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September

Eröffnungsrede von Bundesentwicklungsminister Dr. Gerd Müller beim Zukunftskongress


am 15. September 2016 im Deutschen Museum in München

Es gilt das gesprochene Wort!

Sehr geehrte Damen und Herren,

Wir gehen unseren Weg in die Zukunft. Schauen Sie in die Welt von morgen, die Welt unserer Kinder. Unser Planet Erde ist vier Milliarden Jahre alt. Der Mensch kam vor vier Millionen Jahren aus Afrika. Zu uns nach Europa, nach München kam er erst vor 40.000 Jahren. Wir sind alle ein Stück Afrika. Fünf Minuten sind wir, die Menschen, auf dem Planeten Erde. Und wir haben es geschafft, diesen Planeten erheblich zu verändern.

Die große Frage ist nun: wohin sind wir unterwegs? Niemand weiß das mit Sicherheit, aber die Zukunft liegt in unserer Hand. Kommt es zu einem Paradigmenwechsel unseres Konsums, unseres Wachstumsmodells, zu einer neuen globalen Verantwortungsethik? Dann können wir die Herausforderungen Hunger, Klimaschutz, Frieden, Gerechtigkeit, aber auch Flucht und Migration lösen.

Das andere Szenario ist: einfach ein "Weiter so!". Ohne nachzudenken, ohne Veränderung. Und dann könnten wir – die Menschen – den Planeten an den Rande des Abgrunds bringen. Denn die Ressourcen sind endlich. Ist ja klar. Wir leben über unsere Verhältnisse. Wenn wir unseren Konsumstil in den Industrieländern zum Wachstumsmodell in Indien, in Afrika, in diesen Wachstumsregionen machen, dann bräuchten wir jetzt schon drei Planeten. Hier ist Nachdenken und eine Veränderung notwendig.

Das Zukunftsmodell kann nicht das westliche Wachstumsmodell sein. Die globalen Herausforderungen ergeben sich aus der Bevölkerungsentwicklung. Der Mensch ist auf diesen Planeten getreten vor vier oder fünf Millionen Jahren, und er ist kräftig aufgetreten: Zu Zeiten von Jesus zählte der Planet 100 Millionen Menschen. Zu Goethes Zeit eine Milliarde. Als ich geboren wurde, hatten wir 50 Prozent der jetzigen Bevölkerung. Die Weltbevölkerung hat sich seit 1955 verdoppelt, von damals dreieinhalb auf heute mehr als sieben Milliarden Menschen. Und morgen, 2050 werden es zehn Milliarden Menschen sein.

Es gibt eine Entwicklung, die uns ganz besonders berührt: die Entwicklung Afrikas. Wir werden älter, in Deutschland, in Europa. Die Wachstumsregionen sind auf anderen Kontinenten. Eine Sonderentwicklung findet in afrikanischen Staaten statt. Afrika ist 100-mal so groß wie Deutschland, 54 Länder. Ein unglaublich interessanter und schöner Kontinent. Bis zum Jahr 2050 werden dort zwei Milliarden Babys geboren. Ich war vor kurzem in Niger und habe mit Frauen gesprochen, die sagen: ja, sie wollen zehn Kinder. Denn je mehr Kinder, desto höher die Reputation. Daraus ergeben sich natürlich große Herausforderungen. Die Frage ist, wie ernähren wir zehn Milliarden Menschen? Durch nachhaltige Landwirtschaft. Das ist möglich. Der Planet bietet die Ressourcen für zehn Milliarden Menschen. Afrika, Äthiopien waren einmal die Kornkammer Europas. Und wir brauchen dafür keine Gentechnik von Monsanto. Wir müssen nur die vorhandenen Potenziale nachhaltig entwickeln. 98 Prozent sind Kleinbauern.

Ein Beispiel, wie wir den Wissenstransfer heute gestalten, sind die 12 Grünen Zentren, die wir im Entwicklungsministerium in Indien und Afrika umgesetzt haben. Mir geht es immer darum, nicht nur die Probleme zu beschreiben, sondern Lösungen umsetzen. Zeigen, dass es geht. Im grünen Zentrum in Benin haben wir eine neue Reispflanze aus einem asiatischen Staat mitgebracht. Es wird uns gelingen, den Ertrag innerhalb von zwei Jahren zu verdoppeln, und wenn wir ganz gut sind, zu verdreifachen: von einer auf drei bis vier Tonnen Reis – nur durch den Austausch von Wissen, von Sorten, von Samen, die vorhanden sind.

Eine Welt ohne Hunger ist möglich. Wir haben in Indien 40 Prozent Nachernteverlust. Die Ernte ist gut, aber 40 Prozent verrottet auf der Straße. Auch hier sind wir gefordert.

Wenn Sie fragen, hat Entwicklungspolitik denn eine Wirkung? Dann sage ich, wir haben Wirkung, und wir haben heute die Möglichkeiten, diese Wirkungen zur Entfaltung zu bringen.

Die zweite große Überlebensfrage der Menschheit wird sein: Wie stillen wir den Energiehunger von zehn Milliarden Menschen? Bei uns waren das Öl und Kohle. Morgen brauchen wir, heute brauchen wir eine globale Energiewende. Im Übrigen auch eine globale Verkehrswende, aber das möchte ich jetzt nicht ausführen. Unsere Modelle aus Ingolstadt und Neckarsulm sind nicht die Modelle für die Zukunft der Mobilität Afrikas oder Indiens.

Zurück zum Energiethema: Wie lösen wir die Energiefrage? Ich war in Indien und habe mit dem Energieminister ein Abkommen geschlossen zum Aufbau einer Solarpartnerschaft. Dann habe ich ihm symbolisch eine Solartaschenlampe geschenkt und er sagte zu mir: "Ihr Europäer, ihr Deutschen habt 60, 80, 100 Jahre lang den Planeten ausgebeutet und euren Wohlstand auf der Basis der Verbrennung fossiler Brennstoffe wie Öl, Kohle, Gas aufgebaut. Und ihr macht ja auch weiter, euer pro Kopf Ausstoß von CO2 liegt um das zehnfache höher als in Indien. Jetzt kommen Sie als deutscher Minister und schenken mir eine Solar-Taschenlampe und sagen: die Zukunft ist die Nutzung der Sonne. Aber wir haben Kohle. Kohle ist billig, ist örtlich und deshalb müssen wir Kohle nutzen." Das müssen wir ändern – durch Kooperationen mit Indien und China. Die Chinesen entwickeln im Augenblick 170 Kohlekraftwerke. Jede zweite Woche kommt ein neues Kohlekraftwerk hinzu.

Aber auch hier ist nicht nur Hoffnung, sondern auch Entwicklung. Was vor zwei Jahren niemand für möglich gehalten hätte: In der vergangenen Woche haben China, die USA und Brasilien das Klimaabkommen von Paris ratifiziert. Ich durfte vor drei Monaten, im Beisein der Bundeskanzlerin, ein deutsch-chinesisches Zentrum für Nachhaltige Entwicklung auf den Weg bringen. China hat verstanden, die USA hat verstanden. Deshalb bin ich optimistisch.

Wir gehen in eine neue Energiezeit. Die Wüste liefert 365 Tage Sonne. Wenn es uns gelingt, die Sonne zum Energieträger der Zukunft zu machen, ist die Sahara ist ein Glücksfall für Europa, und für Afrika sozusagen die Basis für Entwicklung. Die Basis für Zukunft für hunderte von Millionen von Menschen.

Und wir sind bereits auf dem Weg in die Zukunft. Das modernste und größte Solarkraftwerk, in dem Speicherung von Energie auch schon Wirklichkeit ist, steht in Ouarzazate in der Wüste Marokkos – gebaut unter anderem mit deutschen Entwicklungsgeldern. Dieses Kraftwerk liefert Energie für eine Million Menschen. Es ist gebaut mit deutschen Entwicklungsgeldern. Die Turbine ist von Siemens, und die 550.000 Solarspiegel kommen aus dem Bayerischen Wald. Deutsche Innovation ist der Schlüssel. Wir haben die Lösungen für diese Fragen, und das schafft Win-Win Situationen. Ich bin nicht der Brunnenbauer vergangener Zeiten. Wir bringen Innovation, wir bringen Zukunft in unsere Partnerländer.

Der wichtigste Schlüssel zur Lösung der Probleme, der Herausforderungen ist: Bildung, Bildung, Bildung. Insbesondere Frauen brauchen freien und offenen, gleichberechtigten Zugang zu Schulen und zu Bildung. Entwicklung, Zukunft, Wohlstand – der Schlüssel dazu ist Bildung. Deshalb ist mein Ziel, in unserem Haus, aber auch weltweit 25 Prozent der öffentlichen Ausgaben der Entwicklungspolitik in Bildung zu investieren. Bildung ist der Schlüssel für Zukunft und Innovation.

Dieser Tage wird eine Studie des Club of Rome diskutiert. In afrikanischen Staaten, zum Beispiel in Nordafrika, wo jede Frau Zugang zu Bildung hat, ist die Geburtenrate in den letzten 30 Jahren von fünf auf zwei zurückgegangen. Bildung ist auch hier der Schlüssel.

In der Frage der Gesundheit, der Ernährung – überall liegt der Schlüssel in Bildung. Ernährung und Gesundheit haben für uns einen ganz hohen Stellenwert. Morgen tagt der Global Fund in Montreal. Die Haushälter haben gestern die Zusage gemacht, dass wir die Mittel für den Globalen Fonds zur Bekämpfung von HIV/Aids, Tuberkulose und Malaria von 630 auf 800 Millionen in den nächsten drei Jahren erhöhen werden.

Und wir erzielen Wirkung! Polio gibt es praktisch nicht mehr, durch unsere Impfkampagnen. 300 Millionen Kinder, allein in Indien, sind in den letzten zehn Jahren geimpft worden.

Wir müssen neu teilen lernen. Wir auf der Sonnenseite, die Reichen, tragen eine besondere Verantwortung. Wir müssen Wertschöpfung vor Ort schaffen, Globalisierung fair gestalten. Globalisierung darf nicht der Sprössling eines modernen Sklavenhalters sein. Wenn Sie in der Früh in Ihre Jeans schlüpfen, denken Sie darüber nach: Die Jeans kostet 100 Euro, es gibt sie natürlich auch für 9,90 Euro. Wir waren in den Fabriken Pakistans, Bangladesch, Kambodscha unterwegs. Diese Jeans kostet dort mit allem drum und dran, wie wir sie im Kaufhaus hier kaufen, fünf Euro. Hier kostet sie 100 Euro. Wo bleiben die restlichen 95 Euro? Wir brauchen einen Euro mehr vor Ort in Bangladesch. Dann können die Näherinnen einen existenzsichernden Lohn bekommen, ihre Kinder zur Schule schicken, Medikamente kaufen. Das ist nachhaltige Entwicklungspolitik. Und deshalb Danke an alle Unternehmen, die sagen: Auf diesem Weg gehen wir voran.

Denn die Flüchtlings- und Migrationsströme machen deutlich: Lösen wir die Probleme nicht auf den aufgezeigten Wegen, dann kommen die Menschen zu uns. Wenn ich unterwegs bin, sehe ich wie die Menschen leben, zum Beispiel im Südsudan in einem Flüchtlingscamp brutalster Umstände. Ich habe daneben in einer einfachen Unterkunft das Fußballspiel Hertha BSC gegen Bayern München angeschaut. Und am Wochenende können die Menschen dort die Eröffnung des Oktoberfests verfolgen. Menschen in der ganzen Welt wissen, wie wir leben.

Wir haben ein Gerechtigkeitsproblem. 10 Prozent der Menschheit – wir! – besitzen 90 Prozent des Vermögens, 20 Prozent verbrauchen 80 Prozent der Ressourcen. Wir da oben, die da unten: Das muss ein Bild der Vergangenheit sein. So können wir nicht weitermachen, dass wir unseren Wohlstand auf den Ressourcen der Entwicklungsländer aufbauen. Auf Öl, Kohle, Coltan, das häufig von Kindern abgebaut werden muss. Wir benutzen die Ressourcen und dafür müssen wir faire Bedingungen schaffen, faire Preise in den Wertschöpfungsketten.

Ich bin der Bundeskanzlerin dankbar. Sie hat das Thema beim G7-Gipfel in Elmau auf die Tagesordnung gesetzt und wird es auf die Tagesordnung des G20-Gipfels setzen. Wir müssen das Welthandelssystem weiterentwickeln – weg vom Freihandel, hin zum Fairhandel. Ökologisch-soziale Grundstandards verbindlich für die multinationalen Konzerne in der Welt.

Dann können wir auch das Flüchtlings- und Migrationsproblem lösen. 65 Millionen sind heute auf der Flucht. 90 Prozent der Flüchtlinge leben nahe ihrer Heimat unter dramatischen Umständen. Wenn heute verkündet wird, als Erfolg der USA und Russland, den Waffenstillstand in Syrien um 48 Stunden zu verlängern, dann ist das ein jämmerliches Signal. Wir brauchen Frieden für immer! Und dafür müssen die Weltmächte stehen.

90 Prozent der Flüchtlinge weltweit leben in Entwicklungsländern, nicht in München. Wir in Deutschland tun eine ganz Menge, wir sind vorausgegangen, um den Engpass beim Welternährungsprogramm zu lösen. Wir investieren vor Ort. Vergangene Woche konnte ich mit Ihren Steuergeldern für die syrischen Flüchtlingskinder zum Beispiel ein Abkommen mit der Türkei unterzeichnen. Dort sind drei Millionen Flüchtlinge, 50 Prozent Kinder. Pünktlich zum Schulstart werden mit deutscher Unterstützung 6.000 syrische Lehrerinnen und Lehrer das Potenzial nutzen und in den Flüchtlingscamps in der Türkei Schulunterricht anbieten.

Wir können sehr viel tun und wir erzielen den 30, den 50-fachen Effekt in diesen Ländern. Wir müssen dort investieren. Die Menschen kommen nicht freiwillig hierher, sie haben einen schweren Gang und Weg hinter sich. Sie wollen vor Ort bleiben und ihr Land in Frieden wieder aufbauen.

Wir können die Zukunft gewinnen. Mit neuem Denken und Handeln. Und das fängt bei Ihnen an – Thema Einkauf, Thema Kaffee. Die Grundessenz ist: Nur wenn es anderen gut geht, geht es uns langfristig gut. Die Zukunft braucht Werte. Der Grundwert ist: Jeder Mensch hat ein Recht auf ein Leben in Würde. Wir brauchen Frieden mit der Erde. Einen Ausbeutungskampf gegen den Planeten können wir nicht gewinnen.

Es gab Millionen von Jahren, wo der Planet Erde existiert hat mit Dinosauriern und anderen Lebewesen, als der Mensch noch nicht da war. Wir haben es in der Hand, dass es ein Morgen gibt, dass es eine Zukunft für unsere Kinder und den Planeten gibt. Sie tragen alle dazu bei. Danke, dass Sie da sind.

Lexikon der Entwicklungspolitik

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