Hauptinhalt

Juni

Rede von Bundesentwicklungsminister Dr. Gerd Müller bei der "World Food Convention" am 22.6.2017 in Berlin


Es gilt das gesprochene Wort!

Sehr geehrter Herr Maroldt,
Exzellenzen, sehr geehrte Damen und Herren,

danke, dass Sie sich um das wichtigste Thema der Menschheit kümmern: die Sicherung der Ernährung; die große Herausforderung Hunger.

Täglich sterben rund 8.500 Kinder – heute, gestern, immer. Infolge von Hunger oder Mangelernährung – und wir schauen weiter zu. Wir müssen etwas tun, denn der Planet hat schon heute genug Nahrung, um alle satt zu machen. 800 Millionen Menschen hungern. 155 Millionen Kinder leiden an chronischer Mangelernährung. Allein am Horn von Afrika, im Südsudan und im Jemen sind 20 Millionen Menschen – davon mehr als zwei Millionen Kinder – in akuter Lebensgefahr. 

Ich sage: In einer Welt, in der genug Nahrung für alle vorhanden ist, ist Hunger Mord! Zuschauen geht nicht. Wir müssen handeln! Denn EINEWELT ohne Hunger ist möglich. Wir müssen alle an einem Strang ziehen: Wissenschaft, Politik, Diplomatie, Unternehmen, Verbände, Zivilgesellschaft.

Denn die Herausforderungen steigen rasant: Jedes Jahr müssen über 80 Millionen Menschen zusätzlich satt gemacht werden. Das ist möglich. Aber es ist eine große Herausforderung! Wir haben kein Erkenntnisproblem, wir haben ein Umsetzungsproblem. Wir wissen: Im ländlichen Raum entscheidet sich die Zukunft der Menschheit!

Ausreichend gesunde Ernährung für alle, Jobs für Millionen junge Menschen, Schutz von Wasser, Böden, Wäldern, die Zukunft des Weltklimas, die Energiewende mit Wind, Sonne, Biomasse: Das alles entscheidet sich dort.

Der ländliche Raum darf nicht Globalisierungs-Verlierer sein! Ländliche Entwicklung muss Top-Thema sein! Wir müssen auch dazu beitragen, die permanente Landflucht in Afrika oder Indien zu stoppen.

Was muss geschehen? Ich nenne dazu fünf Punkte, an denen wir unsere Politik und unsere Maßnahmen ausrichten müssen.

Erstens: Wir müssen in Hungerkrisen schneller reagieren können. Es darf nicht erst gestorben werden, bevor etwas geschieht. Wir müssen heraus aus dem Teufelskreis: Wo Hunger und Armut herrschen, steigt die Gefahr bewaffneter Konflikte. Und umgekehrt sind bewaffnete Konflikte – neben Naturkatastrophen – die Haupt-Auslöser für Ernährungskrisen.

Wir sehen den Teufelskreis akut am Horn von Afrika und im Südsudan. Wir brauchen – um Überleben zu sichern – eine Größenordnung von vier Milliarden US-Dollar, um das Überleben in den akut betroffenen Ländern zu sichern. Aber nur eine Milliarde ist da. Wo bleibt der Aufschrei in der Welt?

Deshalb habe ich vorgeschlagen: Die Vereinten Nationen müssen endlich handeln können, bevor es zu spät ist! Dafür brauchen wir dringend einen globalen Krisenreaktionsfonds in Höhe von 10 Milliarden US-Dollar, der präventiv zur Verfügung steht und schnelle Hilfe garantiert. Wir müssen vorausschauend handeln können!

Zweitens: Landwirtschaft muss produktiver und ressourcenschonender werden. Es braucht eine Grüne Revolution 2.0! Wir brauchen eine Steigerung der Nahrungsmittelproduktion um 50 Prozent.

Ich sage: In der Vergangenheit wurden Fehler gemacht. Fortschritt ging zu oft auf Kosten von Umwelt und sozialer Gerechtigkeit. Die Folgen sind in vielen Ländern zu sehen: erodierte Böden, verseuchtes Grundwasser, abgeholzte Wälder, Soja- oder Palmöl-Monokulturen, vertriebene Bauern.

Wir brauchen deshalb soziale, ökologische und nachhaltige Innovationen, für die 500 Millionen kleinbäuerlichen Betriebe, denn sie sind das Rückgrat der Welternährung. Eine Grüne Revolution 2.0 von unten, nicht von oben!

Mit unseren 14 Grünen Innovationszentren haben wir Leuchttürme gesetzt. Wir zeigen: Es geht! Wir haben die Technologie, wir haben das Saatgut, wir haben das Wissen, um Produktivität zu steigern, angepasst und nachhaltig.

Wir können Erträge vervielfachen: mit mehr Wissen und besserer Organisation. Wir kennen das doch aus unserer eigenen Geschichte. Ich erinnere an die "Hungervereine" in Deutschland, an die Kooperativen und Genossenschaften, in denen sich die Kleinbauern zusammengeschlossen haben, gemeinsam eingekauft haben, gemeinsam produziert und vermarktet haben.

Wir haben Wissen und transportieren Wissen über die Innovationszentren zu unseren Partnerländern. Zum Beispiel in Nigeria hat anderes Saatgut die Kartoffelerträge mehr als verdoppelt! Und dies ohne Gentechnik. Oder in Benin, wo ich selber Reis pflanzen durfte – dort werden fünf statt drei Tonnen Reis pro Hektar geerntet. Durch Kreuzung von Saatgut aus Asien und Afrika. Denn Wissen ist heute weltweit vorhanden, wir müssen nur fragen: Welches Saatgut passt in welche Region zu welchem Klima zu welchen Böden? Und so ist es möglich, dass die Kreuzung von Reispflanzen aus Asien und Afrika die Reisernte vervielfacht.

Wir fördern klimaintelligente Landwirtschaft, zum Beispiel über die Wiederherstellung von Bodenfruchtbarkeit. So können die Böden besser Wasser speichern für trockene Zeiten. Und Kohlenstoff, und so einen Beitrag zum Klimaschutz leisten. Wir fördern Klimaanpassung durch Saatgut, das Dürren und Überflutungen übersteht.

Und durch bessere Lagerung, Verarbeitung und Konservierung. Denn wenn ich sage: Eine Welt ohne Hunger ist möglich – dann sind Lagerung, Konservierung, Verarbeitung zentrale Themen. Im Schnitt verrottet rund ein Drittel der Ernte. In manchen Entwicklungsländern sogar bis zu 50 Prozent! Und es sind oft einfachste Lösungen, die wir transportieren können. Wir haben auch Innovationen: Beispiel Scuba-Reis, resistent gegenüber Überschwemmungen – diese Sorte sichert kleinen Betrieben an abgelegenen Standorten den Ertrag.

Drittens: Wir brauchen nicht nur mehr, sondern reichhaltigere Nahrung für alle. Weltweit sind 2 Milliarden Menschen mangelernährt: Sie bekommen zwar genug Kalorien, aber zu wenig Nährstoffe. Sie können ihr Potential nicht entwickeln, bleiben zurück, geistig und körperlich.

Die Folgen sind dramatisch, am Ende für alle. Und darum brauchen wir nicht nur mehr Nahrung, sondern mehr nährstoffreiche Nahrungsmittel.

Wir müssen Innovationen fördern und offen sein für Ungewohntes. Algen zum Beispiel: proteinreich, vitaminreicher als die meisten unserer Nutzpflanzen vom Acker. Und dabei nachhaltig, weil sie ohne zusätzliche Landwirtschaftsflächen wachsen. Oder Insekten: Sicher für uns gewöhnungsbedürftig. Aber für rund zwei Milliarden Menschen in Afrika, Asien und Lateinamerika bereits ein wichtiges Nahrungsmittel. Der Vorteil: Insektenzucht braucht nur wenig Wasser, Fläche und Futtermittel. Und auch Fisch ist und bleibt enorm wichtig. Darum fördern wir nachhaltige Aquakulturen – und schützen die Meere. Denn Meeresschutz ist Menschenschutz!

Viertens: Ländliche Räume müssen Zukunfts-Räume sein! Die afrikanischen Regierungen dürfen nicht nur auf ihre Hauptstädte schauen. Die meisten Menschen leben auf dem Land. Sie brauchen Perspektiven. Stadt und Land müssen sich gemeinsam entwickeln. Die Landbevölkerung braucht: gute Schulen, Gesundheitsdienste, Zugang zu Strom und fließend Wasser. Zugang zu Krediten, um in die eigene Zukunft investieren zu können. Und zwar gleichberechtig, Frauen und Männer. Sie brauchen sichere Landrechte, Verlässlichkeit statt Angst vor willkürlicher Vertreibung.  

Wir unterstützen die Förderungen der Frauen. Wir unterstützen Landrechtsexperten und  verbessern den Zugang zu Agrarfinanzierungen. Wir fordern: Keine öffentliche Förderung von Investitionen ohne Einhaltung hoher Standards! Kein Land Grabbing! Dies gilt für Regierungen genauso wie für Investoren.

Trotz dieser dynamischen Bevölkerungsdynamik: Der afrikanische Kontinent hat die Ressourcen, um alle seine Menschen satt zu machen – und vom Importeur zum Exporteur zu werden. Das ist eine Einschätzung, die nicht alle teilen, die aber unsere Experten klar unterstreichen.

Wir brauchen eine Job-Offensive für den ländlichen Raum. Wir brauchen mehr lokale Wertschöpfung. Bis 2050 erwarten wir allein in Afrika eine Verdopplung der Bevölkerung. Die Jugend auf dem Land in Afrika braucht Arbeit! Denn allein in Afrika kommen bis 2030 rund 440 Millionen Menschen auf den Arbeitsmarkt, die Mehrzahl von ihnen lebt auf dem Land. Und die meisten wollen dort auch bleiben!

Arbeitsplätze werden nicht nur in der Industrie entstehen, das ist meistens erst der zweite oder dritte Schritt – das war bei uns in Europa nicht anders. Eine moderne Ernährungswirtschaft schafft zwei- bis viermehr Jobs als andere Branchen: nicht nur in der Landwirtschaft, sondern in vielen kleinen und mittleren verarbeitenden Unternehmen.

Ich nenne ein Beispiel aus Kenia: Die Mangosaft-Fabrik Kevian – finanziert unter anderem von der Deutsche Investitions- und Entwicklungsgesellschaft (DEG) – schafft Jobs und verlässliche Abnehmer für Kleinbauern in der Region, deren Früchte sonst oft ungenutzt verrotten. Davon profitieren heute bis zu 100.000 Menschen. Dieses Beispiel müsste man vertausendfachen! Dazu brauchen wir Privatinvestitionen aus der Privatwirtschaft.

Sie, meine Damen und Herren, haben heute früh Kaffee oder Kakao getrunken. Ich war gestern bei Tchibo – sie haben berichtet, sie stehen im Augenblick bei 40 Prozent Kaffee aus nachhaltiger Produktion. Ihr Ziel ist 100 Prozent. Das muss unser aller Ziel sein!

Wenn Sie in Berlin ein Kilo Kaffee kaufen, kostet das bis zu 10 Euro – der Bauer hat für seine Kaffeebohnen nur wenige Cent erzielt. Aus wenigen Cent werden 10 Euro! Oder, wenn Sie Kaffeekapseln kaufen, sogar bis zu 80 Euro! Wenige Cent auf der Plantage reichen aber oft nicht zum Überleben.

Nachhaltige Wertschöpfungsketten müssen auch den Menschen am Anfang der Kette, auf den Plantagen, einen existenzsichernden Lohn bieten.

Sie alle, meine Damen und Herren, können dazu beitragen, nachhaltig zu konsumieren. Und Handel und Wirtschaft in Deutschland sollten sich das Ziel vornehmen, 100 Prozent zertifiziert im Einkauf der Rohprodukte dafür zu stehen, dass die Produzenten in Afrika und Lateinamerika ein Existenzminimum bekommen!

Solange aber Kaffee, Kakao, Baumwolle nur als Rohprodukte exportiert werden, werden andere den eigentlichen Profit machen!

Nötig sind Investitionen in Infrastruktur: Straßen, Stromversorgung, lokale und regionale Märkte. Es braucht effizientere Verwaltungen und bessere Investitionsbedingungen für die weiterverarbeitende Industrie. Dafür stehen die jeweiligen Regierungen in der Pflicht – im Rahmen der Compacts with Africa werden wir sie dabei unterstützen. Denn Afrika braucht mehr Privatinvestitionen. Wir machen uns auf den Weg. Unter der diesjährigen deutschen G20-Präsidentschaft hat die Bundeskanzlerin das Thema hoch auf die Agenda gesetzt.

Fünftens: Wir müssen vom freien zum fairen Handel kommen. Mit fairem Handel erreichen wir die schnellsten Entwicklungserfolge. Denn alle Anstrengungen sind wertlos, wenn die internationalen Spielregeln nicht stimmen, Zollschranken, Quoten und vieles mehr.

Auch hier möchte ich einen konkreten Vorschlag machen. Eine Vision formulieren. Einer der nächsten Schritte könnte sein, dass wir den nordafrikanischen Raum in einen gemeinsamen europäischen Wirtschaftsraum integrieren; Tunesien, Marokko, Algerien und Ägypten eine echte Mittelmeer-Partnerschaft anbieten.

Denn noch hat der nordafrikanische Raum wegen Zollschranken und Quoten nicht die Möglichkeit, unbeschränkt, offen und frei Südfrüchte, Oliven und andere dort wachsende Früchte bei uns zu verkaufen. Ich halte es für besser, die Menschen gerade in der Landwirtschaft mit ihren Produkten auf die Märkte zu lassen, und nicht auf der anderen Seite deutsche Steuergelder als Entwicklungsgelder dort hinzuführen. Nachhaltig ist die Eigenanstrengung! So könnten tunesische Tomatenbauern bis zu 300 Millionen Euro zusätzlich einnehmen! Gleiches gilt für nicht raffiniertes Olivenöl.

Investitionen in die ländliche Entwicklung sind Investitionen für eine sicherere Zukunft!

Wenn Sie die aktuellen Krisen und Kriege ansehen – womit hängen sie zusammen? Es wirft sich keiner freiwillig in die Boote übers Mittelmeer. Es macht sich keiner freiwillig auf den Weg durch die Wüste in Niger und Libyen. Die Ursache ist fast immer Arbeitslosigkeit, Hoffnungslosigkeit, Kriege und Krisen. Und Hunger und Not sind oft Hintergrund von Kriegen und Krisen. Menschen, die das Tägliche zum Leben haben, sind friedlicher.

Deswegen sind Investitionen in Zukunft, Ernährung, Ausbildung und Arbeitsplätze auch und gerade Friedenspolitik! Und hier muss mehr investiert werden. Wenn ich gefragt werde: Wo sind Eure Erfolge, könnt Ihr die Probleme der Welt lösen? Dann sage ich: Ja, es gibt die Lösungen! Aber wenn wir die Schwerpunkte so setzen wie heute – dass wir weltweit mehr als zehnmal so viel für Rüstung und Verteidigung ausgeben, nämlich rund 1.700 Milliarden Euro, wie für Entwicklung, nämlich 160 Milliarden – dann kann man nicht mit dem Finger auf die NGOs und auf die Entwicklungspolitik zeigen und sagen: Wo sind denn die Erfolge?

Gebt uns die 0,7 Prozent weltweit – dann werden auch Quantensprünge in der Entwicklung erfolgen!

Das Ziel, Hunger zu bekämpfen, ist international auf der Tagesordnung. Bei der G7 wurde das Ziel formuliert, 500 Millionen Menschen bis zum Jahr 2030 aus Hunger zu befreien. Und es ist in den letzten 20 Jahren gelungen, hunderte Millionen aus Hunger und Armut zu entwickeln. Und auch beim G20-Gipfel ist es Thema. Welt ohne Hunger ist möglich! Vielen Dank!

Lexikon der Entwicklungspolitik

Fenster schließen

 

Seite teilen