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Januar

Geiz ist nicht geil


Gastbeitrag von Bundesentwicklungsminister Gerd Müller in der Frankfurter Rundschau.​

Eine gerechtere Welt ohne Hunger ist möglich – aber Handel, Industrie und Konsumenten müssen dafür etwas tun.

Die Feiertage waren im Lebensmittelhandel mal wieder eine Zeit der Sonderangebote und Rabattaktionen. Aufmerksame Schnäppchenjäger konnten etwa bei Kaffee oder Kakaoprodukten oft mehr als 30 Prozent sparen. 30 Prozent mehr oder weniger: So einfach ist das Auf und Ab der Preise. Die üblichen Gewinnmargen der großen Konzerne machen es möglich. Bei uns wird dies gerne als "Preiskampf” bezeichnet. Dabei handelt es sich um einen Kampf ums nackte Überleben für den Kaffeebauern in Äthiopien oder den Kakaobauern in der Elfenbeinküste, die von unserer Marktmacht abhängig sind.

Jeder Deutsche konsumiert im Durchschnitt zwölf Kilogramm Schokolade im Jahr. Rund 60 Prozent unserer kakaohaltigen Lebensmittel werden nicht nachhaltig hergestellt. Pro Tafel Schokolade kommen nur rund fünf Cent beim Bauern an. Der Tageslohn liegt in der Elfenbeinküste gerade mal bei 50 Cent, in Ghana bei rund 80 Cent. Für mich schmeckt so produzierte Schokolade nicht mehr süß, sondern nur noch bitter.

Zum Vergleich: Statt fünf Cent pro Tafel bei herkömmlicher Schokolade kommen bei fair gehandelter Schokolade 50 Cent beim Bauern an, zehn Mal mehr. Die Rechnung zeigt: Die Kakaobauern in Afrika könnten ein Leben ohne Armut führen wenn wir bereit wären, nur wenige Cent mehr für die Tafel Schokolade zu zahlen. Die Bauern könnten mit ihren Familien ein menschenwürdiges Leben führen mit Gesundheitsversorgung und Schule, mit Zukunftsperspektiven für ihre Kinder.

Ein kleiner Geldbetrag mit einer großen Wirkung. Jeder von uns muss sich also fragen: Wie viel sind wir bereit zu zahlen für einen fairen Handel und einen fairen Einkauf? Was ist uns letztlich eine gerechtere Welt wert? Wir alle tragen Verantwortung: Lebensmittelindustrie, Handelsketten und auch jeder Einzelne. Geiz ist nicht geil. Sparsamkeit an falscher Stelle ist verantwortungslos.

In der globalisierten Welt ist das Schicksal anderer Regionen auch unser Schicksal. Die Art und Weise, wie wir produzieren, handeln und konsumieren, hat erheblichen Einfluss auf die Lebensverhältnisse in anderen Teilen der Welt. Häufig werden Roh-, Vor- und Endprodukte aus Entwicklungsländern importiert, bei deren Herstellung nicht nur der Mensch, sondern auch die Umwelt ausgebeutet wird.

Während die meisten der 40 bis 50 Millionen Menschen, die weltweit in der Kakaoproduktion tätig sind, unterhalb der Armutsgrenze leben, zerstört ein nicht nachhaltiger Anbau von Palmöl und Soja jedes Jahr eine Waldfläche von der Größe Serbiens. Fast 80 Prozent der globalen Entwaldung gehen auf das Konto der Landwirtschaft.

Das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) ist in diesem Jahr erneut auf der Grünen Woche mit einer eigenen Messehalle präsent. Inmitten der beeindruckenden Leistungsschau der Agrar- und Ernährungswirtschaft setzen wir ein Zeichen: Die Globalisierung darf die Welt nicht weiter spalten in einige Gewinner hier und viele Verlierer in Entwicklungs- und Schwellenländern. Globalisierung muss Mensch und Umwelt dienen. Produktion, Handel und Verbraucher benötigen den richtigen moralischen Kompass: Nachhaltigkeit und Gerechtigkeit.

Das Bewusstsein muss gestärkt werden, dass jeder Einzelne zu einer gerechteren Welt beitragen kann, zu einer Welt ohne Hunger und mit guten Entwicklungsmöglichkeiten für nachfolgende Generationen. Dafür ist aber Klarheit und Transparenz erforderlich. Genauso, wie wir beim Einkauf die Preise vergleichen können, müssen wir die Herkunft der Produkte und die Produktionsbedingungen vergleichen können. Nur so ist verantwortungsvoller Einkauf möglich.

Wir setzen uns dafür ein, dass glaubwürdige Umwelt- und Sozialsiegel die erforderliche Orientierung schaffen. Unser Portal siegelklarheit.de wird ständig ausgebaut.

Noch ist fairer Handel ein kleines Marktsegment. Aber ich bin zuversichtlich. Der Umsatz mit fair gehandelten Produkten hat sich in fünf Jahren verdreifacht und erreichte 2015 die Rekordmarke von über 1,1 Milliarden Euro. Das BMZ unterstützt die Fair-Handelsorganisationen dabei, zukünftig noch besser über die entwicklungspolitischen Zusammenhänge des internationalen Handels aufklären.

Nicht nur Einkauf und Handel, sondern auch Ernte und Produktion in den Herkunftsländern müssen fairer werden. In vielen Ländern des Südens herrschen katastrophale Arbeitsbedingungen, auf Feldern ebenso wie in Fabriken. Jedes Jahr sterben nach Angaben der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) mehr als zwei Millionen Männer und Frauen durch Arbeitsunfälle und Berufskrankheiten. Im Rahmen unserer Entwicklungszusammenarbeit werden wir künftig die Einhaltung von Umwelt- und Sozialstandards von den Partnern einfordern.

Aber die Fortschritte durch verantwortungsvolles Handeln von Bürgern und Unternehmen dürfen nicht durch entfesselte und unregulierte Marktkräfte oder verzerrende Agrarsubventionen konterkariert werden. Wir setzen uns dafür ein, dass Globalisierung gerecht gestaltet wird.

Auf der Grünen Woche demonstrieren wir: Die Erde bietet genug für eine ausreichende und gesunde Ernährung für alle Menschen. Und sie wird auch künftig eine wachsende Weltbevölkerung ernähren können, ohne dass der Planet ausgeplündert wird. Eine gerechtere Welt ohne Hunger ist möglich mit fairem Konsum und Innovationen.

Lexikon der Entwicklungspolitik

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