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November

Laudatio von Minister Müller anlässlich der Verleihung des Karlheinz-Böhm-Preises an Bundespräsident a.D. Dr. Horst Köhler


Während einer Feierstunde zum 35-jährigen Bestehen der Stiftung "Menschen für Menschen" am 12. November 2016 in München

 Es gilt das gesprochene Wort!

Sehr geehrte Damen und Herren,

ich habe sofort zugesagt, als "Menschen für Menschen" mich um diese Laudatio gebeten hat. Denn es ist mir Ehre und Vergnügen, damit gleich zwei Persönlichkeiten zu danken, die auch mein Engagement in Afrika ganz wesentlich prägen.

Über "Menschen für Menschen" und Karlheinz Böhm haben wir nun schon viel gehört und gesehen. Darum nur eine kurze Verbeugung: Böhm hat als Einzelner Großes bewegt, weil er selbst bewegt war, und weil er andere mitgenommen hat.

Darum konnte kein anderer als Sie, Horst Köhler, der erste Träger des Karlheinz Böhm-Preises sein. Sie beide verbindet nicht nur Afrika. Auch Ihre Persönlichkeit und Haltung: Ihre Empörung – ja sogar Wut – über Armut und Ungerechtigkeit der Chancen in unserer Einen Welt. Und Ihre Ungeduld, sie zu überwinden. Sie suchen Lösungen, wo andere nur Ausflüchte finden. "Ungeduld des Herzens" haben Sie es genannt, lieber Herr Köhler, gleich in Ihrer ersten großen Bundespräsidentenrede bei der Afrikanischen Union in Addis Abeba.

Sie beide haben aber auch erkannt: Entwicklung braucht Zeit. Und sie darf nicht übergestülpt werden, wenn sie wirken soll. "Zu viele Experten aus Europa kommen zu schnell mit ihren fertigen Konzepten nach Afrika. Zu oft wurden Pläne übernommen, bloß damit Gelder für Projekte fließen." – Wir sind gut beraten zuzuhören, haben Sie immer wieder gesagt und vor allem getan! Darum passt die Preis-Skulptur von Karel Fron so gut: die Schirmakazie. Denn unter solchen Bäumen hat Böhm Dorfbewohnern in Äthiopien zugehört: ihren Sorgen, Nöten und Ideen.

Sie wissen: Entwicklung braucht Beziehungen. Seit 35 Jahren ist "Menschen für Menschen" Äthiopien treu. Über alle Krisen hinweg. Sie haben unzählige Beziehungen gestiftet. "Abo Karl" hat uns Äthiopien näher gebracht. Horst Köhler hat uns ganz Afrika ans Herz gelegt. Gleich Ihre erste Reise außerhalb Europas als Bundespräsident ging nach Äthiopien und zur Afrikanischen Union. Ein starkes Zeichen!

2010 haben Sie Ihr Buch "Schicksal Afrika" präsentiert. Schon in Ihrer Antrittsrede als Bundespräsident sagten Sie: "Die Menschlichkeit unserer Welt entscheidet sich am Schicksal Afrikas". Viele hat das damals überrascht. Jetzt dämmert den meisten, wie Recht Sie hatten.

Heute sagen Sie sogar: "Afrika wird entscheidend sein für eine gute Zukunft der Menschheit." – "Wenn in Afrika keine eigenständige Entwicklung auf den Weg kommt, werden die Folgen über Migration, Krankheiten und Umweltprobleme bei uns ankommen. Die Bootsflüchtlinge aus Afrika machen uns klar: Armut braucht zum Reisen keinen Pass." – Das war ein Zitat von 2005!

Vieles klingt heute prophetisch: Noch ein Satz von 2005: "Vor den Grenzen unserer Wohlstandinseln wachsen Probleme, die wir – wenn überhaupt – nur dann werden beherrschen können, wenn wir diese Probleme auch als unsere Probleme anerkennen."

"Eigennutz im 21. Jahrhundert heißt: sich umeinander kümmern" [2009]. Und: "Hilfe ist eine Investition in unsere eigene Zukunft" [2011]. Schon lange vor unserem "Rendez-vous mit der Globalisierung" war Ihr Credo: "Keine Regierung wird mehr das Wohl ihres Volkes dauerhaft mehren können, ohne Rücksicht auf die anderen zu nehmen" [2007].

Lieber Horst Köhler, ich wünschte, das würden endlich alle begreifen! Sie selbst haben nach Kräften dazu beigetragen. Mit Ihren Reden. Ich weiß, Sie selbst sagen: "Zu viel Reden. Zu viel Papier." Stimmt ja auch! Zu viele Mundwerker, zu wenig Handwerker. Aber: Reden und Papiere helfen, dass es "Klick" macht. Erst dann werden Veränderungen möglich.

Es rüttelt schon auf, wenn ein Bundespräsident, ein Ex-IWF-Chef, kritisch über das Wachstumsmodell spricht oder Finanzmärkte "Monster" nennt. Die Veränderungen, die Sie bewirken, sind vielleicht nicht so unmittelbar wie die Arbeit von "Menschen für Menschen". Aber wer Strukturen für Menschen verändert, gestaltet die Zukunft! Das haben Sie getan. Das tun Sie. Als IWF-Chef. Als Bundespräsident. Als wichtige Stimme bei der Formulierung der Agenda 2030, dem Weltzukunftsvertrag.

Entwicklung muss Armut überwinden, ohne Lebensgrundlagen zu zerstören. Eine Mammutaufgabe! Weil wir bald 10 Milliarden sein werden auf dem Planeten. Und weil Milliarden noch großen Nachholbedarf haben.

Sie fragen: "Von welcher Substanz soll sich eigentlich das Wachstum nähren, das uns der Vision einer Welt des Wohlstands für alle näherbringt?" Teil 1 Ihrer Antwort hören viele nicht gern: Vor allem wir, die Länder des Nordens, müssen uns wandeln, damit die Länder des Südens den Raum zum Wachsen haben, der ihnen zusteht. Auch wir sind Entwicklungsländer! Teil 2 Ihrer Antwort trage ich nächste Woche nach Marokko, zur COP 22: Wir müssen den ärmeren Ländern helfen, unsere Fehler zu vermeiden und gleich nachhaltig zu wachsen. Für beide Seiten eine Riesenchance!

"Afrika braucht Europa. Europa braucht Afrika. Und aus dieser Erkenntnis haben wir bislang bei weitem noch nicht genug gemacht." Ihre Sätze von 2008 stimmen auch heute. Afrika ist jung. Über die Hälfte der Afrikaner sind 18 Jahre oder jünger. Ein riesiges Potential: Für Aufbruch. Oder für Aufruhr und Verzweiflung.

Europa braucht Afrika für seine Rohstoffversorgung und als künftigen Wachstumsmarkt. Im Jahr 2050 wird es mehr als zwei Milliarden Afrikaner geben. Viermal so viele wie Europäer. Wir brauchen dringend mehr Wissen über Afrika, mehr Begegnung auf allen Ebenen. In Alltag, Kultur, Literatur, Musik, Film. Aber auch auf höchster Ebene. Denn gute Afrikapolitik braucht tragfähige persönliche Beziehungen. Sie haben sich in Afrika viel Respekt, Vertrauen und Glaubwürdigkeit erworben. Weil Sie als Lernender kommen, nicht als Bescheidwisser.

Wir müssen Sie als Vorbild nehmen: Offen, ehrlich und mit den Verantwortlichen über Probleme reden: Über Eliten, die den eigenen Staat plündern und die Menschen hungern lassen. Über Länder, die eigentlich viel zu reich sind, um so arm zu sein.

Zugleich müssen wir unseren Anteil an diesen Problemen angehen: Unfaire Handelsbedingungen, einseitige Ausbeutung von Ressourcen, illegale Finanzströme, Steuervermeidung, illegales Dumping von Giftmüll, die tiefe Ungerechtigkeit, dass Afrika kaum profitiert hat vom fossilen Wachstumsmodell, aber von den Klimafolgen voll getroffen wird.

"Partnerschaft" muss Paradigma werden für unsere Zukunft in der Einen Welt. Viele Ihrer Ideen teile ich. Und setze sie nach Kräften in Initiativen um: Die Zivilgesellschaft als Kraft stärken, Kommunen miteinander verbinden, in Arbeit, Einkommen, Zukunft der Ernährungswirtschaft investieren, die Privatwirtschaft mobilisieren, Investitionen in Afrika stimulieren, die Frauen stärken – vor allem durch Bildung. Außerdem müssen wir die Entwicklungsfinanzierung neu aufstellen – Sie selbst beraten ja die Afrikanische Entwicklungsbank bei ihrer Strategie. Und das Geld unserer alternden Gesellschaften muss dem jungen Afrika auf die Beine helfen – zum beiderseitigen Vorteil.

Und wir brauchen mehr Austausch, Bildung, Perspektiven für die Jugend. Denn ich teile Ihre Sorge: "Wenn wir der Jugend keine Zukunft geben, haben wir unsere Gegenwart verspielt." Wir brauchen einen Gesamtansatz in unserer Afrika-Politik. In Deutschland, in der EU, in den G20. Sie haben sich schon 2008 gewünscht: ein weltweites, umfangreiches Programm für Zukunftsinvestitionen in Infrastruktur und Bildung.

Wir brauchen einen großen Wurf. Darum die Idee des "Marshall-Plans": ein Zukunftsvertrag mit Afrika. Wir müssen afrikanische Visionen unterstützen: Die Agenda 2063 der Afrikanischen Union ist eine solche Vision. Wir wollen Reformpartnerschaften mit einzelnen Ländern. Und einen gerechteren globalen Ordnungsrahmen. Die Fundamente, auf denen wir bauen, haben Sie mit gelegt!

Lexikon der Entwicklungspolitik

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