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April

Rede von Minister Gerd Müller bei der G20-Konferenz "EINEWELT ohne Hunger ist möglich. Die Zukunft des ländlichen Raums"


am 27. April 2017 in Berlin

Es gilt das gesprochene Wort!

Sehr geehrte Damen und Herren,

Ich freue mich, dass Sie alle hier sind: Vertreter der Nichtregierungsorganisationen, der Wissenschaft, der Wirtschaft, die Vertreter der Jugend. Ich begrüße Sie sehr herzlich zu dieser G20-Konferenz.

Eine Welt ohne Hunger ist möglich.

Ich sage dies auch angesichts der aktuellen Krise. Der Blick zum Horn von Afrika, nach Südsudan, in den Jemen ist bedrückend und beschämend zugleich. Dort geht es um das nackte Überleben. Aber nicht nur dort wird gehungert – und an Hunger gestorben. Weltweit hungern 800 Millionen Menschen. Zwei Milliarden sind mangelernährt, sie bekommen zwar genug Kalorien, aber zu wenig Nährstoffe. Alle zehn Sekunden stirbt ein Kind an Hunger oder Mangelernährung: 8.500 Kinder pro Tag.

Wir dürfen das nicht zulassen. Wir können und müssen das verhindern.

Hunger ist Mord, denn wir haben die Mittel und Möglichkeiten, eine Welt ohne Hunger zu verwirklichen. Ich fordere die Weltgemeinschaft auf, nicht länger tatenlos zuzusehen. Wir brauchen eine bessere Landwirtschaft und eine höhere Wertschätzung des ländlichen Raumes. Die Zukunft der Menschheit entscheidet sich im ländlichen Raum, denn:

  1. Dort wird der Kampf um ausreichende und gesunde Ernährung geführt.
  2. Dort müssen Arbeits- und Lebensperspektiven für junge Menschen geschaffen werden.
  3. Dort müssen die wichtigsten Ressourcen geschützt werden: Wasser, Böden, Wälder.
  4. Dort ist eine globale Energiewende möglich: Windenergie, Solarenergie, Biomasse.

Welternährung, Arbeitsplätze, Erhalt der natürlichen Ressourcen und der Klimawandel – dies sind die großen globalen Herausforderungen und die Lösung heißt: nachhaltige ländliche Entwicklung!

Aber der ländliche Raum hat noch viel zu wenig politische Aufmerksamkeit und viel zu wenig wirtschaftliche Investition. Die Staaten der Welt müssen Verantwortung übernehmen für den ländlichen Raum. Wir brauchen eine Entwicklung von Stadt und Land – Hand in Hand.

Die heranwachsende Generation auf dem Land darf nicht zum Verlierer der Globalisierung werden. Wir als deutsche G20 Präsidentschaft haben daher das Thema "Jugendbeschäftigung im ländlichen Raum" auf die Agenda gesetzt.

Zehn Punkte möchte ich besonders herausstellen.

Erstens: Wir müssen bis 2030 Hunger und jede Form von Fehlernährung überwinden. Wir müssen beides tun, den Hunger kurzfristig stillen und ihn langfristig überwinden. Ausreichende und gesunde Ernährung ist Grundlage jeder Entwicklung. Kinder, die mangelernährt sind, können nicht richtig lernen und werden um ihre Lebensperspektiven betrogen. Investition in Ernährung ist wirksamste Zukunftsinvestition überhaupt. Sie ist machbar und bezahlbar – schauen wir uns nur die weltweiten Ausgaben für Rüstung an!

Zweitens: Die Welt braucht eine innovative und klimaintelligente Landwirtschaft. Dürre in Ostafrika gibt einen bitteren Vorgeschmack, was der Klimawandel mit sich bringt. Und diesen Klimawandel haben die reichen Länder verursacht! Kein anderer Wirtschaftszweig ist so vom Klimawandel abhängig wie die Landwirtschaft. Das Gute ist: Wichtige Lösungsansätze sind bekannt, kostengünstig und praxistauglich. Wälder speichern Wasser. Klimaresilientes Saatgut ist zumindest teilweise verfügbar und muss nun verbessert werden. Bessere Lagerung und Konservierung machen weniger anfällig für Krisen.

In der Vergangenheit wurden Fehler gemacht. Die Grüne Revolution hatte ihre Schattenseiten. Oft ging Fortschritt zulasten von Umwelt und sozialer Gerechtigkeit. Wir können aber aus den Fehlern der Vergangenheit lernen. Wir haben jetzt die Möglichkeit einer neuen Grünen Revolution.

Grüne Revolution 2.0, das heißt: Innovation durch moderne angepasste Technik zum Wohle der Kleinbauern, effiziente Organisation und faire internationale Regeln im Agrarhandel. Wir brauchen eine "Ernte von unten": Mehr Produktivität, aber mit nachhaltigen Methoden, die den Kleinbauern in den Mittelpunkt stellen!

Wir brauchen eine Innovationsoffensive. Mit unseren Grünen Innovationszentren zeigen wir: Seht her, es geht! Wir können Erträge vervielfachen. Nicht mit mehr Flächen und mehr Dünger, sondern mit modernem Wissen und besserer Organisation. Aber Innovation braucht Investitionen. 70 Prozent der Investitionen in die Landwirtschaft stammen von Kleinbauern. Wir ebnen den Weg für Mikrokredite und neue Formen der Agrarfinanzierung

Drittens: Wir brauchen nicht nur Landwirtschaft, sondern eine umfassende Entwicklung des ländlichen Raumes. Die Menschen auf dem Land brauchen die gleichen Lebensperspektiven und Rechte wie Stadtbewohner. Das ist nicht immer selbstverständlich. Der ländliche Raum braucht Infrastruktur, Energieversorgung, Krankenhäuser, Schulen. Menschen haben ein Recht auf Bildung und Gesundheit, egal, wo sie wohnen.

Und der ländliche Raum braucht eine Job-Offensive für mehr Beschäftigung, nicht nur in der Landwirtschaft, sondern in vielen kleinen und mittleren Unternehmen. Gut, dass dieses Thema jetzt auf der G20-Agenda steht! Eine moderne Agrar- und Ernährungswirtschaft schafft Jobs: Pro investiertem Dollar 2–4mal mehr als andere Branchen! Allein in Afrika werden bis 2030 etwa 440 Millionen junge Menschen zusätzlich auf den Arbeitsmarkt kommen, die Mehrzahl von ihnen auf dem Land.

Unser Ziel: Neue Jobs durch mehr Wertschöpfung! Dafür steht mein Marshallplan mit Afrika: Private Investitionen für mehr Wertschöpfung "made in Africa"! Auch Entwicklungsländer müssen mehr tun. Nur 3 Prozent der staatlichen Ausgaben fließen in den Landwirtschaftssektor, von dem 70 Prozent der Bevölkerung leben. Afrikanische Länder haben sich 10 Prozent vorgenommen – das ist gut!

Viertens: Menschen benötigen sichere Landrechte. Über eine Milliarde Menschen leben vom Land und haben keine sicheren Landrechte. Ihnen droht Vertreibung von ihrer Lebensbasis. Sie haben so kaum Möglichkeiten, Kredite zu bekommen. Sie haben wenig Anreiz, in den Bodenerhalt zu investieren. Staaten haben die Verantwortung, die Rechte der Schwachen zu schützen. Aber auch Investoren haben eine Verantwortung: Kein Land Grabbing! Daher fordern wir: keine öffentliche Förderung von Investitionen ohne Einhaltung hoher Standards!

Fünftens: Wir müssen für die Gleichberechtigung der Frauen kämpfen. Das Thema war vorgestern auf der G20-Agenda! Frauen haben oft – immer noch! – geringere Bildungschancen, kein Recht auf Landbesitz, schlechten Zugang zu Krediten. Allein durch Überwindung dieser Benachteiligung könnte die Landwirtschaft 15 Prozent der Hungernden ernähren. Regierungen müssen vor allem an der Verbesserung der Bildungschancen für Mädchen und Frauen arbeiten. Aber auch der Privatsektor, die Zivilgesellschaft und Religionsgemeinschaften sind gefordert, wenn es um gleiche Rechte für Mädchen und Frauen geht!

Sechstens: Die Welt braucht faire Agrarlieferketten und fairen Einkauf. Kleinbauern und Plantagenarbeiter profitieren noch nicht von der Globalisierung. Viele leben immer noch deutlich unter der Armutsgrenze. Bei vielen Agrarprodukten wie zum Beispiel Kakao, Kaffee und Baumwolle fehlt eine lokale Wertschöpfung. Exportiert wird nur das Rohprodukt, die Profite werden anderswo gemacht. Aber: Ob der Kakaobauer von seiner Arbeit überleben kann – das liegt auch an uns! Mit nachhaltig und fair gehandelten Produkten für existenzsichernde Löhne.

Siebtens: Der weltweite Agrarhandel muss entwicklungskompatibel werden. Die Spielregeln müssen stimmen. Wir brauchen eine Fairness-Offensive im Agrarhandel. Handelsverzerrende Agrarsubventionen beeinträchtigen die Entwicklung der Landwirtschaft in Entwicklungsländern. Sie brauchen offene Märkte. Zum Beispiel ist der Zugang Nordafrikas zum EU-Markt für Obst und Gemüse über Zollschranken und Quoten eingeschränkt. Tunesische Tomatenbauern könnten jährlich 300.000 Tonnen Tomaten in die EU exportieren und damit zusätzliche 300 Millionen Euro einnehmen. Die effektivste Entwicklungspolitik der EU wäre: ein gemeinsamer Wirtschaftsraum mit Tunesien, Marokko, Algerien und Ägypten – eine echte Partnerschaft.

Achtens: Die Welt muss die natürlichen Ressourcen des ländlichen Raumes schützen. Fruchtbarer Boden, sauberes Wasser und biologische Vielfalt sind die Grundlage der Welternährung. Dennoch gehen jedes Jahr weltweit 10 Millionen Hektar fruchtbaren Bodens verloren. Das entspricht einem Drittel der Fläche Deutschlands. Unsere Partnerregierungen sollten alle Ansätze und Technologien eines nachhaltigen Ressourcenmanagements nutzen.

Neuntens: Wir müssen die Wälder schützen und nachhaltig nutzen. Die globale Entwaldung schreitet voran, insbesondere durch Anbau von Soja und Palmöl, und durch Rinderzucht. Alle 4 Sekunden verschwindet Wald in der Größe eines Fußballfeldes, jährlich etwa 7,6 Millionen Hektar. Wir engagieren uns dafür, Entwaldung zu stoppen und Wälder nachhaltig zu nutzen. Wo Wälder bereits zerstört wurden, müssen sie wiederaufgebaut werden. Wälder sind Lebensgrundlage für mehr als 1,6 Milliarden Menschen! Und sie sind wichtige Kohlenstoffspeicher.

Zehntens: Wir müssen die Meere schützen und Fischerei nachhaltig betreiben. Die weltweiten Fischbestände sind bedroht. Die FAO schätzt, dass ein Drittel aller erfassten Bestände überfischt ist. Fast zwei Drittel sind bis an die Grenzen der Nachhaltigkeit ausgeschöpft. Ich setze mich für faire Fischerei-Abkommen, den Abbau von Subventionen und gegen illegale Fischerei ein.

Meine Damen und Herren,

heute Nachmittag wird diese Konferenz die Charta von Berlin vorlegen. Sie ist nicht einfach bedrucktes Papier, sondern Vision und Forderung aus der Mitte der Gesellschaft. Sie wurde gemeinsam von Zivilgesellschaft, Wirtschaft, Wissenschaft und vielen jungen Menschen erarbeitet. Vielen Dank an alle!

Es geht um die größten Herausforderungen der Welt: EINEWELT ohne Hunger und Lebensperspektiven für die nächste Generation. Wir haben "Jugendbeschäftigung im ländlichen Raum" auf die Agenda der G20 gesetzt. – Jetzt müssen wir handeln. Gemeinsam mit unseren starken Partnern aus der Gruppe der 20 wichtigsten Industrie- und Schwellenländer.

Wir wollen konkrete Aktivitäten vereinbaren, um die Lebensperspektiven der "nächsten Generation" auf dem Land zu verbessern. Dazu gehören Reformanstrengungen in Afrika, Ausbildung, Zugang zu Land und auch Investitionen. Es sind viele junge Menschen im Publikum. Denn wir wollen mit Euch und nicht über Euch sprechen.

In den letzten drei Tagen hattet Ihr einen Jugendkongress. Ich habe Euch zugehört: Ihr wollt eure Zukunft in die Hand nehmen. Ihr wollt vorangehen – kreativ, innovativ, als Gründer von Unternehmen, Initiativen, NROs. Mit Euch wird eine Grüne Revolution 2.0 gelingen.

Wir wollen alle heute die Botschaft senden: EINEWELT ohne Hunger ist möglich. Wenn alle dazu beitragen.

Lexikon der Entwicklungspolitik

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