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März

Gemeinsam für Entwicklung


Rede von Minister Müller beim Jahresempfang des Deutschen Genossenschafts- und Raiffeisenverbands (DGRV) am 15. März 2016 in Berlin

 Es gilt das gesprochene Wort!

Die Genossenschaftsidee hat die Welt verändert. In Deutschland verdanken wir Ihnen 600.000 Arbeitsplätze und bald 1.000 Milliarden Euro Umsatz. Keiner hat die Finanz- und Wirtschaftskrise besser gemeistert. Der DGRV ist die mitgliedsstärkste Wirtschaftsorganisation unseres Landes: 20 Millionen – jeder vierte in Deutschland ist "Genosse", ich auch! Sie sind ein prägender Faktor der Stabilität. Global haben Genossenschaften in über 100 Ländern 800 Millionen Mitglieder und schaffen 100 Millionen Jobs.

Sie hier im Saal wissen das alles. Aber man muss es immer mal wiederholen: Genossenschaften sind ein Erfolgsmodell. Bei Ihnen geht es nicht um schnellen Profit ohne Rücksicht auf Mensch und Umwelt, sondern um nachhaltigen Gewinn. Sie stellen auch heute noch die Kraft des Kapitals in den Dienst der sozialen Entwicklung.

Und darum ist diese Idee von vor über 150 Jahren auch heute, im 21. Jahrhundert, aktueller denn je. Denn wir brauchen Lösungen für die Überlebensfragen der Menschheit: Nahrung, Wasser, Energie für heute 7,4 Milliarden und bald 10 Milliarden Menschen. Und zugleich nachhaltiges Wirtschaften, das den Planeten nicht überfordert.

Die Antworten von Hermann Schulze-Delitzsch und Friedrich Wilhelm Raiffeisen sind darum auch heute der Lösungsansatz in vielen Entwicklungsländern: Kooperation, Selbstverantwortung, Nachhaltigkeit. Für mich sind Raiffeisen und Schulze-Delitzsch darum auch Vorbilder und Impulsgeber meiner Entwicklungspolitik. Ich nenne das Stichwort "Kooperation": "Was dem einzelnen nicht möglich ist, das vermögen viele", so sagte Raiffeisen. Und Schulze-Delitzsch: "Mehrere kleine Kräfte vereint bilden eine große."

Damals schlossen sich verelendete Bauern in "Hungervereinen" zusammen. Es gab sie noch in der Generation meiner Großeltern. In vielen Ländern Afrikas und Asiens haben wir ähnliche Ausgangslagen wie im 19. Jahrhundert bei uns: Kleinbauern produzieren bis zu 90 Prozent der Nahrungsmittel – und leiden dennoch am häufigsten an Hunger. Sie könnten ihre Erträge steigern, indem sie zusammenarbeiten. Darum habe ich zu Beginn meiner Amtszeit eine große Sonderinitiative aufgelegt für "EINEWELT ohne Hunger". Kernstück unserer Initiative sind zwölf grüne Innovationszentren in Afrika und eines in Indien – inspiriert auch von Raiffeisen. Wir fördern damit unter anderem genossenschaftliche Strukturen – und mit ihnen Zugang zu Wissen, Märkten, Kapital, Saatgut, Dünger, Landmaschinen, beruflicher Bildung.

Und natürlich kooperieren wir in vielen Projekten mit dem DGRV: aktuell etwa in Äthiopien, Indien, Kenia, Vietnam. Vielen Dank besonders an Manfred Nüssel. In Äthiopien haben wir zum Beispiel gemeinsam gezeigt, wie man Erträge verdoppeln kann. Das sind keine Wunder, das ist das passende Saatgut, die moderne fachliche Praxis. Und wir brauchen keine Jahrzehnte, um solche Erfolge zu erzielen, wir können das in wenigen Jahren erreichen.

Wir müssen, wir können noch mehr gemeinsam bewegen! Denn Sie sind Unternehmer, Problemlöser. Ich baue auf Sie, denn die neue soziale Frage fordert uns heraus: Wie rechtfertigen wir es, dass 20 Prozent der Menschen in den industrialisierten Ländern – also auch wir –, dass wir 80 Prozent der Ressourcen verbrauchen, die wir selber nicht einmal auf unserem Territorium haben? Es sind Ressourcen, wenn ich an das Beispiel Öl denke, die sich über Jahrmillionen, Hunderte von Millionen von Jahren, gebildet haben. Und in vielen Förderländern lebt – zumindest der überwiegende Teil der Bevölkerung – in Armut und Not. Und wie kann es sein, dass 62 Superreiche so viel besitzen wie die halbe Welt? Wir müssen die Globalisierung gerechter gestalten. Und wir müssen sie zukunftsfähiger machen: Wir brauchen soziale und ökologische Standards weltweit.

Nachhaltigkeit – auch dieser Gedanke ist tief in der Genossenschaftsidee verankert. "Nicht mehr verbrauchen, als nachwachsen oder sich regenerieren kann." Eigentlich ein einfacher Gedanke. Aber noch leben wir – zumindest in der industrialisierten Welt – nicht danach. Denn wenn alle Menschen so viele Ressourcen verbrauchen würden wie wir, bräuchten wir zwei bis drei Erden. Dieses Wachstumsmodell werden wir nicht fortschreiben können. Wir müssen lernen, ein Stück weit neu zu teilen. Wir wissen das. Aber handeln noch nicht genug danach. Dabei wären die Lösungen da! Und die Mittel auch!

Entwicklungspolitik heute heißt nicht: "Almosen verteilen". Sondern vor allem: Strukturen schaffen, Wissen und Ideen teilen; "Hilfe zur Selbsthilfe" fördern! Genossenschaften sind auch hier Motoren des Wandels. Darum arbeiten wir – das Entwicklungsministerium und die Genossenschaftsverbände – seit über 30 Jahren erfolgreich zusammen. 1983 haben wir unsere Zusammenarbeit begonnen, mit einem Projekt in Peru. Heute fördern wir in Uganda mit dem DGRV den Aufbau genossenschaftlicher Spar- und Darlehensvereine. Das heißt für die Menschen dort: Sie können Kredite aufnehmen, sich ein Auskommen schaffen und zugleich lokale Wirtschaftskreisläufe ankurbeln. In Laos gibt es – auch dank DGRV – seit 2010 eine Genossenschaftsverordnung: Ein Novum für die ganze Region! Und in Mosambik vermittelt der DGRV mit dem Volkshochschulverband Management-Know-How in Molkereigenossenschaften.

Wir im Entwicklungsministerium wollen mit Ihnen, den Genossenschaften, weiter als starke Partner zusammenarbeiten. Wir wollen mehr mit Ihnen machen. Ich brauche Sie: als Investor und Berater! Für eine Welt mit mehr Wohlstand und mehr langfristigem Denken. "Member Value" statt "Shareholder Value".

Jeder einzelne Mensch, jedes Unternehmen, die Gesellschaft, der Staat braucht Orientierung und Werte. Setzen wir der Orientierungslosigkeit, dem Werteverlust, das christliche, soziale Werte- und Gestaltungskonzept von Schultze-Delitzsch und Raiffeisen entgegen. Und kämpfen und stehen wir dafür!


Lexikon der Entwicklungspolitik

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