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September

Muss es Hunger geben?
Wie die Welt von morgen ernährt werden kann


Artikel von Bundesentwicklungsminister Dr. Gerd Müller in der Tageszeitung Der Tagesspiegel vom 09. September 2014

Vor sechs Jahren entstand plötzlich der Eindruck, dass nicht mehr genügend Lebens­mittel produziert werden können, um die Welt­bevölkerung zu ernähren. Die Getreide­preise schossen in die Höhe. Staaten, die normaler­weise Lebens­mittel exportieren, schlossen ihre Grenzen. Heute ist von der Angst vor dem globalen Hunger nicht viel geblieben. Denn trotz Dürren in Australien, Wald­bränden in Russland oder Über­schwemmungen in Pakistan trat kein welt­weiter Notstand bei der Nahrungs­mittel­produktion ein. Der Agrar­sektor und die Lebens­mittel­industrie funktionieren. Im Prinzip eine gute Nachricht. Also alles nur Schwarz­malerei?

Sicher nicht, denn die Erkenntnis, dass die aktuelle Agrar­produktion mit der Nach­frage stand­hält, wird durch die Tatsache relativiert, dass weiterhin 33 Staaten auf externe Nahrungs­mittel­hilfe angewiesen sind. Immer noch hungern fast 850 Millionen Menschen; eine weitere Milliarde Menschen leiden an Mangel­ernährung. "Die Welt­gemein­schaft kann genügend Lebens­mittel produzieren, aber viele Menschen werden sich diese nicht mehr leisten können." Dieser von der Welt­ernährungs­organisation FAO schon vor 20 Jahren geprägte Satz ist heute Realität geworden. Grund­nahrungs­mittel, vor allem Obst, Gemüse sowie tierische Produkte, die zu einer gesunden Ernährung gehören, sind teurer geworden. Ein fataler Zustand für die Menschen in den ärmsten Ländern, die bereits jetzt zwischen 60 bis 80 Prozent ihres Einkommens für Lebens­mittel aufwenden müssen. In den meisten Industrie­ländern liegt dieser Wert lediglich bei 10 bis 20 Prozent.

"EineWelt ohne Hunger" ist ein entwicklungs­politischer Schwer­punkt des Bundes­ministeriums für wirt­schaft­liche Zu­sammen­arbeit und Ent­wick­lung (BMZ). Allein über die KfW Entwicklungs­bank werden jährlich Projekte und Programme in drei­stelliger Millionen­höhe finanziert, die sich auf benach­teiligte länd­liche Räume konzen­trieren und vor allem armen Menschen zu Gute kommen. Dabei geht es häufig darum, Erträge zu verbessern und so die Selbst­versorgung ländlicher Familien mit eigenen Lebens­mitteln zu sichern. Doch nicht jeder Mensch besitzt ausreichend Land, um sich davon zu ernähren. Im Gegen­teil: Häufig müssen bäuerliche Haushalte Lebens­mittel dazu­kaufen. Deshalb ist ein regel­mäßiges Einkommen mindestens genauso wichtig wie die Chance, sich selbst versorgen zu können.

Vor diesem Hinter­grund stehen für die KfW Entwicklungs­bank und die KfW-Tochter DEG bei vielen Projekten zur Bewässerung, dem ländlichen Wegebau, der Mikro- oder Agrar­finanzierung Maßnahmen im Mittel­punkt, die Arbeits­plätze oder Einkünfte aus dem Verkauf eigener Produkte schaffen. Damit ein Klein­bauer seine Produkte verkaufen kann, bedarf es auch privat­wirtschaft­licher Unter­nehmen, die als Händler oder weiter­verarbeitende Industrie eng und fair mit den Land­wirten zusammen­arbeiten. Auch dies ist eine Grund­voraus­setzung für Ernährungs­sicherheit. Heute gibt es – in der Theorie – für alle Menschen genug zu essen.

Die Welt hat "nur" ein Armuts- und Verteilungs­problem. Doch für die Zukunft müssen die Weichen neu gestellt werden. Denn in 30 Jahren werden auf der Welt voraus­sicht­lich zusätzliche zwei Milliarden Menschen leben. 75 Prozent der Mensch­heit wird in Städten wohnen und den Groß­teil des Lebens­mittel­bedarfs nicht mehr selbst produzieren können. Der Bedarf der dann neun Milliarden Menschen geht weit über die Nach­frage nach Kalorien hinaus – es geht auch um Eiweiß, lebens­notwendige Mineralien und Vitamine. Die FAO berechnet, dass sich hierfür die Lebens­mittel­produktion verdoppeln und die Lebens­mittel­verarbeitung und -konservierung immens wachsen müssen. Verluste an Nahrungs­mitteln zwischen Acker und Teller sollten vermieden werden.

Doch diese sehr produktions­orientierte Denk­weise erscheint führenden Wissen­schaftlern allein nicht mehr aus­reichend; sie unterstreichen, dass die Ernährung von neun Milliarden Menschen nicht mehr los­gelöst vom globalen Konsum­verhalten gewähr­leistet werden kann. Zwei Milliarden Menschen zusätzlich können nur dann umwelt­gerecht und gesund ernährt werden, wenn über­mäßiger Fleisch­verzehr durch mehr pflanz­liche Produkte ersetzt wird. Dies setzt selbst­verständ­lich einen Wandel an Konsum­mustern und damit tief­greifende soziale und gesell­schaft­liche Veränderungen voraus. In­ves­ti­tio­nen in Ernährungs­sicherheit können nur erfolg­reich sein, wenn sie in nationale Strategien eingebettet sind und Regierungen ihre Ver­ant­wor­tung für Mensch und Umwelt wahr­nehmen.

Der Verlust an frucht­barem Boden, an verfüg­barem Wasser und an bio­lo­gi­scher Viel­falt nimmt zu. Die KfW tritt deshalb dafür ein, Er­näh­rungs­siche­rung, Armuts­minderung, Natur- und Ressourcen­schutz und die Anpassung an den Klima­wandel nicht getrennt zu behandeln. Besonders Industrie- und Schwellen­länder müssen bewusster mit unseren natür­lichen Ressourcen umgehen. Die Zeit ist mehr als reif für eine breite gesell­schaft­liche Debatte über die offenen Fragen der Welt­ernährung.

Nahrung ist ein Menschenrecht. Und dennoch: Fast 850 Millionen Menschen hungern weltweit – ​eine gewaltige He­raus­for­de­rung. Der Kampf gegen Armut und Hunger steht daher im Zentrum meiner Arbeit. Mit unserer Sonder­initiative "EineWelt ohne Hunger" investieren wir 1 Milliarde Euro jährlich in länd­liche Ent­wick­lung, Land­wirt­schaft und Er­näh­rungs­siche­rung. Denn unser Planet wäre sehr wohl im Stande, seine Bevölkerung zu ernähren. Doch viele Länder importieren Lebens­mittel, obwohl sie selbst gute Möglich­keiten für eine leistungs­fähige Land­wirt­schaft haben. Diese Potenziale müssen wir nutzen. Moderne und zugleich nach­hal­tige Anbau­methoden können die Erträge erheblich steigern – dabei setzen wir gerade auf die klein­bäuerlichen Betriebe. Unser Ziel muss es sein, heute den Hunger zu über­winden – und gleich­zeitig die Ernährung von morgen zu sichern. Das ist unser Verständnis von nach­haltiger Ent­wick­lung.

Lexikon der Entwicklungspolitik

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