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September

Entwicklungspolitik ist die neue globale Zukunftspolitik!


Gastbeitrag von Bundes­ent­wick­lungs­mi­nister Dr. Gerd Müller am 13. September 2016 im Handelsblatt.

Stellen wir uns alle die Welt im Jahr 2050 vor: Kein Kind verhungert mehr, Afrika mit seiner jungen Bevölkerung erlebt einen wirtschaftlichen Aufschwung. Der Kontinent wächst und gedeiht, nachhaltige Energie, vor allem aus Sonne, schafft Millionen Arbeitsplätze. In Asien boomt die Produktion von Kleidung, die nicht die Flüsse vergiftet und von der die Näherinnen mit ihren Familien gut leben können. Durch moderne Technologien haben wir es tatsächlich geschafft, die Erderwärmung abzubremsen, die Überflutung ganzer Landstriche in Bangladesch zu verhindern.

Es kann bis 2050 aber auch ganz anders kommen: 150 Millionen Klimaflüchtlinge aus Subsahara-Afrika und den Küstenregionen Asiens machen sich auf den Weg. In unseren Meeren schwimmt mehr Plastikmüll als Fische. In Indonesien herrscht Dauersmog, weil noch mehr Urwald für die Palmölproduktion abgefackelt wird. Millionen junger Menschen ohne Aussicht auf eine Zukunft in Afrika fordern gewaltsam ihre Menschenrechte ein.

Die Welt steht am Scheideweg. Die Überlebensfragen der Menschheit stellen sich als Folge eines enormen Wachstums der Weltbevölkerung. Seit 1955 hat sie sich verdoppelt und wächst jedes Jahr um 80 Millionen Menschen. Afrika wächst am schnellsten. Bis 2050 werden dort zwei Milliarden Babies geboren. Die Bevölkerung des Kontinents wird sich in diesem Zeitraum verdoppeln. Daraus ergibt sich ein gewaltiges Ressourcenproblem. Die Sicherstellung der Ernährung, der Aufbau einer nachhaltigen Energieversorgung und das Erreichen des 2-Grad-Ziels beim Klimaschutz sind globale Herausforderungen, denen wir uns jetzt stellen müssen.

Der im vergangenen Jahr verabschiedete Weltzukunftsvertrag von New York und das Klimaabkommen von Paris zeigen die notwendigen Schritte auf. Bundeskanzlerin Merkel hat beim G7-Gipfel im oberbayerischen Elmau und auch international klargemacht: Deutschland geht bei der Umsetzung und einer nachhaltigen und gerechten Gestaltung globaler Entwicklung voraus.

Lösen wir die Probleme, die sich insbesondere in Afrika stellen, nicht jetzt vor Ort durch eine neue Qualität der Zusammenarbeit, dann kommen die Probleme zu uns.

Wir – und damit meine ich ausdrücklich auch die deutsche Wirtschaft – haben das Know-how und die Technologien um Antworten auf die Überlebensfragen der Menschheit zu geben und sie konkret in die Tat umzusetzen.

Ein Beispiel: Dank der deutschen Entwicklungspolitik und deutscher Firmen entsteht in der marokkanischen Wüste das modernste und größte Solarkraftwerk der Welt. Ein Meilenstein für Afrika auf dem Weg zum grünen Kontinent bei der Energieerzeugung. Wenn das Kraftwerk in Ouarzazate fertig ist, wird es eine Million Menschen mit sauberer Energie versorgen.

Gelingt in der Forschung auch noch der Durchbruch bei der Speicherung von Sonnenenergie, ist das Energiepotenzial der Sahara unermesslich.

Ebenso ist es möglich, eine Welt ohne Hunger zu schaffen. In China und weiten Teilen Asiens ist es in den vergangenen 30 Jahren gelungen, Hunderte Millionen Menschen aus Hunger und Armut zu befreien. Dies ist auch in Afrika möglich. Dafür sind aber Investitionen in einer ganz neuen Dimension notwendig, in Bildung und Ausbildung, in die Entwicklung der Landwirtschaft und in den Ausbau von Wertschöpfungsketten vor Ort.

Wir brauchen einen Paradigmenwechsel und müssen begreifen, dass Afrika nicht der Kontinent billiger Ressourcen ist, sondern die Menschen dort Infrastruktur und Zukunft benötigen.

Die deutsche Wirtschaft muss Afrika mehr als Chancenkontinent begreifen und Investitionen ausbauen. Insbesondere Nordafrika bietet hier große Potenziale. Schon heute sind 350 deutsche Unternehmen in Tunesien aktiv. Die Politik muss hier verbesserte Rahmenbedingungen für Investitionen schaffen: Steuerliche Anreize setzen, Hermes-Deckungen und Investitionsgarantien ausbauen und Doppelbesteuerungsabkommen erweitern.

Die EU-Handelspolitik muss entwicklungsfreundlicher gestaltet werden. Notwendig ist eine neue Mittelmeer-Initiative der EU zum Ausbau wirtschaftlicher und politischer Beziehungen. Wir Europäer haben ein herausragendes Interesse an der Stabilität dieser Region.

Der afrikanische Kontinent insgesamt benötigt einen Marshallplan der Weltgemeinschaft – ​ein konzertiertes Vorgehen in ganz neuen Größenordnungen mit mehr Investitionen, für die die afrikanischen Staaten aber auch Voraussetzungen schaffen müssen: gute Regierungsführung ohne Korruption und funktionierende Verwaltungsstrukturen. Auf dieser Grundlage können wir gemeinsam einen globalen Ansatz entwickeln. Denn: Nur gemeinsam mit den 54 afrikanischen Staaten können wir die Überlebensfragen der Menschheit bewältigen.

Entwicklungspolitik im 21. Jahrhundert kann so als innovative Zukunfts- und Friedenspolitik ganz konkret die globalen Herausforderungen gestalten statt Reparaturbetrieb zu sein. Wir alle leben in einem globalen Dorf und müssen uns im Klaren sein: Handeln wir nicht jetzt, zahlen wir und unsere Kinder dafür morgen einen hohen Preis.

Lexikon der Entwicklungspolitik

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