Hauptinhalt

Februar

Rede von Minister Müller bei der Jahresversammlung des Bundesverbandes mittelständische Wirtschaft


am 15. Februar 2016 in Berlin

 Es gilt das gesprochene Wort!

Sehr geehrter Herr Ohoven,
sehr geehrter Herr Ministerpräsident,
sehr geehrter Herr Kommissar Oettinger,
sehr geehrter Herr Kollege Özdemir,
sehr geehrte Damen und Herren,

noch nie war so deutlich wie in diesen Tagen: die Globalisierung birgt gewaltigen Sprengstoff – und große Chancen. Die Globalisierung hat die Welt zu einem Dorf gemacht. Treibende Kräfte sind weltweite Arbeitsteilung, Mobilität, digitale Kommunikation – heute weiß potenziell jeder von jedem. Deutschland lebt bisher auf der Sonnenseite der Globalisierung. Und der deutsche Mittelstand nutzt wie kein anderer ihre Chancen: Jeder zweite "hidden champion" weltweit ist ein Unternehmen aus Deutschland!

Aber wir alle spüren zunehmend die negativen Seiten. Die vielen Menschen, die sich täglich auf den Weg zu uns machen, um Schutz oder ein besseres Leben zu finden, müssen uns ein Weckruf sein: Wir können nicht weiter profitieren, wenn die anderen keine Chance haben. Armut, Hunger, Ressourcenkonflikte, Klimaveränderungen, Bevölkerungsexplosion, Arbeits- und Chancenlosigkeit: Das alles geht langfristig auch uns etwas an!

Das sieht man auch am Beispiel Ägypten. Ich war gerade erst vor Ort. Ägypten hat 90 Millionen Einwohner, davon 20 Millionen Jugendliche zwischen 15 und 25 Jahren, die Hälfte von ihnen arbeitslos. Jedes Jahr kommt mehr als 1 Million dazu. So ähnlich oder dramatischer sieht es in vielen anderen Ländern aus: im Nahen Osten, in Afrika. Klar ist: Milliarden Menschen brauchen Perspektiven, sie brauchen Lösungen. Und darum bin ich bei Ihnen. Denn wer Entwicklung will, darf das Problemlösen nicht allein Regierungen und Wohltätigkeit überlassen. Der wichtigste Entwicklungsmotor der Menschheit ist und bleibt der Unternehmergeist!

Milliarden Menschen brauchen gute Ernährung, haben noch keinen Zugang zu Strom, zu fließend Wasser. Zu digitaler Kommunikation. Jedes dieser Probleme ist zugleich auch eine "Business opportunity", eine unternehmerische Chance – eine Chance für Sie, liebe Mittelständler! Denn Sie haben Lösungen. Nirgends in Europa wurden in den letzten Jahren so viele Produktinnovationen auf den Markt gebracht. Ihre Innovationskraft macht unser Land aus! Der deutsche Mittelstand sorgt für mehr als die Hälfte der Wirtschaftsleistung in Deutschland. 80 Prozent der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten arbeiten bei Ihnen und 80 Prozent der Auszubildenden lernen bei Ihnen.

Und Sie haben Werte. Sie orientieren sich nicht nur am Shareholder-Value. Sie denken langfristig – viele von Ihnen sind Familienunternehmer. Erfolg und Verantwortung gehören für Sie zusammen. 3,6 Millionen mittelständische Unternehmen gibt es in Deutschland. Wenn nur jeder 100. von Ihnen mit uns zusammenarbeitet, können wir gemeinsam rund 40.000 Projekte auf den Weg bringen! Das ist ein riesiges Potential für die Entwicklungsländer, für Sie als Unternehmer und für uns alle! Denn wir alle profitieren, wenn es gelingt, die Globalisierung fair und nachhaltig zu gestalten. Und wir alle verlieren, wenn das scheitert.

Ohne faire und nachhaltige wirtschaftliche Perspektiven keine Entwicklung und keine Stabilität. Deshalb heißt mein Ministerium ja auch Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung – in dieser Reihenfolge! Lebenschancen und Entwicklung für Milliarden, ohne die ökologischen Leitplanken zu sprengen: Dieses große Ziel hat sich die Staatengemeinschaft mit der "Agenda 2030" gesetzt – ein echter "Weltzukunftsvertrag". Und Ende des Jahres wurde in Paris ein globales Klima-Abkommen besiegelt.

Jetzt stehen gewaltige Investitionen an: in saubere Energien, nachhaltige Landwirtschaft, Wasserversorgung und vieles mehr. All das sind auch unternehmerische Chancen für Sie. Und ein Hebel für zeitgemäße Entwicklungspolitik. Denn zeitgemäße Entwicklungspolitik heißt nicht nur "Gelder direkt in Projekte stecken", sondern eben auch: Andere in dem unterstützen, was sie am besten können. Wir wollen Entwicklung und Unternehmen noch mehr als bisher zusammenbringen – und werden das noch mehr als bisher unterstützen.

So investieren wir deutlich mehr Geld: Seit meinem Amtsantritt haben wir die Mittel für die Zusammenarbeit mit der Wirtschaft um mehr als die Hälfte erhöht: auf jetzt 125 Millionen Euro. Wir bieten noch mehr Service durch die neue Agentur für Wirtschaft & Entwicklung mit mehr Personal und mehr Ressourcen. Sie ist Ihr Kontakt zur Entwicklungszusammenarbeit; in Berlin direkt im Haus der Verbände. Und wir unterstützen Sie durch ein immer dichteres Netz von Expertinnen und Experten in den Auslandshandelskammern (ExperTS) – auch dort, wo es solche nicht oder noch nicht gab. Unternehmen sollen vor Ort Ansprechpartner haben!

Wir haben all unser Wissen zu bieten. So haben wir Studien in Auftrag gegeben über wirtschaftliche Entwicklungschancen in Afrika. Denn sechs der zehn weltweit am schnellsten wachsenden Volkswirtschaften der letzten zehn Jahre liegen hier: Angola, Nigeria, Äthiopien, Tschad, Mosambik und Ruanda. Chancen bieten sich etwa in den Bereichen IKT, Maschinenbau (zum Beispiel Textilverarbeitung, Lebensmittel, Landwirtschaft), Bergbau, Energie, Medizin- und Umwelttechnik, Wasser oder Abfall.

Darüber hinaus fördern wir gute Regierungsführung und unterstützen unsere Partnerländer im Kampf gegen Korruption – und verbessern so auch Ihre Investitionsbedingungen! Und nicht zuletzt unterstützen wir Sie mit verbesserten Instrumenten, die Sicherheit für Ihre Investitionen schaffen. Denn Unsicherheiten und schwer abschätzbare Risiken sind sicherlich die größten Hindernisse für Investitionen in den Ländern, in denen Deutschland entwicklungspolitisch aktiv ist. So arbeiten wir an einer besseren Risikoteilung zwischen öffentlicher Hand und Privatsektor.

"Mehr Hermes" haben wir versprochen – und gemeinsam mit den beteiligten Ressorts auch umgesetzt. Etwa für Äthiopien, Ghana, Mosambik, Nigeria, Kenia, Tansania, Senegal und Uganda. Wir wollen auch gemeinsam mit der DEG neue Finanzierungsinstrumente entwickeln – an der Schnittstelle von Entwicklungszusammenarbeit und Außenwirtschaftsförderung. Wichtig wäre es, die Schwächen des Mittelstands zu überwinden und in einen Vorteil umzuwandeln: Häufig sind Sie ja sehr stark in einem kleinen Segment, zum Beispiel einer Pumpentechnik oder einem bestimmtem Werkstoff.

Gesucht werden aber oft komplette Lösungen. Gemeinsam können Sie Ihre Chancen im internationalen Wettbewerb verbessern! Insgesamt bietet die sich entwickelnde globale Welt ein großes Potential für unseren lokal verwurzelten, global wettbewerbsfähigen Mittelstand. Der internationale Währungsfonds schätzt: Mehr als 70 Prozent des globalen Wachstums findet in Entwicklungs- und Schwellenländern statt. Ihr Verband nutzt solche Chancen, habe ich gesehen. Sri Lanka etwa hat Wachstumsraten von über 7 Prozent. Am 18. Februar wird Staatspräsident Maithripala Sirisena zu Gast in Deutschland sein – und Sie werden eine engere Zusammenarbeit vereinbaren.

Wie gut Entwicklung und Wirtschaft zusammengehen, zeigen die Entwicklungspartnerschaften mit der Wirtschaft. Das BMZ hat bisher über 325 Millionen Euro für develoPPP.de bereitgestellt. Die Unternehmen mehr als 560 Millionen Euro. Das heißt: Aus jedem Euro Steuergeld machen wir 2 Euro 70 für Entwicklung – eine stolze Hebelleistung! Und für die beteiligten Unternehmen sind diese Partnerschaften oft Türöffner für neue Märkte. Drei Beispiele:

  • Mit der Firma Sunset Energy haben wir in Marokko für Schulungszwecke eine Solaranlage errichtet.
  • Mit der Firma Knauf bauen wir derzeit im Irak ein Schulungszentrum für Trockenbautechniken.
  • Mit der Firma Rehau haben wir in Istanbul ein türkisches Technologie- und Qualifizierungszentrum initiiert.

Viermal jährlich veranstalten wir einen Ideenwettbewerb. Gerade startet die aktuelle Ausschreibung. Unsere EZ-Scouts in Kammern und Verbänden stehen Ihnen mit Rat und Tat zur Seite. Hier beim BVMW zum Beispiel Herr Alexander Knipperts. Meine Damen und Herren, Sie sehen: Wir wollen Sie, wir brauchen den Mittelstand!

Auch Ihre Ausbildungskompetenz. Zum Beispiel im Rahmen des vereinbarten Qualifizierungspakts in Höhe von 15 Millionen Euro zur Ausbildung junger Flüchtlinge in der Türkei. Und gerade in diesen Tagen natürlich hier in Deutschland. Sie haben, Herr Ohoven, im Jahresbericht des BVMW richtigerweise angemerkt: vor allem der deutsche Mittelstand ist gefragt, um die vielen jungen Flüchtlinge in den Arbeitsmarkt zu integrieren. Das ist eine Mammutaufgabe. Viele kleine und mittlere Unternehmen in ganz Deutschland nehmen sie jeden Tag an! Dafür möchte ich Ihnen allen danken! Sie sorgen dafür, dass Menschen Perspektiven bekommen und nach einer Rückkehr ihr Land wieder aufbauen und voranbringen können. BMZ und ZDH unterstützen das gemeinsam mit bislang 15 Handwerkskammern in einer Qualifizierungsinitiative: Allein dieses Jahr: 1.000 junge Flüchtlinge erreichen und auf die Ausbildung vorbereiten. Wir brauchen insgesamt mehr Handwerker, weniger Mundwerker!

Meine Damen und Herren, als Mittelständler, als Familienunternehmer sind Sie lokal verankert und global erfolgreich. Sie sind die besten Botschafter unseres Landes. Ich zitiere aus der Studie "Deutschland in den Augen der Welt": "Nicht die DAX-Unternehmen machen den Charakter der deutschen Wirtschaft aus. Prägend ist der Mittelstand." Sie hier wissen besser als ich: Mitarbeiter sind mehr als nur Humankapital. Kunden sind mehr als nur kaufende Kräfte. Kapital hat keine Würde, der Mensch schon. Und jeder Mensch hat die gleichen Chancen verdient. Wir können nicht alle Menschen in Not bei uns aufnehmen, aber wir können und müssen gemeinsam mehr in ihre Zukunft investieren! Und Sie sind dabei unverzichtbare Partner!

Lexikon der Entwicklungspolitik

Fenster schließen

 

Seite teilen