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November

Rede von Bundesentwicklungsminister Dr. Gerd Müller beim EINEWELT-Zukunftsforum am 24. November 2014 in Berlin


Es gilt das gesprochene Wort!

Sehr geehrte Bundeskanzlerin,
Exzellenzen,
sehr verehrte Kolleginnen und Kollegen Abgeordnete,
liebe EINEWELT-Gemeinschaft, stellvertretend Herr Bornhorst,
liebe Kinder,

wie soll sie aussehen, die eine, nachhaltige, gerechte Welt? Welche Verantwortung tragen wir, welche Verantwortung trägst Du? Wie gestalten wir unsere Zukunft?

238 Tage haben wir diskutiert, Probleme und Herausforderungen analysiert, Lösungswege aufgezeigt. Jetzt liegt sie vor uns, unsere, eure EINEWELT Zukunftscharta.

Wir alle haben sie gemeinsam in vielen, vielen Veranstaltungen und Diskussionen erarbeitet. Es war ein einmaliger Prozess und ich sage allen Danke, Danke, Danke! Vielen Dank für all die Gespräche der letzten Wochen. Ohne Scheuklappen, Parteigrenzen, Vorgaben und Einschränkungen um die Zukunft zu ringen; so stelle ich mir eine offene Gesellschaft vor und einen Bürger- und Politikdialog. Und dies ist nur ein erster Schritt. Jetzt geht es erst los: mit Diskussionen vor Ort, im Land und im Entwicklungsjahr 2015.

Wir wollen gemeinsam etwas bewegen, Bewusstseins- und Verhaltensänderung erreichen – bei der Politik, bei Parteien, bei Verbänden, aber auch bei uns selber. Wir wollen uns mit Lebens- und Zukunftsfragen konfrontieren. Und nach Wegen und Antworten suchen für eine gerechte Welt mit Zukunft.

Der Mensch und sein Planet – das ist eine spannende Geschichte. Ein Sandkorn in der Dimension des Universums ist unser Planet. Milliarden von Jahren umfasst seine Geschichte. Gewaltige Eiszeiten, Hitzephasen, Verschiebung der Kontinente. Leben entstand, die Schöpfung. Gewaltige Ozeane – dreiviertel der Erde sind mit Wasser bedeckt. Die Pflanzen und Tierwelt, Dinosaurier und Panzerechsen beherrschten die Erde längst bevor wir, der Mensch, auf den Planeten getreten sind.

Vor vier Millionen Jahren erst kamen wir, sozusagen fünf Minuten vor zwölf, wenn wir die Erdgeschichte auf 24 Stunden transferieren. Zu Zeiten Jesu gab es eine Millionen Menschen, zu Zeiten Goethes eine Milliarde, 1930 dann der zweimilliardste Mensch. Heute sind es über sieben Milliarden Menschen, davon 80 Prozent in den Schwellen- und Entwicklungsländern. Und die Geschichte geht weiter: 230.000 Menschen kommen jeden Tag hinzu. Zusammen können es – vielleicht 2030, 2050 – 10 Milliarden Menschen sein.

Die Folge dieser Bevölkerungsexplosion ist ein gewaltiges Ressourcenproblem und ein enormer ökologischer Druck. Seit 1950 hat sich nicht allein die Weltbevölkerung fast verdreifacht. Zugleich hat sich der Wasserverbrauch verdreifacht, der Kohlendioxid-Ausstoß vervierfacht – und es ist kein Ende in Sicht. Wenn wir bis 2050 blicken – und dieses Jahr erleben wollen – dann brauchen wir 40 Prozent mehr Trinkwasser, 50 Prozent mehr Energie und 60–80 Prozent mehr Nahrung. Das sind die Überlebensfragen der Menschheit.

Dabei haben wir ein Gerechtigkeits- und Verteilungsproblem, denn 20 Prozent der reichen, der Industriestaaten, verbrauchen 80 Prozent der Ressourcen. Man stelle sich vor, Deutschland verbraucht alleine so viel Strom wie 54 afrikanische Staaten. Das bedeutet: Auch Deutschland und die Industrieländer sind Entwicklungsländer! Denn unser ökologischer Fußabdruck ist um ein vielfaches größer als der Fußabdruck der meisten Afrikaner. Wir verlagern viele unserer Umweltbelastungen auf andere Länder.

Meine sehr verehrten Damen und Herren, wir sind die erste Generation, die den Planeten an den Rand der Apokalypse bringen kann. Aber es gibt Hoffnung, und es gibt auch Lösungen. Der Club of Rome und viele Initiativen haben sich in den vergangenen Jahrzehnten mit Lösungsansätzen für diese EINEWELT beschäftigt. Unsere Zukunftscharta nimmt diese Diskussion und Fragen auf.

Wir brauchen neue Anstöße, Antworten und neuen Mut, jetzt zu handeln. Einen UN-Gipfel in 2015, der einen neuen Weltzukunftsvertrag beschließt, ein neues Weltethos schafft. Die Welt braucht Zukunft, die Welt braucht Werte. Werte für verbindliche Nachhaltigkeitsregeln, für globales Wirtschaften und Handeln. Für die Einhaltung von Menschen- und Lebensrechten für alle Erdenbürger. Ich könnte mir neben dem Sicherheitsrat der Vereinten Nationen zukünftig auch einen Welt-UN-Zukunftsrat zur Einhaltung solcher globalen Standards vorstellen.

Es gibt keinen Grund zu Pessimismus. Wissenschaft und Politik haben Lösungen für die Herausforderungen von morgen. Aber wir brauchen dafür an vielen Stellen einen Paradigmenwechsel im Denken und Handeln, im Lande, in der Wirtschaft, in der Gesellschaft, im globalen Miteinander und zuhause.

Fang bei Dir selber an! Ein kleines Beispiel: Wasser aus Plastikflaschen. Wir können in Deutschland Wasser aus dem Trinkhahn trinken, benutzen aber Plastikflaschen. Auf der Welt würden, aneinander gereiht, die Plastikflaschen, die jährlich verbraucht werden, 65 Mal zum Mond und zurück reichen. Eine Plastikflasche in der Herstellung benötigt ein Drittel des Inhalts an Öl. Das ist Ressourcenverschwendung. Das sind ganz einfache Beispiele, wie wir selber, zuhause nachhaltig anders leben könnten.

Nachhaltigkeit muss das Prinzip all unseres Tuns sein, ökonomisch, ökologisch, sozial und kulturell. Das zeigt unsere Charta auf, in acht Handlungsfeldern.

Ökonomisch bedeutet dies einen globalen Handlungsrahmen, mit ökologischen und sozialen Mindeststandards im weltweiten Handel. WTO, ILO und UNEP – die Standards sind da, wir müssen sie verschränken. Dies ist Grundlage für eine Entwicklung vom Freihandel zum Fairhandel.

Ökologisch bedeutet dies eine neue globale Partnerschaft, einen Zukunftsvertrag mit Entwicklungs- und Schwellenländern zum Schutz von Umwelt, Klima und Ressourcen.

Sozial heißt Nachhaltigkeit, Verantwortung und Gerechtigkeit. Das heißt auch: existenzsichernde Löhne statt Sklavenarbeit in der Kaffee- und Plantagenindustrie. 60 Millionen Kinder und Jugendliche, die nichts bekommen für Kaffee- und Kakaoanbauarbeit – das kann nicht nachhaltig sein, das können wir nicht akzeptieren. Wir, die Reichen, auf der Sonnenseite, in den Scheinwerfern des Lebens, müssen mehr Verantwortung übernehmen, zum Beispiel für die Näherinnen in Bangladesch, die unsere Kleider nähen für 15 Cent die Stunde, davon aber weder leben noch ihre Kinder zur Schule schicken können. Einen Euro würde es kosten, Verantwortung zu übernehmen, einen einzigen Euro, pro Kleid, pro Sakko oder pro Hose, damit harte Arbeit in Bangladesch, Kambodscha oder in Afrika auch Lebenschancen für die Kinder und für die Näherinnen bedeutet. Ich akzeptiere nicht, wenn mir Modefirmen und Textilverbände in Deutschland erklären wollen, sie könnten solche fairen Bedingungen nicht umsetzen.

Wir sind EINEWELT, es gibt nicht mehr die erste, zweite oder dritte Welt. Wir sitzen in einem Boot. Und Frieden wird davon abhängen, ein Mindestmaß an Gerechtigkeit zu verwirklichen: bei der Ressourcenverteilung, beim Vermögen, bei den Lebenschancen.

Jedes Kind hat ein Recht auf Leben, auf Nahrung und auf Bildung. Jedes Kind – ob in Syrien, im Sudan, wo ich in Flüchtlingslagern war, wo Deutschland gemeinsam mit den Partnerorganisationen der Entwicklungszusammenarbeit großartige Hilfe leistet, ob in Afrika oder Indien. Zukunftschancen und Menschenrechte sind kein Privileg der reichen Industrieländer! Es geht uns etwas an, ob unser Wirtschaften, unser Konsum in anderen Ländern Klima- und Umweltprobleme schafft. Nur wenn es den anderen auch gut geht, geht es langfristig auch uns gut.

Armuts-, Kriegs- und Klimaflüchtlinge werden – ohne Perspektive, die wir dort schaffen – zu uns nach Europa kommen. Pandemien werden nicht vor unseren Grenzen halt machen. Wir sitzen in einem Boot. Aber das Boot muss nicht und wird nicht untergehen. EINEWELT ohne Hunger bis 2030 ist möglich – und ein Schwerpunkt unserer Entwicklungszusammenarbeit.

Pandemien und Krankheiten wie Aids, Polio, Malaria sind zu stoppen, auch mit deutscher Hilfe. Die Bundeskanzlerin unterstützt die Initiative von Bill und Melinda Gates, die Konferenz der GAVI (''Global Alliance for Vaccines and Immunisation'') nächstes Jahr in Deutschland auszurichten. Auch mit deutscher Hilfe sind in den letzten Jahren 450 Millionen Kinder geimpft worden. Polio ist nahezu verschwunden, Malaria, Aids erheblich reduziert, Kinder- und Müttersterblichkeit halbiert. Das sind große Erfolge.

Deutschland setzt Maßstäbe bei der Energie- und Klimapolitik. Ministerin Hendricks und ich haben in der vergangenen Woche, für die Bundesregierung den Aufbau des Green Climate Funds auf den Weg gebracht. Unsere Bundeskanzlerin geht voran bei diesen Themen in Europa, bei den G7 und den G20, beim Ausbau einer neuen Partnerschaft mit Afrika, für Frieden und Menschenrechte, für einen ökologisch, sozialen Ordnungsrahmen globalen Wirtschaftens, für eine Regulierung der Spekulation. Die Einführung der Finanztransaktionssteuer ist hier ein sehr, sehr wichtiges Signal.

Liebe EINEWELT Gemeinschaft, liebe Gäste, es ist mir eine Herausforderung, eine Erfüllung und eine große Freude, mit euch weiterzuarbeiten und zu kämpfen. Ich weiß, Sie messen uns, Sie messen mich, Sie messen die Bundesregierung auch daran, was wir in den nächsten Wochen, Monaten und Jahren gemeinsam auf den Weg bringen. Dabei baue ich auf Ihre Unterstützung für eine gerechte Welt, eine Welt mit Zukunft.

Ich freue mich auf die Rede unserer Bundeskanzlerin. Danke schön.

Lexikon der Entwicklungspolitik

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