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November

Das Textilbündnis: ein erfolgreiches Stück moderner Entwicklungspolitik


Rede von Bundesentwicklungsminister Müller bei der Jahrestagung und Mitgliederversammlung des Textilbündnisses am 22.11.2016 in Berlin

Es gilt das gesprochene Wort!

Liebe Mitglieder,
sehr geehrte Damen und Herren,

die Zeit des Schenkens und Verschenkens beginnt. Am Sonntag ist der erste Advent. In den nächsten Wochen werden wieder Millionen Menschen in die Läden strömen und Kleidung kaufen. Werden sie über die Nachhaltigkeit ihres Kaufens nachdenken? Werden sie sich fragen, ob diese Hose oder ob jener Pulli fair produziert wurde?

Mehr denn je wird in der Werbung und im Handel für nachhaltig hergestellte Textilien geworben. Deshalb können wir feststellen: Ja, nachhaltige Textilien sind ein Thema in der Öffentlichkeit. Das sollte uns anspornen, den Weg, den wir gemeinsam eingeschlagen haben, konsequent weiter zu gehen. Nur wenn wir die Probleme ganzheitlich angehen, können wir sie auch ganz lösen.

Aus diesem Grund habe ich vor zwei Jahren zur Gründung eines Bündnisses für nachhaltige Textilien aufgerufen. 60 Millionen Menschen sind weltweit in der Textilindustrie beschäftigt. Der überwiegende Teil davon in Ländern wie Indien, China, Bangladesch, Vietnam, Pakistan oder Myanmar. In Deutschland kosten zwei Arbeitsstunden in der Bekleidungsindustrie etwa 60 Euro. Für eine ungelernte Näherin in Bangladesch ist das der Monatslohn! Sie soll von ihrem Lohn menschenwürdig leben, ihre Familie ernähren können. Denn nur dann wird sie in ihrer Heimat eine Perspektive sehen.

Heute, nach zwei Jahren Textilbündnis, wollen wir Bilanz ziehen. Von Anfang an war mir klar: Wir brauchen alle gesellschaftlichen Kräfte um einen Tisch. Wir brauchen Sie alle hinter einer Idee, dann können wir gemeinsam Zukunft gestalten. Die Zivilgesellschaft ist und war Schrittmacher im Bündnis. Die Unternehmen, die hier versammelt sind, haben Verantwortung übernommen.

Das Resultat: Heute ist das Bündnis stärker und größer als je zuvor. Bei der Gründung waren es 30 Mitglieder, nun fast 190! Hier sind heute 55 Prozent des deutschen Einzelhandelsmarktes versammelt – das bedeutet Marktmacht. Und Marktmacht bedeutet: Gemeinsam Dinge durchzusetzen, die jeder für sich allein nicht hätte durchsetzen können!

Wir haben viel erreicht. Nicht zuletzt durch Ihr Engagement! Viele von Ihnen haben tausende Arbeitsstunden ehrenamtlich investiert. In den Arbeitsgruppen mitgearbeitet. Dafür möchte ich Danke sagen: allen Mitgliedern des Textilbündnisses, dem Bündnissekretariat der GIZ, den Arbeitsgruppen und nicht zuletzt dem Steuerungskreis.

Das Resultat unserer Arbeit: Ein bündniseigener Anforderungskatalog, mit dem wir neue Standards setzen. Wir haben Schlüsselfragen und Indikatoren. Damit wird jedes Mitglied seine nächsten Etappenziele in einer Roadmap festlegen. Jeder und jede von den 188. Und dann kann es losgehen: Bis Ende Januar werden alle Beteiligten eine Menge unbequemer Fragen beantworten müssen: Sorgen wir für faire Löhne? Können wir Kinderarbeit ausschließen? Wissen wir, mit welchen Chemikalien unsere Textilien gefärbt werden? Und zwar für jeden einzelnen Schritt in der gesamten Lieferkette! Jedes einzelne Mitglied wird Farbe bekennen und offen, ehrlich und transparent Rechenschaft ablegen. Hier stehe ich heute – und da will ich morgen hin. Diese Etappenziele wird das Bündnis genauestens überprüfen lassen und sich auf die Finger und in die Bücher schauen lassen. Und bald wissen wir: Haben die Mitglieder die Verbesserungen erreicht, die sie sich selbst vorgenommen haben? Ein externer Dritter wird das beobachten. Die schärfsten Beobachter haben wir hier im Raum – die NGOs, die Zivilgesellschaft – und Sie alle.

Ein solches Vertrauen, ein solcher Prozess: Das ist einmalig! Fragen Sie mal bei den Handyherstellern, oder bei Autoherstellern, das gibt es dort nicht. Das Textilbündnis ist ein Stück moderne Entwicklungspolitik, realitätsnah und wirksam. Damit stellen wir sicher, dass der Konsum von Textilien hierzulande nicht auf dem Rücken der Menschen und der Umwelt in den Produktionsländern erfolgt.

Wir wollen niemanden an den Pranger stellen, der sich mit uns auf den Weg gemacht hat. Wir wollen andere mitziehen, die noch nicht soweit sind. Und wir nutzen das Textilbündnis als Blaupause. Denn wir sind mit dem Bündnis Vorreiter: Beim Nationalen Aktionsplan Wirtschaft und Menschenrechte und auch bei der CSR-Berichterstattungsrichtlinie werden Transparenz, Verbindlichkeit und Monitoring erst diskutiert. Im Textilbündnis sind diese Vorgaben schon längst fest verankert!

Die Bundesregierung hebt das Thema faire Lieferketten auch auf die globale Bühne. Das war so unter der deutschen G7-Präsidentschaft und wird unter der deutschen G20-Präsidentschaft 2017 so sein. Nachhaltige Lieferketten werden auch Thema beim G20-Gipfel in Hamburg sein.

Das Textilbündnis wirkt. Das zeigt beispielhaft der Fall Ali Enterprises in Pakistan. Die Hinterbliebenen des Ali-Enterprises-Unglücks von 2012 erhalten endlich angemessene Entschädigungen. Dies wäre ohne das Bündnis nicht gelungen. Innerhalb eines knappen Jahres haben wir das geschafft, was in vier Jahren vorher nicht möglich war: über 5 Millionen US-Dollar zusätzlich für die Hinterbliebenen der Opfer des schrecklichen Unglücks, die nun ihr Leben lang zumindest finanziell abgesichert sind.

Auch als BMZ haben wir einiges erreicht. Wir haben allein in Bangladesch über 100.000 Arbeiter, Manager und Fabrikbesitzer zu Brandschutz und Gebäudesicherheit beraten und gemeinsam mit der ILO 300 Arbeitsinspektoren ausgebildet. Diesen Erfolg übertragen wir jetzt auf weitere Länder, zum Beispiel Kambodscha, Myanmar und China. Als erstes afrikanisches Land unterstützen wir außerdem Äthiopien beim Aufbau einer nachhaltigen Textilindustrie.

Gemeinsam haben wir Erfolg gehabt. Mit dem Bündnis wollen wir jetzt noch weiter gehen und konkrete Initiativen umsetzen. Mit allen Partnern entlang der Lieferkette wird es zum Beispiel darum gehen, das Chemikalienmanagement in Fabriken zu verbessern oder Wasser beim Baumwollanbau nachhaltiger zu nutzen. Auch existenzsichernde Löhne oder die Arbeitsbedingungen in Spinnereien werden Thema sein. Einige von Ihnen haben diese Fragen vor kurzem mit Partnern in Indien diskutiert. In der Region Tamil Nadu soll die untragbare Arbeitssituation insbesondere für junge Frauen verbessert werden.

Wie alle Bündnismitglieder wird auch die Bundesregierung eine Roadmap vorlegen. 300 Milliarden Euro fließen jährlich in die öffentliche Beschaffung – eine gewaltige Summe und zugleich eine gewaltige Verpflichtung, diese Beschaffung nachhaltiger zu machen. Wir werden uns dabei auf die nachhaltige öffentliche Beschaffung, die Umsetzung vor Ort und die politischen Rahmenbedingungen konzentrieren. Wir nehmen uns selbst mit in die Pflicht, statt auf andere zu zeigen. Ich verspreche Ihnen: Als BMZ werden wir mit gutem Beispiel vorangehen – und ich erwarte von allen anderen Ressorts, mit uns an einem Strang zu ziehen und sich ambitionierte Ziele zu setzen.

Unser Ziel als Bundesregierung ist es, bis 2020 50 Prozent aller Textilien aus nachhaltiger Produktion zu beschaffen. Wenn jedes einzelne unserer Mitglieder im Bündnis nur zehn Dinge verbessert, dann sind das beinahe 2.000 Schritte in die richtige Richtung. Das allein zeigt: Mit dem Textilbündnis können wir so viel mehr erreichen als jeder für sich allein. So zeigen wir: Auch ohne Gesetz kann eine Multiakteursinitiative mit freiwilligen Verpflichtungen tatsächlich etwas bewegen, allen Vorurteilen zum Trotz. Das Textilbündnis ist ein erfolgreiches Stück moderner Entwicklungspolitik.

Lexikon der Entwicklungspolitik

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