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März

Globalisierung gerecht gestalten


Laudatio von Minister Müller anläßlich der Verleihung des Goldenen Ehrenbriefs der IG FÜR an Joseph Wilhelm

am 7. März 2016 in Legau

 Es gilt das gesprochene Wort!

Sehr geehrte Damen und Herren,

ich habe keine Minute gezögert, als ich gebeten wurde, die Laudatio auf Joseph Wilhelm zu halten. Denn uns verbindet viel.

Persönlich: Wir sind, lieber Herr Wilhelm, fast gleich alt; Sie ein Jahr älter. Wir haben beide in der Jugend auf dem elterlichen Hof hier in Schwaben mitgearbeitet, keine 50 Kilometer voneinander: Sie in Großaitingen, ich in Unterbleichen bei Krumbach.

Vor allem verbindet uns, was uns wichtig ist, also die Themen: Auch Sie haben sich seit Ihrer Jugend für Nachhaltigkeit eingesetzt. Für eine bessere Welt. Und Sie haben nicht nur geredet, sondern gehandelt. Und damit gezeigt: Man kann die Welt verändern, mit unternehmerischem Erfolg. Man kann selbst gut leben und zugleich auch anderen ein gutes Leben ermöglichen. Man kann Profit machen und zugleich die Lebensgrundlagen kommender Generationen sichern.

Nachhaltigkeit in allen Dimensionen – ökologisch, sozial, ökonomisch: Das ist das Wertefundament, auf dem Rapunzel seit über 40 Jahren kontinuierlich und nachhaltig gedeiht. Davon profitieren zunächst einmal Ihre Kundinnen und Kunden, weil Ihre Produkte schmecken. Und davon leben tausende Familien, hier und in Anbau-Gebieten weltweit.

Lieber Herr Wilhelm, Sie sagen: Die Globalisierung an sich ist nichts Negatives. Aber sie sollte eine Win-Win-Situation für alle sein. Und Sie legen den Finger in die Wunde: Wie Sie sagen ist es der "Missbrauch von Macht", der zu den Verwerfungen führt.

Die Globalisierung hat einem Teil der Menschheit Wohlstand gebracht. Aber den Preis zahlen oft andere: Weil ihre Umwelt verschmutzt wird durch Bergbau, Ölförderung, Abholzung oder Industrie; weil bei denen, die unsere Produkte herstellen, kein fairer Lohn dafür ankommt.

Diese Art von Globalisierung ist unfair. Und sie hat Folgen – auch für uns. Hungerlöhne, fehlende Bildung, zerstörte Umwelt, Ungerechtigkeit und Perspektivlosigkeit sind Nährboden für Krisen, Konflikte, Terror, Flucht. Und die Folgen bekommen auch wir am Ende zu spüren.

Wir müssen die Globalisierung gerecht und zukunftsfähig gestalten. Eine enorme Herausforderung sind die globalen Lieferketten. Oft reichen sie durch viele Länder, Verantwortung verliert sich leicht. Jeder sagt: Ich kann nichts tun… und zeigt mit dem Finger auf andere. Das wollen wir ändern.

Darum haben wir das Textilbündnis gegründet – als Blaupause: Denn wenn alle Verantwortlichen mitmachen, kann sich keiner mehr seiner Verantwortung entziehen. Darum holen wir Unternehmen, Gewerkschaften, Regierungen und Nichtregierungsorganisationen an einen Tisch. Das Ziel: Die existierenden Umwelt- und Sozialstandards tatsächlich zum Standard machen.

Vorreiter zeigen, was schon jetzt möglich ist – und für alle möglich wäre. Rapunzel etwa ist so ein Vorreiter: Von einer normalen Milchschokolade bekam ein Kakao-Bauer 2012 gerade mal drei bis sechs Cent. Bei Ihrer Vollmilch-Schokolade 16 Cent. Dadurch können Kinder zur Schule gehen, statt arbeiten zu müssen.

Zudem bieten Sie den Bauern durch sichere Preise auch Zukunft: Ihre Partner in Bolivien etwa konnten sich eine eigene Verarbeitungsfabrik aufbauen. Dadurch können die Menschen vor Ort mehr verdienen, weil sie nicht nur die rohen Bohnen verkaufen.

Wertschöpfung im Herkunftsland – das unterstützt auch das BMZ. Und wir fördern den fairen Handel. Beispielsweise durch die "Faire Woche" und den Wettbewerb "Hauptstadt des Fairen Handels". Mit Erfolg: Letztes Jahr hat der Faire Handel in Deutschland einen Rekordumsatz von einer Milliarde Euro erzielt, das ist ein Zuwachs um 30 Prozent. Und wir informieren, was man guten Gewissens kaufen kann, beispielsweise mit dem Verbraucherinformationsportal "Siegelklarheit.de".

Die IG FÜR – die Ihnen heute den Preis verleiht – bringt es mit ihrem Motto auf den Punkt: "Jeder Einkauf ist Ihr Stimmzettel!" Diesen Stimmzettel müssen wir alle noch viel bewusster nutzen: für mehr Nachhaltigkeit, für ein Leben in Würde für alle, für eine bessere Welt.

Wo wir die Hebel in der Hand haben, müssen wir sie konsequenter nutzen. Die öffentliche Beschaffung etwa ist ein Riesen-Hebel mit 300 Milliarden Euro jährlich. Bis 2020 wollen die Bundesbehörden 50 Prozent aller Textilien nachhaltig beschaffen.

Helmut Schmidt hat einmal gesagt: "Wer glaubt, der Markt könnte alles regeln, ist ein Trottel." Und darum müssen wir auch die harten Bretter bohren, wenn wir vom freien Handel zum fairen Handel kommen wollen. Zum Beispiel die WTO entwicklungsfreundlicher machen.

An Ihnen, Herr Wilhelm, sieht man doch: Die Idealisten von heute sind die Realisten von morgen. Sie selbst haben in einer Rede gesagt: "Gut, dass es Menschen und Institutionen gibt, die versuchen, die Welt positiv und gleichmäßiger zu globalisieren." Das kann ich hier nur wiederholen.

Sie, lieber Herr Wilhelm, liebe Belegschaft von Rapunzel, Sie machen täglich vor, wie das gehen kann. Denn nur wer auf Nachhaltigkeit setzt, kann langfristig Ernährung sichern. Nur wer menschenwürdige und fair bezahlte Arbeitsplätze schafft, schafft einen Ausweg aus Armut und Ungleichheit.

Darüber hinaus haben Sie mit Ihrem "Hand in Hand"-Fonds viel bewegt: In knapp 20 Jahren haben Sie fast eine Million Euro in 55 Ländern investiert, zum Beispiel für eine Mädchenschule in Tansania, für Trinkwasserversorgung in Indien oder für Wiederaufforstung in Costa Rica.

Entscheidend aber ist Ihr Engagement im täglichen Kerngeschäft. Wenn alle so wirtschaften würden wie Rapunzel, wären wir den Zielen im Weltzukunftsvertrag schon viel näher: Ein Leben in Würde für alle und gleichzeitig die Schöpfung bewahren.

Faire und umweltverträgliche Entwicklung ist nur mit, nicht gegen die Wirtschaft möglich. Nicht gegen irgendetwas, sondern FÜR gesunde Lebensmittel sein – das ist ja auch das Ziel der IG FÜR. Vor 10 Jahren haben Sie, lieber Joseph Wilhelm, bereits den Ehrenbrief von IG FÜR erhalten. Jetzt bekommen Sie als erster überhaupt den in Gold: Herzlichen Glückwunsch und vielen Dank.

Lexikon der Entwicklungspolitik

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