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Februar
Rede von Staatssekretär Hans-Jürgen Beerfeltz zur Einführung von Dr. Christoph Beier als Geschäftsführer der GTZ
Eschborn, 5. Februar 2010
Es gilt das gesprochene Wort!
Eine Videoaufnahme der Rede finden Sie hier
Lieber Herr Dr. Eisenblätter,
lieber Herr Dr. Preuß,
vor allem aber lieber Herr Dr. Beier,
und liebe Kolleginnen und Kollegen der GTZ,
Begrüßung Dr. Beier
In meiner Funktion als Aufsichtsratsvorsitzender der GTZ freue ich mich, Sie, Dr. Christoph Beier, als Geschäftsführer der GTZ in Ihr neues Wirkungsfeld einführen zu dürfen. Sie machen das Triumvirat komplett. Seien Sie herzlich willkommen. Ich bin sicher, dass dieses Triumvirat länger hält und konstruktiver arbeitet als historische Parallelen im alten Rom oder im Paris der Revolution.
Im März letzten Jahres hat der Aufsichtsrat über diese Veränderung in der Geschäftsführung der GTZ entschieden und Sie, Herrn Dr. Beier, ab dem 1. Januar 2010 zum Geschäftsführer bestellt. Bei allen weiter anstehenden Veränderungen wollen wir Sie mit Herz und Verstand gerne mit dabei haben.
Mit Ihnen rückt ein ausgewiesener Kenner der GTZ an die Spitze des Unternehmens. Wenige Streiflichter aus Ihrem bisherigen Lebensweg zeigen das:
1996 haben Sie als Regierungsberater in Indonesien Ihre Tätigkeit für die GTZ aufgenommen.In diesen Jahren waren Sie eng und wissenschaftlich erfolgreich mit dem Geographischen Institut der Ruhr-Universität Bochum verbunden, bevor Sie im Jahr 2000 als Bereichsleiter zur GTZ gekommen sind.
(In meinem Manuskript steht, sie kamen vor 10 Jahren endgültig zur GTZ und nicht vor 14 Jahren – aber das so zu beurteilen, wäre jetzt verfrüht. Wahrscheinlich ist damit die endgültige innere Ankunft in der GTZ-Familie gemeint.) Im Jahr 2000 leiteten Sie zunächst den Bereich Planung und Entwicklung und gehörten damit bereits dem oberen Führungskreis der GTZ an.
2003 übernahmen Sie die Bereichsleitung Mittelmeer, Europa, Zentralasien sowie das Geschäftsfeld "Deutsche Öffentliche Auftraggeber"
2007 haben Sie dann die Leitung des Bereichs Asien/Pazifik, Lateinamerika/Karibik übernommen. Mit Ihren Zuständigkeiten haben Sie also bereits den halben Globus abgedeckt. Zu Ihrem Verantwortungsbereich als Geschäftsführer gehören fortan die Stabsstellen "Centrum für internationale Migration und Entwicklung" (CIM) und Evaluierung sowie GTZ International Services. Die Stabsstelle Deutsche öffentliche Auftraggeber und Bereich II bleiben Ihnen erhalten.
Gute Voraussetzungen für die gemeinsame Arbeit
Lieber Herr Dr. Beier, das ist ein eindrücklicher GTZ-Lebenslauf!
Ich vermute, diesen Weg hätten Sie so nicht machen können, wenn die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der GTZ Sie nicht als jemanden schätzen würden, mit dem man gerne und erfolgreich zusammenarbeitet.
Vier zentrale Voraussetzungen dieses Erfolgs, so wurde mir gesagt, verbinden die Kolleginnen und Kollegen mit Ihnen ganz besonders:
1. Sie kennen die GTZ aus ganz unterschiedlichen Perspektiven, haben als Praktikant angefangen und es jetzt zum Geschäftsführer gebracht. Reisen und der Austausch mit den Mitarbeitern vor Ort waren Ihnen immer wichtig. Diese umfassende Kenntnis des Hauses ermöglicht Ihnen Ihre konzeptionelle Weitsicht.
2. Ihnen wird viel erneuerbare Energie zugesprochen. Nicht nur, weil Sie für diesen Bereich in der GTZ einmal zuständig waren, sondern auch, weil jeder im Haus Sie als dynamischen, energetischen Menschen kennt.
Sie haben in Ihrer bisherigen Laufbahn die GTZ mit Ihren wegweisenden neuen Ideen geprägt. Genannt sei hier nur die Reorganisation der Abteilung P&E, für die Sie zuständig waren.
3. Sie verbinden gute Ideen immer auch mit einem hohen Gestaltungsanspruch für die Aufgaben. Sie wollen Ideen auch gut umgesetzt wissen. Deshalb haben Sie sich besonders dafür eingesetzt, dass das erfolgreiche Instrument zum Projektmanagement "Capacity works" eingeführt wird.
Alles spricht dafür, dass Dr. Beier sich auch in Zukunft voll und ganz dafür einsetzen wird, die Geschicke der GTZ in engem Schulterschluss mit dem Aufsichtsrat zu lenken.
Ich wünsche mir, dass Sie in der neuen Verantwortung mit dazu beitragen, die deutsche Entwicklungszusammenarbeit wirksamer und sichtbarer aufzustellen.
Liberale Entwicklungspolitik
Gerne nütze ich meine zweite Reise nach Eschborn, um noch einige Fragen anzusprechen, die ja in den Gängen und beim Sekt über den heutigen Anlass hinaus thematisiert werden.
Zu den ersten Eindrücken in meiner neuen Tätigkeit gehört zunächst einmal Vieles, das mir Respekt abnötigt, weil in der EZ professionell, gut und engagiert gearbeitet wird. Im Ministerium und im Vorfeld.
Gemeinsam sind wir jetzt dabei, der Entwicklungspolitik ein Profil zu geben, das Interessen und Werte, Freiheit und Verantwortung noch überzeugender verbindet. Das beginnt immer mit dem eigenen Anspruch. Wir wollen deshalb das BMZ nicht als Obrigkeitsverwaltung gegenüber der Gesellschaft sehen, sondern als Teil der Gesellschaft, als Bindeglied zwischen Zivilgesellschaft und Regierungshandeln. Und deshalb sehen wir uns auch Ihnen hier nicht gegenüber als vorgesetzte Behörde, sondern als Partner.
Was die Neuerungen vor uns angeht, stellt uns die Legislaturperiode und besonders das Jahr 2010 vor herausfordernde und spannende Aufgaben.
Der Leitgedanke unserer Arbeit ist es, Freiheit in Verantwortung zu stärken.
Wir haben uns fünf Schwerpunkte gesetzt, die ich hier nur stichwortartig nennen will:
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Wir wollen die Armut nachhaltig bekämpfen. Hier geht es darum, die MDGs zu erreichen und insbesondere "Bildungsarmut" zu bekämpfen. Den Hunger nach Bildung und den Hunger nach Nahrung dürfen wir nicht gegeneinander ausspielen.
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Wir haben einen Schwerpunkt auf das Engagement der Zivilgesellschaft gelegt – nicht nur in den Partnerländern sondern auch in Deutschland. Ich will hier nicht mit "watch dog principles" anstelle professioneller Evaluierung drohen, aber Leidenschaft und Engagement von mehr als 3.000 deutschen NGOs können wir gemeinsam stärker in der Projektbegleitung einsetzen.
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Wir werden Strukturdefizite abbauen – Stichworte sind hier Paris / Accra, schädliche Agrarexportsubventionen und natürlich die Vorfeldreform. Aber hier geht es auch um mehr Kohärenz innerhalb der Bundesregierung. Zu viele in der Bundesregierung zeigen gern mit dem Finger auf die Vorfeldorganisationen, wenn sie mangelnde Kohärenz beklagen. Aber manche weinen da Krokodilstränen und sollten mit dem Finger auf sich selbst zeigen. Wenn inzwischen auch der national orientierte Fachminister sein Herz für ferne Partnerländer entdeckt, dann steckt dahinter eher Reiselust als Hilfsbereitschaft. Und wenn wir im März im Kabinett sind mit den Eckpunkten der Strukturreform, dann werden wir dabei auch die mangelnde Kohärenz innerhalb der Bundesregierung thematisieren.
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Wir wollen die Kraft der Wirtschaft besser entwicklungspolitisch nutzen. Zum Beispiel in dem wir verantwortliche Unternehmensführung stärker fördern oder das Erfolgsmodell PPP – Entwicklungspartnerschaften mit der Wirtschaft ausbauen. Wer gut verdient, muss sich auch verdient machen. Wem wir helfen, der muss sich auch konkret engagieren – und nicht nur 3 Fußbälle an einheimische Jugendliche verteilen. Der Trend zu mehr CSR wird uns stärker helfen, dass gut verdienen und Gutes tun künftig zusammengehören.
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Wir wollen Wirksamkeit und Sichtbarkeit der deutschen Entwicklungszusammenarbeit stärken. Afghanistan ist hier ein gutes Beispiel.
Afghanistan
In diesen Tagen werden wir alle oft auf den Strategiewechsel in Afghanistan und das Verhältnis der zivilen und militärischen Komponente angesprochen.
Darum will ich gerne den ersten Schwerpunkt – Wirksamkeit der deutschen EZ – am Beispiel Afghanistan hier aufgreifen.
An dieser Stelle möchte ich jedoch zunächst zum Ausdruck bringen, dass wir im BMZ mit großer Anteilnahme vom Tod des afghanischen Mitarbeiters der GTZ und eines Mitarbeiters einer lokalen Sicherheitsfirma am 10. Januar in Uruzgan erfahren haben.
Unser Mitgefühl gilt den Familien der Opfer. Ich danke den Verantwortlichen in der GTZ, die schnell alles eingeleitet haben, damit die Hinterbliebenen unsere Hilfe, Solidarität und Dankbarkeit erfahren.
Ich denke, das ist in unser aller Sinn.
Gerade im Norden von Afghanistan haben wir durch die Arbeit an Wiederaufbau und Entwicklung ein Niveau erreicht, das dort noch nie dagewesen ist! Das wird in der deutschen Öffentlichkeit zu wenig wahrgenommen. Über gute Arbeit muss auch gut geredet werden.
"Ohne Entwicklung keine Sicherheit, ohne Sicherheit keine Entwicklung." So lautete Ihr GTZ-Jahresthema 2009. Sicherheit ist eine Voraussetzung für Entwicklung und Armutsbekämpfung. Zivile und militärische Aktivitäten müssen sich ergänzen. Die zivilen Aktivitäten standen dabei in der Vergangenheit zu oft im Hintergrund. Das wollen wir ändern. Innerhalb der Bundesregierung haben wir deshalb den Strategiewechsel von militärisch vorrangigen Lösungen zu vorrangig zivilen Lösungen eingeleitet. Diese Linie haben wir bei der Afghanistan-Konferenz in London bekräftigt. Deshalb ist es gerade jetzt ganz besonders wichtig, dass überall dort, wo unsere Vorfeldorganisationen tätig sind, auch die Herzen der Menschen gewonnen werden durch unsere Arbeit.
Es ist wichtig, dass unsere Partner gleichsam als "Botschafter der Basis" Grund haben, in ihren Familien gut vom deutschen Engagement zu reden.
Das entwicklungspolitische Engagement der Bundesregierung wird sich in Zukunft auf den Norden Afghanistans konzentrieren, wo Deutschland auch militärische Verantwortung übernommen hat.
Wir haben in Afghanistan viel erreicht und möchten an diese Erfolge anknüpfen, damit bis 2013 in Nordafghanistan 60 Prozent aller Schülerinnen und Schüler in angemessenen Schulgebäuden von ausgebildeten Lehrern unterrichtet werden statt heute 25 Prozent.
Soweit so gut. Sie kennen diese und andere Zahlen. Mir kommt es aber darauf an, dass wir solche Erfolge lebensnäher und erfolgreicher kommunizieren und ihnen ein Gesicht, eine Story aus dem Leben geben.
Im ISAF-Camp "Marmal" in Mazar-e Sharif stapeln sich Berge von Paletten, die zum Transport von Material eingesetzt wurden und ihren Dienst getan haben. Vor Ort entstand die Idee, diese Paletten als Werkstoff für Schulmobiliar zu verwenden. Die Handwerkerinnung in Masar führte den Auftrag aus und ließ in rund 20 Werkstätten mit fast 200 Angestellten aus nutzlosen Paletten Schulmöbel produzieren. Mit der Produktion von 125 Schulbänken und 250 Stühlen konnten die Schreiner und Zimmerer 4.500 US-Dollar einnehmen. Das sind etwa 23 US-Dollar pro Kopf, was ca. einem Drittel Monatsgehalt entspricht. Mit der Ausstattung von drei Schulen in Masar-e Sharif konnte die lokale Wirtschaft angekurbelt werden. Wenn dann ein Schüler namens Hamidullah sagt: "Endlich haben wir die gleichen Bedingungen wie die Schüler in der Stadt", dann ist es wichtig, dass wir solche ganz konkreten und schönen, sowohl kleinen als auch weitreichenden Erfolge auch kommunizieren.
Oder die Geschichte der 39-jährigen Zainab, Mutter von 8 Kindern. Sie lebt mit ihrer Familie in der Baghrami Region im Großraum Kabul. Vom Einkommen aus ihrer Arbeit in der Maharat Fabrik kann die Familie gut leben – bevor Zainab diese Arbeit gefunden hatte, war das nicht so.
Das vom BMZ finanzierte "Women Entrepreneurship Promotion Project", das von der GTZ umgesetzt wird, ermöglichte es ihr, einen Schneiderkurs zu belegen. Dafür bekam sie im Rahmen des Projektes ein Stipendium. Dann kam ein schwerer Schlag: Sie konnte die angebotene Stelle als Schneiderin wegen einer Augenerkrankung nicht annehmen. Aber weil das Unternehmen sie unbedingt wollte, bekam sie dort die Stelle als Reinigungsfachkraft. Heute sagt Zainab zufrieden: "Unsere Familiensituation hat sich sehr verbessert. Nun kann ich es mir leisten, alle unsere Kinder in die Schule zu schicken, auch unsere Töchter. Alles, was ich mir für meine Kinder wünsche, ist Gesundheit und eine gute Bildung." Was wollen wir mehr, als wenn wir es schaffen, den Weg einer solchen zufriedenen und selbstbewussten Frau zu unterstützen?
Bei drei schönen Lebensläufen will ich heute es belassen – dem von Dr. Beier, der hier ist, und denen von Hamidullah und Zamib, die nicht hier sind, aber denen wir uns doch sehr verbunden fühlen.
Reform TZ
Ein letztes wird Sie interessieren: Wie Ihnen nicht entgangen ist, haben wir den Auftrag zur Reform der Durchführungsstrukturen in der TZ im Koalitionsvertrag und bereits eingeleitet.
Wir wollen das partnerschaftlich aber auch effizient und zügig angehen.
Drei Anliegen dabei sind mir hier besonders wichtig:
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Wir werden diese Reform auf Augenhöhe zwischen den einzelnen Institutionen umsetzen. Der "große Bruder" GTZ weiß, dass auch die kleineren Brüder zu ihrem Recht kommen müssen, sonst besteht keine Familie.
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Wir werden die verschiedenen bewährten Profile und EZ-Instrumente erhalten. Die Vielfalt der Instrumente ist eine große deutsche Stärke.
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Wir wollen die Belegschaften nicht vor den Kopf stoßen, sondern mitnehmen.
Denn was wäre eine Organisation ohne ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter?
Sie hier im Saal und auch diejenigen, die an vielen Stellen der Welt jetzt das Internet nutzen, um zuzuschauen, was sich in Eschborn am Ostrand des Main-Taunus-Kreises tut.
Die Arbeit die Sie alle leisten, ist wichtig und verantwortungsvoll und zukunftsfördernd.
Ich freue mich darauf mit der – nun wieder kompletten Geschäftsführung – und allen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der GTZ zusammen zu arbeiten.
Schluss
Ihnen, Herr Beier, wünsche ich in Ihrer neuen Funktion viel Glück und Erfolg und vor allem viel Freude an der neuen Aufgabe! Vor Ihnen liegen viele Herausforderungen, die Sie gemeinsam in der EZ-Familie und mit dem BMZ angehen werden.
Das BMZ ist in der Vergangenheit manchmal als strenge Mutter aufgetreten und hat – wie jede Mutter – merken müssen, dass manche Strenge, manch harte Regel, nicht den Zusammenhalt, sondern manche – auch falsche – Emanzipation fördert und die Familie auseinander reißt. Niemand, der eine bessere Entwicklungsarbeit will, kann das wollen. Denn die Skeptiker – uns allen gegenüber – stehen woanders – nicht im DED, nicht bei InWEnt, nicht bei der GTZ und auch nicht im BMZ. Und nur gemeinsam können wir gerade in Zeiten von Finanz- und Wirtschaftskrise Skeptiker in Deutschland überzeugen, dass wir mit gutem Geld – im Jahr 2010 mehr als 6 Milliarden Euro – gute Arbeit für Millionen Menschen in den Partnerländern machen – und für uns in Deutschland.





