Hauptinhalt

Oktober

Nachhaltige Entwicklung gemeinsam gestalten – Deutschland und China als Partner der Einen Welt


Grundsatzrede von Bundesentwicklungsminister Dr. Gerd Müller vor ehemaligen Stipendiaten der politischen Stiftungen am 23. Oktober 2014

Es gilt das gesprochene Wort!

Sehr geehrte Damen und Herren,
Sehr geehrter Herr Prof. Li Xiaoyun Nimen hao,

600 Millionen. 600 Millionen. Das ist die beeindruckende Zahl von Menschen, die die Volksrepublik China in gut 25 Jahren durch ihr bemerkenswertes Wirtschaftswachstum aus der Armut befreit hat. Das ist eine überragende Erfolgsgeschichte, als Deutscher möchte ich fast sagen: ein Wirtschaftswunder.

China hat in den letzten Jahren Unglaubliches geleistet.

  • Das BIP pro Kopf ist seit 1990 um mehr als 600 Prozent gestiegen.
  • Der Anteil seiner Bevölkerung, der von weniger als einem Dollar am Tag lebt, ist zwischen 1990 und 2010 von 60 Prozent auf 12 Prozent zurückgegangen.

China hat damit einen wesentlichen Beitrag zur weltweiten Erreichung des ersten Millenniumsentwicklungsziels erbracht, die absolute Armut zu halbieren.

14 Jahre nach dem Millenniumsgipfel geht es aber um viel mehr als absolute Armut. Es geht nicht nur um die Frage: Was kommt nach den 1,25 Dollar pro Tag, der von der Weltbank definierten absoluten Armutsgrenze.

Sondern es geht auch um die Frage, wie wir wirtschaftliche Entwicklung, soziale Gerechtigkeit und Umweltschutz in Einklang bringen können.

Aktuell laufen hierzu Diskussionen bei den Vereinten Nationen. Die Weltgemeinschaft will Nachfolge-Ziele für die Millenniumsziele erarbeiten. Dabei ist deutlich, dass die Bekämpfung der absoluten Armut weiterhin im Fokus steht. Das ambitionierte Ziel lautet: Die absolute Armut bis 2030 auszurotten. Darüber hinaus geht es aber auch um weitere große Zukunftsfragen:

Wie können wir den Klimawandel stoppen und seinen bereits jetzt spürbaren Auswirkungen begegnen?

  • Was sind die Energien des 21. Jahrhunderts?
  • Wie können wir eine weiterhin wachsende Weltbevölkerung ernähren?
  • Reicht die Ressource Wasser?
  • Wie bedroht sind die Weltmeere?
  • Wie müssen Weltwirtschaft und Welthandel umgebaut werden, damit alle Länder und Menschen der Welt einen fairen Anteil daran haben?
  • Wie können wir Frieden, Sicherheit und Wohlstand sichern?

Dies alles sind Fragen, die kein Land der Welt alleine beantworten und lösen kann. Aber jedes Land hat seine eigene Verantwortung und seinen Teil zur Lösung der Herausforderungen beizutragen. Letztlich ist allen klar: Diese Fragen lassen sich nur partnerschaftlich lösen.

Deshalb bin ich heute hier:

Ich halte China, das größte und wirtschaftlich stärkste asiatische Land, und Deutschland als größtes und wirtschaftlich stärkstes europäische Land, für prädestinierte Partner um Globalisierung gemeinsam zu gestalten.

Minister GAO Hucheng und ich haben am 10. Oktober 2014 ein neues Kapitel in unserer entwicklungspolitischen Kooperation aufgeschlagen.

Wir haben bei den deutsch-chinesischen Regierungskonsultationen in Berlin vereinbart, unseren Dialog zu Fragen der globalen Entwicklung und Entwicklungszusammenarbeit zu vertiefen:

  • regionale und globale Fragen;
  • Erfahrungen unserer jeweiligen Entwicklungszusammenarbeit und Süd-Süd-Kooperation;
  • auch die Post-2015-Agenda für nachhaltige Entwicklung wird natürlich ein Schlüsselthema sein.
  • Und wir haben in einer Gemeinsamen Erklärung zwischen BMZ und MofCom vereinbart, jährlich in einer Kommission zur Entwicklungszusammenarbeit zusammenzukommen.
  • Thematisch wollen wir uns zu Fragen der Welternährung austauschen,
  • Themen wie Klimaschutz und Energieeffizienz aber auch Überwindung der Ungleichgewichte zwischen Stadt und Land
  • sowie faire Standards in globalen Wertschöpfungsketten sollen im Mittelpunkt stehen.

Politikdialog und praktische Entwicklungszusammenarbeit sind unser Ziel.

Denn wir werden die großen Zukunftsfragen nur gemeinsam lösen. Beim Thema Ernährungssicherung kommen gleich mehrere Zukunftsthemen zusammen:

Wasserversorgung, Demographie und Klimawandel werden allesamt Einfluss auf unser gemeinsames Ziel haben, die Sicherung der Welternährung zu gewährleisten.

Die landwirtschaftliche Produktivität hat sich zwischen 1990 und 2012 in China mehr als verdoppelt. In derselben Zeit haben Sie den Wasserverbrauch je Fläche um 20 Prozent gesenkt.

Ich komme aus der Landwirtschaft. Das ist wirklich eine sehr beachtliche Leistung. Deshalb ist es umso wichtiger, einen Wissens- und Erfahrungsaustausch zu starten:

  • Wie können wir Nachernteverluste vermeiden?
  • Wie können wir Produktivität und Einkommen von landwirtschaftlichen Kleinbetrieben stärken?
  • Wie können wir die Widerstandfähigkeit von bäuerlichen Betrieben gegen Klimaveränderungen stärken?

Dies sind Fragen, bei denen es reichhaltige Erfahrungen, sowohl in China, als auch in Deutschland gibt. Lassen Sie uns gemeinsam an diesen Fragen arbeiten, in China, in Deutschland und in der Welt.

Doch nicht nur auf dem Land, sondern gerade in den wachsenden Städten der Welt wird sich die Zukunft unseres Planeten entscheiden. Auch hier ergänzen sich China und Deutschland hervorragend: Sie haben die großen und wachsenden Städte – wir haben Technik- und Infrastrukturlösungen für viele Fragen der nachhaltigen Stadtentwicklung.

In den Städten kommen nicht nur viele Menschen, sondern auch wieder verschiedene Zukunftsfragen zusammen: Energie- und Wasserversorgung ebenso, wie Transport und Infrastruktur.

Deshalb haben wir bereits einen Dialog im Rahmen der Stadtentwicklungsinitiative für Asien gestartet und wollen diesen weiter vertiefen. Kommunale Planung und Finanzierung sind hierbei wichtige Fragen, bei denen aus den jeweiligen Prozessen und Erfahrungen der Partner großer gegenseitiger Nutzen entstehen kann.

Ein Thema, das mir persönlich sehr am Herzen liegt, sind die Bedingungen, unter denen Textilien in Asien hergestellt werden. Die Textilindustrie ist ein bedeutender Wirtschaftsfaktor für China. In den vergangenen drei Jahrzehnten ist China zum weltweit größten Produzenten und Exporteur in der Textil- und Bekleidungsindustrie aufgestiegen. Ein Drittel der weltweiten Textilproduktion, fast 40 Prozent der Bekleidung und knapp zwei Drittel der Leder- und Schuhprodukte stammen aus China.

Viele große deutsche Firmen lassen ihre Kleidung in China produzieren. Deshalb nutze ich meine Reise auch, um mir die Produktionsbedingungen vor Ort anzuschauen. China hat beeindruckende Erfolge bei der Modernisierung seiner Textilindustrie zu verzeichnen. Leider sieht es nicht überall so aus.

Deshalb habe ich im Frühjahr in Deutschland ein Textil-Bündnis auf den Weg gebracht, letzte Woche haben wir es in Deutschland unterzeichnet.

Ein paar Cent Stundenlohn, lebensgefährliche Arbeitsbedingungen, das ist nicht nachhaltig. Oder mit anderen Worten: das kann so nicht weitergehen.

Gemeinsam mit Wirtschaft, Verbänden, Gewerkschaften, Nichtregierungsorganisationen und Interessengruppen wollen wir die gesamte textile Lieferkette auf die bestmöglichen, nachhaltigen
Produktionsmethoden heben, und zwar vom Baumwollfeld bis zum Bügel.

Bessere Arbeitsbedingungen, umweltfreundlichere Produktionsmethoden und faire Löhne: Das ist Nachhaltigkeit konkret!

Auch der Klimawandel macht sehr deutlich, wie dringend wir zusammenarbeiten müssen.

Wenn wir die Erderwärmung nicht unter 2 Grad halten, müssen wir in den nächsten Jahrzehnten mit 200 Millionen Klimaflüchtlingen rechnen.

Wenn die Temperatur um drei Grad ansteigt, verliert Afrika über 90 Prozent der Anbaufläche für Mais und Hirse.

Das dürfen wir nicht zulassen.

Deutschland ist bereit, mit seinen besonderen Stärken an diesen globalen Herausforderungen zu arbeiten. Wir bieten deutsches Know-How und deutsche Unterstützung an.

Um globale Klimaschutzziele zu erreichen, benötigen wir ein verbindliches internationales Klimaschutz-Abkommen. Dieses wollen wir im kommenden Jahr abschließen.

Auch hier zeigt Deutschland, dass es bereit ist, Verantwortung für unsere Eine Welt zu übernehmen. Zusätzlich zu unserer Energiewende zuhause setzen wir uns auch international für den Klimaschutz ein. Wir haben bereits zugesagt, dass wir noch in diesem Jahr dem Grünen Klimafonds 750 Millionen Euro bereitstellen werden. Denn der Grüne Klimafonds soll unter dem Dach der Vereinten Nationen zu einem zentralen Instrument werden, um klimaschonende Entwicklung auf der ganzen Erde zu finanzieren.

Heute ist China ein erfolgreiches Schwellenland, ein zentrale Akteur der globalen Entwicklung und der internationalen Politik und Wirtschaft.

Darum wollen wir mit China in der Entwicklungspolitik noch stärker zusammenarbeiten, nicht nur in China, sondern in der Welt. Die bei den jüngsten Regierungskonsultationen vereinbarte Kommission für Entwicklungszusammenarbeit ist aus meiner Sicht das richtige Gremium um zu erarbeiten wie und wo wir uns künftig gemeinsam mit Dritten in der Welt für nachhaltige Entwicklung engagieren wollen.

Meine Damen und Herren,
nachhaltige Entwicklung lebt nicht vom Reden in Konferenzsälen sondern von Kontakten zwischen Menschen in und zwischen unseren beiden Ländern.

Und da gibt es so vieles, an das wir anknüpfen können:

  • Ich freue mich, dass Sie, liebe chinesische Stipendiaten und Stipendiaten der deutschen politischen Stiftungen, heute hier sind. Sie sind wichtige Verbindungsglieder zwischen unseren beiden Ländern.
  • Ebenso weiß ich zu schätzen, dass auch Teilnehmer des vom BMZ geförderten Programms "Managing Global Governance" für Schwellenländer heute bei uns sind.
  • Und natürlich bin ich begeistert von den offensichtlich lebendigen Kontakten zwischen Deutschem Institut für Entwicklungspolitik (DIE) und dem China International Development Research Network (CIDRN).

Sie haben uns gemeinsam mit der GIZ hier und heute zusammengebracht und dafür danke ich Ihnen sehr herzlich.

Jeder von uns kann einen Beitrag leisten.

Meine Damen und Herren,
lassen Sie uns gemeinsam Verantwortung übernehmen

  • für den Kampf gegen Hunger und Armut,
  • für soziale Entwicklung,
  • für den Schutz des Klimas,
  • kurz: für eine nachhaltige Entwicklung weltweit.

Ich setzte auf eine neue und innovative deutsch-chinesische Partnerschaft für nachhaltige Entwicklung.

Und ich freue mich nun auf interessante Fragen von Ihnen und Gespräche mit Ihnen.

Lexikon der Entwicklungspolitik

Fenster schließen

 

Seite teilen

BMZ-Adventskalender 2017

Gewinnen Sie 24 Einblicke in die deutsche Entwicklungszusammenarbeit und mit etwas Glück eine Überraschung!

Hier geht es zum BMZ-Adventskalender 2017!