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Juli

Eine Welt ohne Hunger bis 2030 ist möglich – das müssen wir dafür tun


Gastbeitrag von Bundes­ent­wick­lungs­mi­nister Dr. Gerd Müller am 11. Juli 2016 auf der Website Focus Online. Der Beitrag ist online auch hier abrufbar.

In München arbeiten von heute an Wissenschaftler verschiedener Fachrichtungen in einem Innovationszentrum. Ihr Ziel: Sie wollen bis 2030 eine Welt ohne Hunger schaffen.

Hunger ist der größte Skandal auf der Welt, der schon heute beendet werden kann. Unser Planet Erde bietet ausreichend Möglichkeiten, alle über siebeneinhalb Milliarden Menschen zu ernähren. Doch Krisen, Kriege und auch der Klimawandel machen schon erzielte Fortschritte zunichte und erfordern völlig neue Wege der Hungerbekämpfung. Zum Beispiel das Innovationszentrum der UN-Welternährungsprogrammes (WEP) in München, das heute offiziell eröffnet wird. Eine Premiere!

Es ist noch nicht lange her, dass ich mir im größten Flüchtlingscamp der Welt in Dadaab in Kenia eine Nahrungsmittelverteilstation angesehen habe. Auf einer Schiefertafel sind die Wochen- und Monatsrationen ganz genau aufgeschrieben. Die Menschen stehen geduldig in Schlangen und warten auf ihre Hirseportionen.

Es ist beklemmend zu sehen, wie wenig die Menschen in ihren Taschen mit zurück in den Staub ihrer Hütten nehmen. Ich treffe somalische Flüchtlinge, die schon ein oder zwei Jahrzehnte hier in Dadaab ihr Dasein fristen – auf der Flucht vor Krieg und Hunger in ihrer Heimat ohne Perspektive auf ein besseres Leben.

Auf der Flucht im wahrsten Sinne des Wortes Gras gefressen

Szenenwechsel. Dohuk Nordirak. Ein jesidisches Flüchtlingscamp. Frauen und Kinder, die Unfassbares in Vergewaltigungslagern des IS durchzustehen hatten, brechen in Tränen aus, dass sie endlich in Sicherheit sind und für sich und ihre Kinder etwas zu essen haben. Sie haben auf der Flucht im wahrsten Sinne des Wortes Gras gefressen.

Endlich sind nun in den Flüchtlingscamps die Nahrungsmittelrationen bis Ende des Jahres finanziert. Deutschland hat hier rund die Hälfte der Kosten für Nahrungsmittel für die Flüchtlinge aus Syrien und Irak übernommen. Gekürzte Nahrungsmittelrationen sollen hier nicht nochmal der Grund für eine massenhafte Flucht über die Balkan-Route sein.

Hunger im Jahr 2016 hat viele Gesichter: Krieg und Krisen genauso wie die Folgen des Klimawandels. Die Folgen von El Niño zerstören Ernten und töten Vieh in Äthiopien und Malawi, die Menschen haben nichts mehr zu essen und haben kein Wasser mehr. Sie fliehen und es werden immer mehr, mittlerweile weltweit rund 65 Millionen Menschen.

Zu Recht weist die Deutsche Welthungerhilfe darauf hin, dass es mit der Verteilung von Lebensmitteln, Zelten und Medikamenten nicht allein getan ist. Kluge Lösungen sind gefragt, die den Menschen die Möglichkeit geben, ihr Leben wieder selbst in die Hand zu nehmen.

Digitales als Schlüssel

Das geschieht in Kenia. In einem Grünen Zentrum, in dem deutsche Entwicklungszusammenarbeit nicht weit vom Viktoriasee entfernt Bäuerinnen und Bauern beim Anbau schult. Neue Sorten werden angepflanzt und Pflanzenfolgen, die die Böden nicht zerstören. Milch wird direkt zu Lebensmitteln vor Ort verarbeitet. Es entstehen Arbeitsplätze für die junge Landbevölkerung – Beispiele, die im ganzen Land Schule machen sollen.

In Syrien baut das WEP mit deutscher Unterstützung zerstörte Bäckereien wieder auf und sorgt damit nicht nur für Brot für 180.000 Menschen, sondern auch für Ausbildungsplätze und Einkommen für 600 Familien. Im Libanon unterstützen wir über 2.000 Flüchtlingsfamilien dabei, Obst und Gemüse selbst anzubauen.

Viele Informationen werden inzwischen über Handys und Smartphones ausgetauscht, Wetterberichte, die Preise für den Verkauf der Ernte auf dem Markt genauso wie das Wissen über klimaresistentes Saatgut oder die Beantragung von Kleinkrediten für den Aufbau einer eigenen Existenz. Längst hat auch das Welternährungsprogramm statt Nahrungsmittelgutscheinen auf digitale Überweisungen und Abbuchungen in örtlichen Supermärkten umgestellt. Auch für Spenden gibt es inzwischen seit einem Jahr eine erfolgreiche App. Mit einem Klick bei "Share the Meal" ist eine Schülermahlzeit finanziert. Eine halbe Million User hat die App inzwischen auf dem Handy, knapp jeder dritte Spender kommt aus Deutschland.

Eine Welt ohne Hunger bis 2030 - das können wir schaffen

Innovative digitale Ideen des 21. Jahrhunderts für eine Welt ohne Hunger hat sich auch das 12-köpfige Team des Innovationszentrums des UN-Welternährungsprogrammes (WEP) auf die Fahnen geschrieben. Eine Denkfabrik, die das WEP mit Unterstützung der Bundesregierung und der bayerischen Staatsregierung, in der bayerischen Landeshauptstadt gegründet hat.

Von Fraunhofer bis zum Luft- und Raumfahrtzentrum, von der Technischen Universität München bis zur landwirtschaftlichen Forschung in Weihenstephan, findige Unternehmen und Know-how der großen Versicherungen – alle sollen hier an einen Tisch, um kluge digitale Lösungen für die Überlebensfrage des 21. Jahrhunderts zur entwickeln. Eine Welt ohne Hunger bis 2030 – das ist die größte Innovation, die wir gemeinsam schaffen können mit digitaler Technik, guten Ideen und dem Willen, diese mit uns gemeinsam auch in die Tat umzusetzen.

Lexikon der Entwicklungspolitik

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