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Oktober

Das Potenzial von Religion für nachhaltige Entwicklung und Frieden


Grundsatzrede von Bundesminister Gerd Müller anlässlich des 1250-jährigen Jubiläums der Benediktinerabtei Ottobeuren am 19. Oktober 2014

Es gilt das gesprochene Wort!

Sehr geehrte Damen und Herren,

in diesem Gebäude weht uns der lange Atem der Geschichte an. Unglaublich, was diese Klostermauern alles schon gehört, gesehen und erlebt haben. Sie sind durchtränkt von den Gebeten der Mönche, gesättigt von einer Atmosphäre geistlicher Erbauung aber auch von energischer Schaffenskraft.

Trägheit des Geistes oder auch Trägheit des Leibes gehen nicht mit den Vorstellungen des heiligen Benedikt einher. Wer hierher kam und heute kommt, der will zwei Dinge: Beten und arbeiten. Wer Jesus Christus nachfolgen will, der soll es mit ganzem Herzen und mit ganzer Kraft tun. Das ist tiefe benediktinische Überzeugung. Ein nachlässiger Geist weht hier nicht.

Und so bedeutet Ottobeuren für mich:

  • 1250 Jahre beten und arbeiten und lesen,
  • 1250 Jahre gescheite Bildungs- und Jugendarbeit,
  • 1250 Jahre Seelsorge und Lebenssorge,
  • 1250 Jahre Freude und Hoffnung, Trauer und Angst, Missionen in Afrika und Asien.

Ottobeuren, das heißt Waldwirtschaft und Ackerbau, Viehzucht und Obstgärten, Weinbau, Kräuter – und nicht zu vergessen Liköre. Unser Herrgott hat diesen Ort gesegnet und deshalb sind wir heute hier. Wir blicken dankbar zurück. Ich tue dies deshalb sehr gern, weil in diesen Mauern immer noch und immer wieder die Gegenwart gestaltet wird. Dieses Kloster lebt. Es hat seine Anziehungskraft nicht verloren. Die Geschichte geht weiter. Wer die Gegenwart gestaltet glaubt an die Zukunft.

Natürlich: In den letzten 1250 Jahren hat das Kloster viele Entwicklungen durchgemacht. Manchmal gehen Entwicklungen von selbst. Häufig ist es besser, wenn man im Gespräch mit anderen Ideen entwickelt, die zum Fortschritt anregen.

In der Entwicklungszusammenarbeit ist das genau unser Credo! Wir sind im Gespräch mit Partnern und entwickeln gemeinsam Strategien wie sich Zukunft dort gestalten lässt, wo manche keine Zukunft mehr sehen. Diese Gespräche führen wir zielorientiert aber mit großer Achtsamkeit. Denn: Wir stehen vor großen globalen Herausforderungen, und wenn wir nicht entschieden handeln, dann sieht es schlecht aus mit einer guten Zukunft auf dieser Erde.

Und so ist mir ein Satz von Benedikt immer wieder wichtig: Das Nichtstun ist der Feind der Seele. Sie alle tun etwas, darum bin ich gerne hier und ich weiß: Ottobeuren ist zunächst einmal so etwas wie der Otto-Motor für die gesamte Region.

  • Handwerkliche Betriebe waren immer mit dem Kloster verbunden.
  • Neue Anbautechniken wurden hier entwickelt.
  • In diesen Mauern wurde Wissen angesammelt, geforscht und ausgebildet.

Die Klosterschulen waren die ersten Bildungseinrichtungen. Die Bedürftigen wurden versorgt, Krankheiten behandelt. Und natürlich hatten Klöster auch politischen Einfluss. Heutzutage vergessen wir oft, welchen zivilisatorischen Beitrag die Klöster geleistet haben. Der Glaube versetzt nicht nur Berge, sondern er verändert die Welt. Ottobeuren und seine 1250 Jahre sind genau der richtige Ort, sich darauf zu besinnen: Wir haben einen Auftrag: nämlich die Schöpfung zu bewahren und Nächstenliebe zu üben. Und zwar nicht nur hier in Deutschland, sondern weltweit.

Ich sage das wohl wissend, da wir gerade erleben, wie barbarische Terroristen sich zu Propagandazwecken der Religion bemächtigen. Ich war gerade im Nordirak. Ich habe mit den Opfern von Gräueltaten gesprochen. Frauen werden von IS-Milizen verschleppt, verkauft und vergewaltigt. Die Männer werden sofort erschossen. Christen, Jesiden, schiitische Muslime, sie alle werden gnadenlos verfolgt, weil ihr Glaube ein anderer ist.

Die Flüchtlingssituation ist dramatisch und der Druck nimmt täglich zu. Für die vielen Menschen auf der Flucht werden mindestens 26 Camps benötigt, aber acht sind erst fertig. Ich habe deshalb auch beim Haushaltsauschuss und Finanzministerium um mehr Mittel gebeten. Denn die Zeit wird knapp. Bald beginnt die Regenzeit, dann kommen Kälte und Schnee und dann für viele der Tod, wenn wir nichts unternehmen.

Und auch wenn uns allen klar ist, dass die Lösung in der Region liegt und die Menschen lieber in ihrer Heimatregion bleiben wollen, sind wir in Deutschland jetzt gefordert mehr zu tun. Wenn der Libanon mit seinen gut 4 Millionen Einwohnern 1 Million Flüchtlinge aufnimmt, können wir in Deutschland nicht behaupten, schon alles getan zu haben.

Und auch die Kurden öffnen die Tür und nehmen bis unters Dach Flüchtlinge auf, obwohl viele selbst kein Geld und wenig zum Essen haben. Die Armen verschließen ihr Herz nicht. Das sollte ein Signal für uns sein, mehr Solidarität und Verantwortung zu übernehmen.

Meine Damen und Herren, wir brauchen alle gesellschaftlichen Kräfte und jeden guten Geist, um Hunger und Armut in der Welt zu besiegen und die Schöpfung und den Frieden für unsere Kinder zu bewahren. Der Glaube ist dafür ein entscheidender Faktor:

  • Über 80 Prozent der Menschen in unseren Partnerländern sagen, dass ihnen ihre Religion sehr wichtig ist.
  • In Subsahara-Afrika werden über die Hälfte aller Leistungen im Bereich Bildung und Gesundheit von religiösen Institutionen erbracht.
  • In einem Land wie Nigeria gehen 90 Prozent der Bevölkerung jede Woche in die Moschee oder die Kirche.

Auch wenn wir es im religiös etwas lauwarmen Europa nicht glauben möchten: Die Welt des 21. Jahrhunderts ist eine religiöse Welt. Wie wollen wir diese Welt verstehen und mitgestalten, wenn wir die Rolle der Religionen nicht ausreichend im Blick haben? Die Zukunftsentscheidungen über unseren Planeten fallen in den kommenden Jahrzehnten auch unter religiösen Vorzeichen.

  • Darum sind mir die Religionen als Werte-Ressource so wichtig.
  • Darum werde ich das entwicklungsfördernde und friedensstiftende Potential der Religionen in unsere internationale Politik einbeziehen.

Das Wissen um die Bedeutung des Glaubens für die Menschen und sein Einfluss auf das tägliche Leben, helfen in der Arbeit mit unseren Partnern in Entwicklungsländern dreifach:

  • Es hilft erst einmal verstehen, was dem anderen wichtig ist und warum. Was treibt Dich um? Wie willst Du leben?
  • Dann hilft es, sich miteinander zu verständigen. Haben vielleicht andere Menschen ähnliche Werte? Hans Küng hat in seinem Projekt Weltethos solche verbindende Werte benannt. "Was du nicht willst, das man dir tu, das füg auch keinem anderen zu". Das gilt sozusagen von Kant bis Gandhi. Bei der Verständigung mit anderen hilft es zu wissen: Was verbindet uns schon und was trennt uns noch?
  • Und nur so hilft das Wissen um Religion schließlich auch, konkrete Situationen zum Besseren zu wenden, sie zu verändern. Jeder von uns weiß, dass Veränderung zuerst im Herzen beginnt.

In der Zentralafrikanischen Republik habe ich erlebt, wie ein Priester seine Kirche kurzerhand zu einer Notunterkunft für Flüchtlinge umfunktioniert hat. Überall da, wo wir mit unserer staatlichen Entwicklungszusammenarbeit hinkommen, sind die Kirchen schon längst da. Unsere Glaubensgemeinschaften haben Kontakte selbst in die Gegenden, in denen es überhaupt keine staatlichen Strukturen mehr gibt. Religionen bilden globale Netzwerke, die oft bis in die abgelegensten Gebiete reichen. Das ist heute nicht anders als vor tausend Jahren.

Gerade die Klöster waren häufig die Speerspitze in der Kultivierung von Landschaften, die für andere als undurchdringbare Wildnis galten. Das hat sich bis heute nicht verändert. Der Glaube findet Wege, die manch anderem versperrt sind. Als Staat sprechen wir eher die Köpfe der Menschen an. Die Religionen berühren die Herzen. Von Max Planck stammt der Satz: "Der Mensch braucht die Naturwissenschaft zum Erkennen und die Religion zum Handeln". Und das merken wir auch in der Entwicklungszusammenarbeit:

  • In Nigeria haben sich christliche und muslimische Geistliche im Kampf gegen Malaria zusammengetan. Mit Unterstützung der Entwicklungszusammenarbeit werben sie in den Kirchen und Moscheen für die Verwendung von Moskitonetzen. Das Ziel ist, 30 Millionen Haushalte zu erreichen.
  • In Mauretanien haben wir einen bedeutenden islamischen Rechtsgelehrten dafür gewonnen, mit einer Fatwa die weibliche Genitalverstümmelung zu ächten. Und die Muslime haben gemeinsam mit uns eine Musterpredigt verfasst, mit der Imame diese Botschaft jetzt im ganzen Land verbreiten.
  • In Burundi arbeitet der Zivile Friedensdienst in unserem Auftrag mit den lokalen Kirchen daran, die nach jahrelangem Bürgerkrieg verfeindeten Gruppen wieder zum Dialog an einen Tisch zu bringen.

Außerdem habe ich dafür gesorgt, dass das Thema Religion einen ganz prominenten Platz in der von mir initiierten Zukunftscharta einnimmt. Am 24. November werden wir die Zukunftscharta "EINEWELT– Unsere Verantwortung" vorstellen, gemeinsam mit der Frau Bundeskanzlerin. Ich lade Sie herzlich ein, kommen Sie dazu.

Im nächsten Jahr werden wir erstmals in der Geschichte meines Ministeriums ein Konzept zu Religion und Entwicklung veröffentlichen. Die Kirchen – aber natürlich auch andere Religionsgemeinschaften – werden selbstverständlich eingeladen daran mitzuarbeiten. Wir wollen auf dieser Grundlage neue nationale und internationale Partnerschaften aufbauen.

Als Auftakt habe ich im Frühjahr, gemeinsam mit Weltbankpräsident Kim, Vertreter des Christentums, des Islam und des Judentums zu einem hochrangigen Gesprächskreis eingeladen.
Auch die Weltbank hat erkannt, dass die Religionen wichtige Partner im Kampf gegen Hunger und Armut sind.

Meine Damen und Herren, aber es gibt auch die anderen Seite: Im Namen Gottes werden von radikalisierten Gläubigen auch Gräueltaten verübt. Was im Irak passiert, macht uns fassungslos. Und aktuelle Zahlen belegen, dass die Religionsfreiheit weltweit immer häufiger verletzt wird.

Das Menschenrecht auf Religionsfreiheit wird in vielen Ländern mit Füßen getreten. Es gibt 200 Staaten auf der Erde. In 150 Ländern ist das religiöse Bekenntnis nicht frei. In 73 Ländern sind terroristische Gruppen mit religiösem Bezug aktiv, also in einem Drittel aller Staaten der Erde. Wo die Religionsfreiheit verletzt wird, werden auch andere Menschenrechte verletzt. Die Religionsfreiheit ist die Voraussetzung für andere Menschenrechte. Sie ist das Fundament für ein menschenwürdiges Dasein.

  • Deshalb hat sich diese Bundesregierung, als erste in der deutschen Geschichte, im Koalitionsvertrag ausdrücklich verpflichtet, weltweit für die Religionsfreiheit als elementares Menschenrecht einzutreten.
  • Die Förderung der Religionsfreiheit steht für uns immer in untrennbarem Zusammenhang mit der Förderung aller Menschenrechte. Schon bei der Auswahl unserer Partnerländer ist die Lage der Menschenrechte ein wesentliches Kriterium.
  • Wir machen Menschenrechte zum Thema in den Regierungsgesprächen. Wo wir die Religionsfreiheit gefährdet sehen, sprechen wir das konkret an.
  • Wir helfen beim Aufbau von rechtstaatlichen Institutionen, damit religiöse Minderheiten nicht der Willkür ausgesetzt sind und der Staat seine Schutzfunktion ausüben kann.

Für mich gilt: Kein Weltfrieden ohne Religionsfrieden, ohne Religionsfreiheit. Wir müssen den interreligiösen Dialog fördern, denn Religion hilft verstehen, verständigen, verändern. Nur so können wir dem Extremismus den Nährboden entziehen.

Der Einsatz für die Menschenrechte gehört für mich zu einer wertebasierten Entwicklungspolitik. Im Mittelpunkt steht dabei die Würde des Menschen - jedes Menschen auf dieser Welt. Die Menschenwürde ist unantastbar. So sagt es unser Grundgesetz. Und sie ist unteilbar.

Sie gilt auch für die Näherin in Bangladesch, die für einen Hungerlohn unsere Hosen und T-Shirts fertigen muss. Oder für die Kinder in den Gerbereien Indiens, die mit nackten Füßen in Chemikalien stehen, damit wir für wenig Geld Lederhosen und Lederjacken tragen können. Wenn wir solche Verhältnisse sehen, müssen wir etwas ändern. Der Heilige Benedikt hat gesagt: "Es ist für uns an der Zeit aufzuwachen und uns zu erheben." Diese Botschaft gilt damals und sie gilt heute.

Wir alle tragen Verantwortung für diese Welt. Das gilt für die Politik genauso wie für die Religionen dieser Welt. Wenn es um Nächstenliebe und Menschenwürde, um die Bewahrung der Schöpfung geht, braucht es auch aufgeweckte Christen. Lassen sie uns dafür weiter beten und arbeiten. Das ist die Voraussetzung dafür, um den himmlischen Wunsch im Ottobeurer Stifterbild in Erfüllung gehen zu lassen. Der lautet: Crescas in mille millia! – Mögest du wachsen tausend mal tausend Jahre!

Das wünsche ich diesem Kloster und denen, die an dieser Zukunft arbeiten.

Lexikon der Entwicklungspolitik

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