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Juni

Chancenkontinent Afrika: Entwicklungsmotor Energie


Rede von Bundesminister Gerd Müller beim Kongress des Deutschen Genossenschafts- und Raiffeisenverbands am 27. Juni 2017 in Berlin

Es gilt das gesprochene Wort!

Sehr geehrter Herr Dr. Ott,
sehr geehrte Frau Ministerin Muloni,
sehr geehrte Abgeordnete des Deutschen Bundestages,
sehr geehrte Damen und Herren,

neue Energie für Afrika. Dafür braucht es Innovationen, Investitionen und Emotionen! Ohne die Energie und die Ressourcen Afrikas wäre Europas Wohlstand nicht möglich. 100 Jahre lang ist Afrikas Energie zu uns geflossen. Jetzt wollen wir Energie und ihre Nutzung vor Ort gemeinsam entwickeln. Heute geben wir den Startschuss für den "Grünen Kontinent" Afrika. Er fällt spät, aber nicht zu spät!

Am kommenden Samstag wird weltweit der Tag der Genossenschaft gefeiert. Zwanzig Millionen Menschen in Deutschland könnten dann mitfeiern, denn sie sind Mitglied einer Genossenschaft – wie ich: bei einer Bank, einer Wohnungsbau- einer Agrar-, oder einer Energiegenossenschaft.

Der DGRV ist damit die mitgliedsstärkste Wirtschaftsorganisation Deutschlands. Hinter ihnen steht fast 1 Billion Umsatz. Wir brauchen genau diese Stärke, denn "Was dem Einzelnen nicht möglich ist, das vermögen Viele". Dieser Grundsatz von Friedrich-Wilhelm Raiffeisen ist heute so aktuell wie eh und je.

Seit fast 25 Jahren arbeitet das BMZ erfolgreich mit den Genossenschaften zusammen, unter anderem in Uganda, liebe Frau Ministerin Muloni. Dort fördern wir den Aufbau von Spar- und Darlehensvereinen.

Die Genossenschaftsidee zählt zu Recht zum immateriellen Kulturerbe der Menschheit! Sie kann die Welt verändern, und hat es schon getan!

In Deutschland haben wir den Genossenschaften vieles zu verdanken: von Einkaufs- und Produktionsgemeinschaften bis hin zum Ausbau der Stromversorgung – dezentral, von unten, in die Dörfer und Gemeinden.

Energiegenossenschaften waren Treiber der Elektrifizierung in Deutschland. Heute sind sie das Rückgrat der Energiewende. Die meisten Windräder, Solaranlagen, Biomasse-Kraftwerke gehören heute Genossenschaften, Einzelpersonen oder Kommunen. 180.000 Menschen in Deutschland engagieren sich in 850 Projekten für erneuerbare Energien.

Bei uns geht es um den Umbau, in Afrika um den Aufbau der Stromversorgung. Sechzig Prozent der Haushalte in Afrika leben ohne Strom.

Dabei ist Strom die Lebensader für fast alles: ohne Strom keine Kühlung für Nahrungsmittel, für Medikamente; ohne Strom kein Computer, kein Licht zum Lernen und keine Pumpenbewässerung fürs Feld. – Ohne Strom keine wirtschaftliche Entwicklung. Und die Energienachfrage in Afrika steigt rasant: bis 2040 voraussichtlich um 80 Prozent!

Wir wollen Afrika zum grünen Kontinent der erneuerbaren Energien machen.

Unser Ansatz: Grüne Bürgerenergie für Afrika – dezentral, bürgernah, erneuerbar. Wir setzen auf Versorgung über kleine Netze, die unabhängig sind von Infrastruktur und Stromtrassen. Und viele kleine Netze bilden am Ende ein stabiles Gitter!

Afrika bietet einmalige Chancen dafür. Das Potenzial auf dem Kontinent ist groß: Erst 10 Prozent der Möglichkeiten für Wasserkraft sind ausgeschöpft. Sonnenenergie aus der Sahara ist der Schlüssel zur Entwicklung Afrikas. Fünfzig Millionen Menschen könnten Erdwärme aus dem Rift Valley in Ostafrika nutzen. Und Biomasse ist prädestiniert für eine dezentrale Versorgung.

Afrika kann so zum "Grünen Kontinent" werden und die Karbonisierung überspringen – mit unserem Know-how, unseren Technologien, unserer Unterstützung. Ja, Afrika muss die Karbonisierung überspringen – wenn wir das Zwei-Grad-Ziel erreichen wollen.

Was müssen wir dafür tun?

Erstens: Wir brauchen einen rechtlichen Rahmen für Bürgerenergie-Genossenschaften.

In acht afrikanischen Staaten legen wir jetzt gemeinsam die Grundlagen dafür, dass sich Dorfgemeinschaften zusammenschließen, Energieagenturen und Stadtwerke gegründet werden können, dass Einspeisevergütungen den Umstieg auf erneuerbare Energien fördern.

Wir wissen aus eigener Erfahrung, wie wichtig der politische und administrative Rahmen dafür ist! Hier ist das Know-how des Genossenschaftsverbands DGRV gefragt!

Und wir unterstützen zweitens den wichtigen  Vorschlag von Josef Göppel für Bürgerenergie-Partnerschaften.

Josef Göppel ist ein Pionier für nachhaltige Entwicklung. Seit über 20 Jahren kämpft er für den Schutz der Wälder, der Natur und Landschaften durch ökologische Standards für Menschen und Wirtschaft. Vielen Dank für diesen Einsatz!

In den nächsten drei Jahren wollen wir mindestens 100 Partnerschaften vermitteln: zwischen Energiegenossenschaften, Kommunen, Bürgerinnen und Bürgern in Deutschland und Dorfgemeinschaften oder lokalen Unternehmern in Afrika.

Deutsche Vorreiter-Kommunen und Bioenergiedörfer, wie zum Beispiel Neustrelitz, Chemnitz oder Wildpoldsried, in meiner Heimat im Allgäu, verfügen über das praktische Know-how.

Drittens werden wir die berufliche Ausbildung von Energie-Fachkräften stärken.

Wir verstärken unser Engagement in der Aus- und Weiterbildung mit der neuen "Ausbildungsinitiative Energie". Das schafft Job-Perspektiven: 4,5 Millionen Arbeitsplätze kann grüne Energie in den nächsten Jahren bringen!

Viertens: Wir mobilisieren Investitionen auf lokaler Ebene, über örtliche Spargemeinschaften, Genossenschaften und lokale Banken. Wir werden unsere Fördersysteme anpassen und ausbauen. Denn nachhaltige Energieversorgung in Afrika braucht viele kleine Investitionen von lokalen Unternehmen, Banken und Kommunen.

Fünftens: Wir werden möglichst viele Betriebe mit grüner Energie versorgen.

Weg mit den Dieselgeneratoren – hin zu nachhaltiger Stromversorgung! Und zwar von den kleinsten bis hin zu den mittleren Betrieben. Wir starten sofort mit dem Agrarsektor. Dabei sind unsere Grünen Zentren Innovationsvorbilder.

Dafür brauchen wir Sie alle als Partner: die Kommunen, die Stadtwerke und die Genossenschaften. Sie verfügen über die Erfahrungen, das Wissen und die Netzwerke, die es braucht. Und das BMZ wird Sie unterstützen mit Beratung, Förderung und Finanzierung, zusammen mit der DEG, der GIZ und der KfW.

Die Genossenschaftsväter Schulze-Delitzsch und Raiffeisen waren überzeugt: "Gemeinsam kommen wir weiter". In Afrika klingt das ganz ähnlich: "Wenn du schnell gehen willst, geh alleine. Wenn du weit gehen willst, geh mit anderen".

Zusammen können wir Afrika zum Leuchten bringen! Das ist eine Riesen-Chance, auch für den globalen Klimaschutz.

Lexikon der Entwicklungspolitik

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