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September

Keynote


Rede von Bundesentwicklungsminister Gerd Müller
beim German-African Business Summit 2015
der "Südliches Afrika Initiative der Deutschen Wirtschaft" (SAFRI)
am 8. September 2015 in Berlin

Es gilt das gesprochene Wort!

Jedes Mal, wenn ich in Afrika mit Unternehmerinnen und Unternehmern spreche, höre ich: deutsche Unternehmen haben in Afrika einen guten Ruf. "Wenn du ein technisches Problem hast, das du nicht lösen kannst, dann gib es einem deutschen Fachmann." So zitiert eine Studie der GIZ Menschen in unseren Partnerländern zu ihrem Bild von Deutschland. Afrikanische Partner arbeiten gerne mit deutschen Unternehmen zusammen. Der German-African Business Summit zeigt: Die Zusammenarbeit ist für beide Seiten eine Chance: Für die afrikanischen Länder. Und für unsere Unternehmen, für Sie.

Und die sollten wir noch viel stärker nutzen als bisher! Als Entwicklungsminister spreche ich sicherlich häufig über Probleme afrikanischer Länder. Aber ich habe in meiner Arbeit erfahren: Unser Bild von Afrika als Krisenkontinent stimmt nicht mit der Lebensrealität vieler Afrikaner überein. Afrika ist ein Chancenkontinent.

Nur fünf Prozent der Afrikaner leben tatsächlich in einem Krisengebiet. Die allermeisten also nicht. Die Mittelschichten wachsen. Jedes zweite afrikanische Land gehört inzwischen zu den so genannten "Middle-Income Countries" ähnlich wie etwa Indien oder Indonesien. Und auch da, wo Perspektivlosigkeit zu herrschen scheint, suchen die Menschen selbst nach Auswegen. Sie sind unglaublich erfinderisch. Afrika ist ein Kontinent mit einem unglaublichen Reichtum an Ressourcen: Bodenschätze, fruchtbares Land, einzigartige Flora und Fauna.

Und vor allem: viele junge Menschen, denen ich immer wieder begegne. Sie sind jung, tatkräftig, kreativ und entschlossen, das 21. Jahrhundert mitzugestalten. Viele Länder Afrikas können in den vergangenen Jahren auf eine äußerst erfolgreiche Entwicklung zurückblicken: Ein Land wie Äthiopien, vor wenigen Jahren noch geprägt von Hunger und Dürre, befindet sich auf dem Weg zum landwirtschaftlichen Selbstversorger, im bevölkerungsreichsten Land Afrikas, in Nigeria, fand gerade ein friedlicher Machwechsel statt. Ein Land wie Tunesien beispielsweise befindet sich auf einem erfolgreichen Annährungskurs an die EU und würde den allergrößten Teil des EU-Acquis erfüllen.

In vielen Ländern Afrikas findet gerade eine digitale Revolution statt. Nirgends ist der Mobilfunk- und Internetsektor so groß wie in Afrika. Afrika gehört zu den am stärksten wachsenden Märkten für Mobiltelefone, Tablets und Laptops. In Afrika südlich der Sahara wird es in einigen Jahren eine Milliarde Handybesitzer geben. Und weil Smartphones billiger sind und weniger Strom brauchen, überspringt unser Nachbarkontinent einfach das Zeitalter des Desktop-Computers.

Ein weiterer Sektor birgt riesiges Potenzial: die erneuerbaren Energien. Immer noch haben 70 Prozent der Menschen in Afrika keinen oder nur unregelmäßig Strom. Mit seinem Klima ist Afrika für erneuerbare Energien hervorragend geeignet. Im Rahmen unserer G7-Präsidentschaft haben wir mit unseren afrikanischen Partnern vereinbart: Gemeinsam werden wir bis 2020 10 Giga-Watt mehr Energie aus erneuerbaren Quellen gewinnen. Das entspricht acht bis zehn großen Kohlekraftwerken. Morgen haben wir hier in Berlin beim Internationalen Wirtschaftsforum der OECD auch Kofi Annan zu Gast. Er wird uns seine Vision von Afrika als der neuen "karbonarmen Supermacht", ("low-carbon super power") vorstellen.

Ich bin mir sicher: Was jetzt noch Mangel an Infrastruktur ist, kann sich zum Vorteil Afrikas entwickeln. Afrika kann gleich den smarteren Weg gehen: Wo es keine Telefon- und DSL-Leitungen gibt, benutzt man eben das Mobiltelefon. Wo die Stromnetze noch nicht ausgebaut sind, gibt es auch keinen Streit über neue Trassen. Hier ist noch – fast – alles möglich! Nicht zuletzt deshalb sind ausländische Direktinvestitionen in afrikanische Länder auf einem Höchststand, Tendenz steigend: 2013 wurden 54 Milliarden US-Dollar in afrikanischen Ländern investiert. Afrika ist attraktiv für Unternehmen. Und unsere Unternehmen bringen Afrika voran. Viele von Ihnen hier im Raum tragen dazu bei. Denn Sie sind bereits in Afrika tätig. Das freut mich sehr! Aber ich möchte, dass Sie noch mehr werden. Angeblich sind von 500.000 Unternehmen im Ausland nur 1.000 in Afrika tätig.

Deshalb begrüße ich es sehr, dass sich Ihre Initiative SAFRI (Südliches Afrika Initiative der Deutschen Wirtschaft) nun für ganz Subsahara-Afrika öffnet. Es gibt noch vieles, was wir tun können, um gemeinsam die Potenziale des Chancenkontinents Afrika zu heben. Europa und Afrika haben hier eine gemeinsame Verantwortung, aber auch eine jeweils eigene!

So haben wir es auch im Juli in Addis verabredet: Wir als Bundesregierung tragen Verantwortung, die Entwicklungspolitik, aber auch Sie, als Unternehmer aus Deutschland und allen voran Sie, als afrikanische Unternehmer, und Ihre Regierungen. Denn Sie sind es, die die Entwicklung Ihres Kontinents maßgeblich mitgestalten werden.

Das BMZ hat im vergangenen Jahr neue Schwerpunkte für die Zusammenarbeit mit Afrika gesetzt. Wir wollen mithelfen, Risiken zu mindern, Rahmenbedingungen zu verbessern und damit Chancen zu eröffnen.

Einige konkrete Beispiele: Wir konzentrieren uns darauf, vor allem für junge Menschen Perspektiven zu schaffen. Der Schlüssel dafür ist seit jeher Bildung und Ausbildung. Daher habe ich mit AU-Kommissionspräsidentin Dlamini-Zuma eine Berufsbildungsoffensive verabredet, mit der wir unser Engagement im Bildungsbereich in Afrika ausbauen werden. Wir wollen gemeinsam mit unseren Partnern der G7 die Zahl der qualifizierten Frauen und Mädchen um ein Drittel erhöhen. Bundeskanzlerin Merkel hat sich persönlich dafür stark gemacht. Und wir werden das demnächst in einer großen Konferenz in Berlin untermauern.

Seit 2014 haben wir außerdem elf Berufsbildungspartnerschaften mit den Wirtschaftskammern auf den Weg gebracht. Damit wollen wir Angebot und Nachfrage auf dem Arbeitsmarkt besser aufeinander abstimmen.

Zusammen mit in Afrika tätigen Unternehmen wollen wir die Aussicht auf Arbeit und Einkommen verbessern: In Ghana zum Beispiel mit Samsung durch eine Ausbildungspartnerschaft für technische Berufe. In Tansania haben wir mit HeidelbergCement ein Geschäftsmodell entwickelt, das Jobs im Bereich erneuerbare Energien schafft. Gemeinsam mit anderen Ressorts haben wir ein Versprechen eingelöst: Die Bundesregierung wird mehr Hermes-Bürgschaften vergeben. Und damit mehr Sicherheit für Ihre Investitionen schaffen. Neu auf der Liste sind: Äthiopien, Ghana, Mosambik, Nigeria, Kenia, Tansania, Senegal und Uganda. Weitere Unterstützungsmöglichkeiten: Steuer- und Investitionsanreize. Und wir haben eine "Strategische Partnerschaft Digitales Afrika" gegründet. Denn in der digitalen Entwicklung Afrikas stecken riesige Chancen. Hier kooperieren wir eng mit der deutschen IKT-Wirtschaft!

Wir unterstützen außerdem sehr stark die ländliche Entwicklung und die Landwirtschaft – hier bringt jeder investierte Euro ein Vielfaches an Wohlfahrtsgewinn. Zur Umsetzung der Afrikapolitik stellt das BMZ deutlich mehr Mittel zur Verfügung. Allein vergangenes Jahr haben wir 1,5 Milliarden Euro zugesagt. Und wir wollen die Zusagen weiter erhöhen. Aber: Entwicklungsgelder allein werden kein Land entwickeln. Viel wichtiger sind private unternehmerische Initiativen und private Investitionen.

Entwicklungspolitik braucht Partner, also Sie! Schon seit über 15 Jahren tut sich Entwicklungszusammenarbeit mit der Wirtschaft zusammen – mit Erfolg! In unserem Public-Private-Partnership-Programm mit Afrika haben wir 450 Entwicklungspartnerschaften mit einem Volumen von 250 Millionen Euro gegründet. Zum Beispiel für: Bio-Mangos in Burkina Faso, Solarlicht in Mosambik oder sauberes Wasser in Ghana.

Investitionen sind aber nur da erfolgreich, wo die Rahmenbedingungen stimmen. Sicherlich ist Korruption ein Thema, dass man ansprechen muss. Hier kommt wieder die Entwicklungszusammenarbeit ins Spiel. Wir unterstützen unsere Partnerländer dabei, im Sinne von guter Regierungsführung staatliche Institutionen verlässlich und effizient zu machen, Korruption und Kapitalflucht zu unterbinden, und Rechtsstaatlichkeit herzustellen.
Für Regierungshandeln braucht es öffentliche Einnahmen. Viele Länder müssen dafür mehr oder überhaupt Steuern einnehmen. Deshalb unterstützen wir zum Beispiel Ghana und Kenia dabei, transparente und effiziente Steuersysteme aufzubauen. Dafür investieren wir pro Jahr etwa 40 Millionen Euro. Und wir fördern beispielsweise die Steuerharmonisierung innerhalb der Ostafrikanischen Gemeinschaft und der ECOWAS.

Wir setzen uns außerdem für faire Handelsbeziehungen ein. Mein Credo lautet: Vom Freihandel zum Fairhandel. Denn Handel ist der Schlüssel zu wirtschaftlichem Wachstum. Noch sind die afrikanischen Länder als Märkte zu klein, um international attraktiv zu sein – bis auf wenige Ausnahmen. Deshalb unterstützen wir die Schaffung einer afrikanischen Freihandelszone. Hier ist sicher noch einiges zu tun.

Aber ich bin optimistisch. Denn vieles haben wir in den vergangenen Jahren bereits erreicht. Und ich setze darauf, dass auch Sie als Unternehmerinnen und Unternehmer zu guten Rahmenbedingungen beitragen. Die Textilindustrie etwa boomt in Ostafrika. Aber es darf nicht so kommen, dass mit der Produktion aus Asien auch die oft unerträglichen Arbeitsbedingungen nach Afrika exportiert werden. Deshalb möchte ich erreichen, dass sich Unternehmen verpflichten, Umwelt-, Arbeits- und Sozialstandards über die gesamte Lieferkette einzuhalten und nachzuhalten. Deshalb haben wir vergangenes Jahr mit führenden deutschen Textilunternehmen das Bündnis für nachhaltige Textilproduktion ins Leben gerufen.

Wir unterstützen Sie und werden dazu eine Servicestelle für die Wirtschaft hier im Haus der Deutschen Wirtschaft einrichten. Denn wir wollen Sie in Zukunft noch besser bei Ihrem Engagement in Entwicklungsländern beraten.

Ich möchte noch ein Thema ansprechen, das mir besonders am Herzen liegt und das gerade dramatisch aktuell ist. Wenn wir heute über Afrika sprechen, müssen wir auch über Flüchtlinge und die Ursachen von Flucht sprechen über Perspektiven, und was wir dazu beitragen können. Dazu gehört zunächst einmal, die Perspektive auf ein Leben in Frieden und Sicherheit. Die Bundesregierung unterstützt die Afrikanische Union in ihren Bemühungen, hier eigenverantwortlich Fortschritte zu machen. Auch unsere Maßnahmen zu Bildung und Ausbildung geben jungen Menschen Zukunftschancen in ihrer Heimat. Aber erst eine gesunde wirtschaftliche Entwicklung wird sie von dem Druck befreien, ihr Glück anderswo zu suchen.

Es gibt viele Gründe dafür, dass Wirtschaft und Entwicklungspolitik an einem Strang ziehen. Und zwar gemeinsam mit den afrikanischen Reformern, die wissen: auf unserem Kontinent muss sich vieles verändern, damit die Armut verschwindet, die Menschen bleiben und ihre Zukunft entwickeln.

Über Zukunftsperspektiven werden wir morgen auch bei der OECD-Konferenz "Africa Beyond 2015" sprechen. Dafür empfangen wir zahlreiche Gäste aus Afrika und Europa. Neben unserem ehemaligen Bundespräsidenten Prof. Horst Köhler werden Sie, verehrter Präsident Mahama und, wie erwähnt, der ehemalige UN-Generalsekretär Kofi Annan sich zu diesen Themen äußern. Darauf sind wir bereits heute gespannt. Denn wie US-Präsident Obama auf seiner Afrika-Reise im Sommer gesagt hat: "Die Zukunft Afrikas hängt von den Afrikanern ab." Und ich möchte sogar noch einen Schritt weiter gehen: nicht nur die Zukunft Afrikas.

Ein blühendes Afrika ist auch ein Gewinn für Europa – und für die ganze Welt. Denn die globalen Herausforderungen unseres Planeten werden wir nur gemeinsam mit unserem Nachbarkontinent Afrika und seinen kreativen Menschen lösen können. Deshalb freue ich mich sehr, dass Sie heute hier sind. Und ich freue mich auf Ihre Perspektiven, Ihre Erfahrungen und Ihre Ideen.

Vielen Dank!

Lexikon der Entwicklungspolitik

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