dollar geschätzt. Damit würden die Meere zu den G7 gehören. Aber der Reichtum ist ungleich verteilt: Ein modernes Fangschiff holt in einer Woche mehr Fisch aus dem Wasser als ein senegalesisches Fischerboot in einem Jahr. 

Ozeane und Meere sind extrem bedroht: Knapp 90 Prozent der Fischbestände werden überfischt oder bis an die Grenzen der Nachhaltigkeit befischt. Existenzbedrohend für Fischer!  Artenreiche Küstenlandschaften wie Mangrovenwälder werden zerstört. Ozeane versauern! Zwei Drittel der Korallenriffe sind dadurch schon akut gefährdet. In 30 Jahren drohen sie ganz zu verschwinden.

Und der Meeresspiegel-Anstieg bedroht weltweit vor allem die ärmeren Zonen. Im 20. Jahrhundert stieg der Pegel um etwa 20 Zentimeter. Der Anstieg beschleunigt sich rasant: Ohne Bremsen der CO2-Emissionen werden bis Ende des 21. Jahrhunderts bis zu 1 Meter erwartet!

Für unseren heutigen Gast, Minister Semi Koroilavesau von der Republik Fidschi mit seinen über 300 Inseln im Pazifik, ist das ein Untergangsszenario. Und ökonomisch ist es Wahnsinn: Die jährlichen Kosten durch Überflutungen könnten bis 2050 auf über 60 Milliarden US-Dollar ansteigen.

Hinzu kommt: Wir lassen Meere vermüllen. Vor zwei Wochen gab es in den Medien Bilder einer einsamen Insel im Südpazifik. Henderson Island, UNESCO-Weltkulturerbe, unbewohnt, 5.000 km von der nächsten größeren Stadt entfernt – und trotzdem die am stärksten mit Plastik verschmutzte Insel der Welt. Die Verschmutzung stammt von einem  Müllteppich im Pazifik – er ist so groß wie Zentraleuropa. Im Jahr 2030 wird auf drei Tonnen Fisch eine Tonne Plastikmüll kommen.

Die Botschaft hinter all den Zahlen ist: "Weiter so" führt in den Kollaps.

Aber es gibt Anzeichen für eine Umkehr: Die Agenda 2030 widmet dem Meer ein eigenes Ziel (14). Nächste Woche beginnt eine große UN-Meereskonferenz – die erste für ein einzelnes Nachhaltigkeitsziel. Und die deutsche G20-Präsidentschaft hat den Meeresmüll zum Thema gemacht.

Mein Ministerium hat vor einem Jahr den 10-Punkte-Plan "Meeresschutz und nachhaltige Fischerei" auf den Weg gebracht, gemeinsam mit Herrn Professor Visbeck und dem GEOMAR Zentrum für Ozeanforschung in Kiel. Für Küstenschutz, Anpassung an den Klimawandel, für nachhaltige Fischerei, für weniger Meeresverschmutzung, für nachhaltige Einkommensquellen durch Aquakultur und für Standards in Lieferketten bei Fisch und für Bekämpfung illegaler Fischerei!

Wir haben schon vieles kraftvoll umgesetzt: In Mauretanien bedroht der steigende Meerespegel Hundertausende. Bei meinem Besuch im November habe ich deshalb die Finanzierung eines Küstenschutzprojekts verlängert. Drei lebenswichtige Breschen im Dünengürtel konnten bereits geschlossen werden.

Allein im letzten Jahr hat das BMZ rund 160 Millionen Euro zur Verfügung gestellt. Das gesamte Portfolio für Meeresschutz beträgt 500 Millionen Euro – so wichtig ist er uns! Aber die Mittel sind das eine. Ebenso wichtig sind die richtigen Partner, gute Ideen und ehrgeizige Ziele. Groß denken und handeln!

Zwei neue Initiativen des BMZ tun das:

Erstens und ab heute offiziell gegründet: Der Blue Action Fund, gemeinsam mit der Kreditanstalt für Wiederaufbau, und mit 24 Millionen Euro ausgestattet. Der Blue Action Fund hat ein klares Ziel: helfen, 10 Prozent der Meere unter Schutz zu stellen.

Bisher sind es gerade mal 3 Prozent. Meere sind die am schlechtesten geschützten und verwalteten Gebieten unseres Planeten. Wir wollen Schutzgebiete ausweiten, vor allem aber Schutz effektiv gewährleisten. Es freut uns, dass der Fonds bei NGO-Partnern und anderen Gebern auf Interesse stößt. International werden wir den Blue Action Fund nächste Woche in New York bei der UN-Meereskonferenz vorstellen.

Für die konkrete Arbeit vor Ort haben wir international erfahrene NGO-Partner: Die Naturschutzorganisationen RARE und  den WWF etwa. Die Qualitätskontrolle übernimmt die Weltnaturschutzunion IUCN.

Die ersten Projekte starten noch in 2017: 12 neue Meeresschutzzonen vor Costa Rica, Panama, Kolumbien und Ecuador. Das schützt Haie, Meeresschildkröten und Thunfische. In Mosambik setzen wir uns gemeinsam gegen Überfischung und für einen nachhaltigen Küstentourismus ein.  Und speziell für kleine Inselstaaten, die von der Meereskrise bedroht sind wie Fidschi, stellen wir 12 Millionen Euro zur Verfügung. Das ist auch für Sie, Minister Semi Koroilavesau, eine gute Nachricht. Heute startet die erste Ausschreibung für Projektvorschläge aus den Nicht-Regierungsorganisationen.

Zweitens wollen wir jetzt weltweit den Mangrovenschutz stärken. Sie wissen es sicher – aber sonst wissen es viel zu wenige: Mangroven sind enorm wichtig! Mangroven binden bis zu 3-5 Mal mehr CO2 als Wälder an Land. Mangroven bremsen Flutwellen von Stürmen und Tsunamis. Der Tsunami in Südostasien 2004 zerstörte dort am meisten, wo die Mangroven fehlten.

Aber: Rund 35 Prozent der Mangrovenbestände weltweit sind bereits verschwunden. Setzt sich dieser Trend fort, wird es in 20 Jahren keine Mangroven mehr geben! Darum starten wir gemeinsam mit dem WWF die Initiative "Save our mangroves now".

Wir bündeln Kräfte, tauschen Erfahrungen aus, lernen voneinander. Zum Beispiel von unseren Projekten in Vietnam. Dort konnten wir mit Bambuszäunen große Erfolge erzielen und 600 Hektar Mangrovenwälder wiederherstellen!

Wir brauchen globale Lösungen für eine der größten Herausforderungen der Welt. Und dafür brauchen wir Sie alle: Die Wissenschaft, die Think-Tanks. Unsere starken Partner wie den WWF und die IUCN.

Deutschland geht voran beim Schutz der Ozeane. Wir übernehmen Verantwortung. Wir handeln. Und holen andere an Bord! Denn wir müssen lernen, unsere globalen Gemeinschaftsgüter durch Kooperation zu schützen. Industrie-, Schwellen- und Entwicklungsländer gemeinsam!

Wir senden ein starkes Signal an die UN-Meereskonferenz in der nächsten Woche unter Vorsitz von Fidschi. Und an die G20 als die wichtigsten wirtschaftlichen Kräfte – sie müssen vom Teil des Problems zur Lösung werden!

Jetzt bitte ich alle Beteiligten auf die Bühne für den Startschuss der beiden Initiativen!

Lexikon der Entwicklungspolitik

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