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November

"Eine Welt ohne Hunger ist möglich"


Rede von Bundesentwicklungsminister Müller bei der Konferenz der deutschen Gesellschaft des Club of Rome am 11. November 2016 in Berlin

Es gilt das gesprochene Wort!

Sehr geehrter Herr Wijkman,
sehr geehrter Herr Finkbeiner,
sehr geehrter Herr Maxton,
sehr geehrter Herr Meadows,
sehr geehrter Herr Prof. Radermacher,
sehr geehrter Herr Prof. von Weizsäcker,
Members of the Club of Rome,
Ladies and Gentlemen, honoured guests,

Dennis Meadows reminded us: The Club of Rome has always been ahead of time. More than 40 years ago, 1972, you warned: Our way of life, our economies, our use of nature brings the earth to the brink of collapse. "The limits to growth" was visionary. Today, people finally realize: We live in a global village.

Meine sehr verehrten Damen und Herren, wir leben in einem globalen Dorf.

Ich heiße Sie herzlich willkommen in Berlin, das ja auch ein Dorf ist, aber eine Weltstadt geworden ist. Waren, Dienstleistungen, Kapital zirkulieren heute nahezu 24 Stunden um den Globus. Und unser Wissen ist per Mausklick in Echtzeit überall auf der Welt verfügbar.

Aber wir verbrauchen heute mehr als das, was nachwächst. Und dieser Lebensstil ist so nicht verallgemeinerbar. Das bisherige Wachstumsmodell, übertragen auf den Planeten, ist nicht zukunftsfähig für heute 7,5 und morgen 10 Milliarden Menschen.

Für mich als deutscher Entwicklungsminister ist das Bevölkerungswachstum die größte Herausforderung, mit der wir uns in Politik und Gesellschaft weltweit auseinandersetzen müssen und auf die wir Antworten brauchen. Wie ernähren wir täglich 7,5 Milliarden Menschen? Und jeden Tag werden es 250.000 Menschen mehr auf dem Planeten. Die Menschheit hat sich in unserer Lebenszeit verdoppelt. Die afrikanische Bevölkerung wird sich bis 2050 verdoppeln. Das bedeutet, es werden zwei Milliarden Babys geboren.

Diese Entwicklungen stellen uns vor große Herausforderungen: Ernährung, Energie, aber auch die Tatsache, dass immer mehr Menschen in Städte ziehen, in Megacities ohne Infrastruktur, mit Slums, Kriminalität, Aggressionen, Alkohol, Drogen und einer Verrohung der Jugend. Hunderte Millionen von Jugendlichen ohne Grundbildung, ohne Job, ohne Sinn und ohne Wertefundament – meine sehr verehrten Damen und Herren, darauf müssen wir weltweit eine Antwort geben.

Der Club of Rome hat viele Entwicklungen sehr deutlich in seiner Botschaft 1972 vorausgesagt. Der Belastungsdruck auf Naturressourcen und Klima nimmt gewaltig zu. Seit meinem Geburtsjahr hat sich nicht nur die Bevölkerung verdoppelt, sondern der CO2-Ausstoß vervierfacht, der Wasserverbrauch verdreifacht und die Weltwirtschaft versiebenfacht. Und wie Sie so richtig immer wieder betonen: Die Erde, unser Planet, hat ja Grenzen. Die Ressourcen sind endlich. Und deshalb kann unsere Botschaft nicht sein: weltweit immer mehr Wachstum, immer mehr Konsum, immer mehr Produktion, und zwar für alle.

Meine sehr verehrten Damen und Herren, wir haben heute das Ressourcenproblem, dass Nahrung mit Energie konkurriert, Energiepflanzen mit Futterpflanzen; ich nenne das Stichwort Soja, aber gleiches gilt auch für Fasern und Baumwolle. Und dies ist eine Konkurrenz um endliche, knappe Ressourcen.

Ich will Ihnen das als einer, der acht Jahre Agrar- und Ernährungspolitik in der deutschen Bundesregierung mit verantwortet hat, einmal am Thema Boden darstellen. In meinem Geburtsjahr stand weltweit pro Kopf eine Fläche von 4.300 Quadratmeter Boden zur Verfügung, um Ernährung sicherzustellen; heute liegen wir bei 1.800 Quadratmeter. Wir verlieren jeden Tag Land und Boden durch Erosion und Verwüstungen. Allein in einem Jahr ist das in etwa die Hälfte der Nutzfläche der Bundesrepublik Deutschland. Und das heißt: Immer mehr Menschen haben immer weniger Boden, aber auch eingeschränkte Ressourcen an Wasser. Viele Expertinnen und Experten weisen darauf hin, dass auf dem Planeten nur drei Prozent Süßwasser zur Verfügung stehen.

Ich stehe kurz vor meiner Abreise nach Marrakesch zur Weltklimakonferenz. Was hat das mit Wasser zu tun? Ihnen allen sind die Zusammenhänge klar. Wenn Sie heute das Himalaya-Gletschermassiv in Tibet analysieren, dann entspringen dort elf der größten Flüsse des Planeten. Sollten wir die Erderwärmung nicht stoppen, wird es diesen Gletscher irgendwann nicht mehr geben, und damit keine Wasserressourcen für China, für Indien, für Pakistan. Und dann wird es vielleicht – Anzeichen dafür gibt es bereits – Kriege um Wasser geben.

Und deshalb sage ich: Wir brauchen weltweit einen Paradigmenwechsel im Denken und im Handeln. Nachhaltigkeit muss unser Prinzip all unseres Tuns sein, ökonomisch, ökologisch, sozial. Und, nicht zu vergessen, auch kulturell, in der Zusammenarbeit verschiedener Religionen und Kulturen in der Welt.

Das Prinzip der Vernunft und die Kategorie der Verantwortung verpflichten uns, und zwar nicht nur uns Politiker, sondern jeden einzelnen. Wir sind verpflichtet zum Erhalt und zur Bewahrung des Lebens, der Schöpfung für kommende Generationen. Wann wird uns das allen klar? Wann den Entscheidungsträgern auf dem Planeten? Wir alle sitzen in einem Boot!

Die Welt hat sich durch Globalisierung, Digitalisierung und weltweiten Austausch grundlegend verändert. Und es geht auch uns etwas an, ob die Chinesen ihren Energiehunger auf der Basis von im Augenblick 150 produzierenden Kohlekraftwerken stillen, oder ob wir durch eine Technologiekooperation Sprünge machen und diese Energieressource durch erneuerbare Güter stellen. Wir sitzen in einem Boot und überleben gemeinsam – oder eben nicht. Und deshalb ist der Schutz globaler Güter wie Klima, Umwelt, Meere, Böden, Wasser oder tropische Regenwälder die Existenzgrundlage menschlichen Lebens. All das bedarf globaler Schutzstandards!

Ich bin optimistisch, denn die Weltgemeinschaft hat erkannt, welcher Weg zu gehen ist. Wir haben ja kein Erkenntnisproblem. Die Zusammenhänge sind ja allen, die es wissen wollen, bekannt. Wir hatten im vergangenen Jahr in der Politik zwei qualitative Durchbrüche, die wir so nicht erwartet haben. In New York wurde ein Weltzukunftsvertrag mit 17 Nachhaltigkeitszielen geschlossen, in Paris der Weltklimavertrag, der auch bereits in Kraft getreten ist.

Wir wissen, was zu tun ist. Wir müssen nur handeln. Und das ist der entscheidende Punkt: zu Verhaltensänderung zu kommen. Das ist ja bei einem selber schon schwierig. Wenn man weiß, man müsste sich eigentlich anders ernähren, aber bis man es wirklich tut, muss meistens erst der Herzinfarkt kommen. Wir müssen unser Verhalten ändern. Und wir brauchen Mut. Deutschland und Europa werden die Ziele erfüllen, auch wenn die Umsetzung enorm schwierig ist.
Sie haben in die Diskussion in Deutschland um die konkrete Umsetzung, die Festlegung der Minderungsziele zum Klimaschutzaktionsplan, mitbekommen. Natürlich tut es weh, wenn die deutsche Bundesregierung bis 2030 die Reduzierung des CO2-Ausstoßes um 40 Prozent bei Industrie, bei Verkehr, im privaten Haushalt vorgibt. Vor allem bei der konkreten Umsetzung. Aber wir gehen voran.

Zum Beispiel mein Ministerium. Ich will Ihnen da nur ein paar Akzente sagen: Ich unterschreibe in Marrakesch beispielsweise mit den Marokkanern eine Projektkooperation zur Umsetzung ihrer ehrgeizigen Ziele, schon in den nächsten zehn Jahren 50 Prozent der Energie aus erneuerbaren Energien zu decken – eine Klimapartnerschaft.

Wir investieren in Solar und erneuerbare Energien. Wir bauen ein Zentrum für nachhaltige Entwicklung mit China auf. Das Schriftzeichen für Nachhaltigkeit gab es bei den Chinesen vor drei oder vier Jahren noch gar nicht. Aber die Chinesen haben erkannt: Ruiniere ich Umwelt, Flüsse, Boden, Natur, gibt es keine Zukunft, kein Leben. Und deshalb bauen sie auf Deutschland, auf Europa, auf unser Können, Innovationen und Wissen.

Deutschland finanziert, auch das ist ein neues Instrument, den Green Climate Fund – allein in den nächsten Jahren bis 2020 mit zehn Milliarden Euro. Es kommt darauf an, dass wir sinnvoll und effektiv die Maßnahmen weltweit festlegen.

Wir haben Erfolge! Viele von Ihnen haben Nachhaltigkeit zu ihrem Lebensthema gemacht. Ich wurde von diesem Thema mitgenommen, als ich den ersten Besuch im tropischen Regenwald, im Amazonasgebiet in Brasilien, erleben durfte. Wir haben Erfolge in der Zusammenarbeit mit Brasilien beim Erhalt des tropischen Regenwaldes. Wald, der so wichtig ist, um die Absorptionsfähigkeit des Planeten zu stärken und zu erhalten.

Und wir haben eine neue Solarpartnerschaft mit Indien auf den Weg gebracht, wo wir in Know-how-Transfer, in Ausbildung, in Jugend, in Ingenieurkunst und in erneuerbare Energien investieren. Denn neben China ist Indien ein Schlüsselkontinent bei Energie und Klima. Und auch Indien geht natürlich den Weg, auf Erneuerbare zu setzen.

Wir brauchen eine Entkopplung von Wachstum und Verbrauch – das ist ja eine Grundthese. Dass dies möglich ist, ist ja auch bewiesen – wenn wir nicht auf alte Technologien setzen, sondern auf unser heutiges Wissen und morgiges Können. Bei der Habitat-Konferenz in Ecuador, die gerade geendet hat, haben wir mit Expertinnen und Experten eine weltweite Initiative angestoßen für eine Mobilitäts- und Verkehrswende. Denken Sie an Megacities wie Mumbai, denken Sie an Kairo oder an afrikanische Städte. Wir brauchen Mobilitäts- und Verkehrssysteme, die zukunftsfähig sind.

An der Stelle sage ich, Sie können stolz sein: Herr von Weizsäcker, Herr Radermacher, Herr Finkbeiner, und viele von Ihnen – Sie sind keine einsamen Rufer mehr. Und das ist schon ein großer Erfolg! Und ich bin kein Minister der Grünen, ich bin ein Konservativer. Was ich hier vortrage, das ist heute Konsens, auch in der Regierung.

Natürlich, es geht zu langsam. Aber der Zug ist in Bewegung. Und deshalb sind so eine Konferenz und Ihre Organisation, die in diese Richtung arbeiten, extrem wichtig. Politik braucht Unterstützung, auch öffentliche Unterstützung.

Wir wissen, wie schwierig vieles ist. Aber wir wissen auch, dass vieles möglich ist. Stichwort FCKW-Verbot: Am Anfang hat jeder gesagt, das geht nicht. Natürlich war es umsetzbar, aber es hat enorme Anstrengungen bedurft. Und wenn die Kanzlerin das karbonfreie Jahrhundert als Ziel ausgerufen hat, dann hat sich das kaum jemand vor fünf Jahren vorstellen können. Und wir werden auch das karbonfreie Jahrhundert erreichen. Aber das ist eine Zeitenwende.

Es ist vollkommen klar: Es denken noch lange nicht alle so wie wir. Und deshalb werden wir dieses Thema auch im Rahmen der G20-Präsidentschaft auf die Tagesordnung setzen und vertiefen. Mir persönlich ist darüber hinaus, auch bei der G20, ein Thema wichtig, nicht nur weil wir in Hamburg tagen: nämlich das Thema Meeresschutz. Außerdem das Thema weltweite ökologische und soziale Mindeststandards. Ich habe mit der Kanzlerin letzte Woche noch einmal darüber gesprochen, und ihr ist es sehr, sehr ernst, diesem globalen Dorf zu verdeutlichen: Ihre Kleider kommen aus Bangladesch, unsere globalen Güter werden in der ganzen Welt produziert. Wir brauchen am Anfang der Ketten soziale und ökologische Mindeststandards, damit Natur und Menschen in Würde leben und überleben können.

Globalisierung gerecht gestalten. Das muss das Ziel unseres Tuns sein. Davon sind wir noch weit entfernt, wenn zehn Prozent der Weltbevölkerung 90 Prozent des Vermögens besitzen und 20 Prozent 80 Prozent der Ressourcen verbrauchen. Wenn diese Schere weiter auseinander geht, sind Konflikte, Kriege und Flüchtlingsströme heute schon vorhersehbar. Und deshalb müssen wir eine neue Wirtschaftspartnerschaft von Industrieländern, Schwellenländern und Entwicklungsländern begründen.

Für mich als Entwicklungsminister gehören entwicklungsfördernde Handelsregeln für die Entwicklungsländer dazu. Ich versuche auch den Wirtschaftsminister und den Finanzminister dafür zu gewinnen. Das ist ein ganz zentraler Punkt, über den wir eine eigene Tagung machen müssten. Herr Radermacher und sein Team haben mir ein Gutachten dazu gemacht und eine Weiterentwicklung der Regelwerke, zum Beispiel der WTO, vorgeschlagen. Denn wir müssen von der Freihandelsphilosophie hin zum fairen Handel mit Mindeststandards kommen.

Die Umsetzung des Weltzukunftsvertrages von New York und Paris erfordert eine Stärkung und eine neue Struktur der UN. Auch mit Blick auf Afrika. Wir brauchen einen Sitz für Afrika im UN-Sicherheitsrat und einen Weltnachhaltigkeitsrat der UN, der die Umsetzung der Pariser und der New Yorker Verträge begleitet.

Meine Damen und Herren, der Club of Rome hat über Jahrzehnte durch Kompetenz und Glaubwürdigkeit, durch Unabhängigkeit und Überparteilichkeit überzeugt. Ich danke Ihnen für die Denkschrift, die ich heute von Ihnen bekomme. Die Vorschläge werden in unsere und meine Arbeit eingehen. Ich arbeite an einem Eckpunkteprogramm für einen Marshallplan mit Afrika.

Und deshalb sage ich zum Schluss, lasst uns die Zukunft gestalten auf der Basis eines gemeinsamen Wertefundamentes: für den Erhalt des Planeten, die Bewahrung des Lebens, der Schöpfung, für ein Leben in Würde für alle, in Verantwortung für unsere Kinder und kommende Generationen.

Vielen herzlichen Dank.

Lexikon der Entwicklungspolitik

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