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Welthungertag 2015

Gerd Müller: Eine Welt ohne Hunger ist möglich


Bundesminister Müller beim Besuch des "Green College" in Ranchi, Indien. Hier demonstrieren Frauen ein neues Anbauverfahren für Reis.

16.10.2015 |

Mein Besuch des vom BMZ entwickelten "Grünen Zentrums" diesen Monat in Ranchi im Osten Indiens, hat meine Überzeugung gestärkt: Eine Welt ohne Hunger ist möglich. In einer der ärmsten Regionen des Landes, fernab von modernen Bürotürme der Metropolen, die zunehmend die Skyline von Städten wie Delhi und Mumbai bestimmen, findet sich dieses deutsch-indische Gemeinschaftsprojekt, das der dortigen Landbevölkerung Hoffnung macht. Mehr als zwei Drittel der Inder leben immer noch, mehr schlecht als recht, von der Landwirtschaft. Diese Landwirtschaft ist häufig so unproduktiv, dass sie die meisten Menschen kaum ausreichend ernährt, geschweige denn ihnen ein ausreichendes Einkommen beschert. Fast jeder Zweite lebt unterhalb der absoluten Armutsgrenze.

Wir helfen, dass sich dies ändert. In den fünf "Green Colleges", die wir gemeinsam mit der Deutschen Welthungerhilfe in Indien aufbauen, geht es vor allem um bessere Ausbildung. In dem besuchten Zentrum lernen die Kleinbauern beispielsweise moderne Methoden des Reisanbaus, erwerben tiermedizinisches Grundwissen oder wie die Milchproduktion mit einfachen Mitteln beträchtlich gesteigert werden kann. In anderen Zentren Indiens geht es um Fischerei, Gemüseanbau oder Herstellung und Vermarktung von Palmensaft. In all diesen Landwirtschaftsschulen steht eins ganz oben auf dem Lehrplan: wie man die Produktion steigert, ohne die Natur, die natürliche Grundlage der Produktion, zu zerstören. Genau hier liegt das Kernproblem:

Seit den 60er Jahren des vergangenen Jahrhunderts hat die Landwirtschaft Indiens enorme Sprünge gemacht. Die sogenannte Grüne Revolution hat das Land schrittweise vom Importeur sogar zu einem wichtigen Exporteur von Nahrungsmitteln gemacht. Der ökologische Preis dieser Revolution ist jedoch fatal. Viele Teile Indiens leiden unter unfruchtbar gewordenen Böden, fallendem Grundwasserspiegel und den Folgen eines exzessiven Gebrauchs von Pflanzenschutzmitteln. Gleichzeitig ging seither die Produktivitätssteigerung an den kleinen und mittleren Bauern völlig vorbei. Über die Hälfte der 1,2 Milliarden Inder arbeiten in der Landwirtschaft und erwirtschaften gerade einmal 14 Prozent des Bruttosozialprodukts des riesigen Landes.

Indien ist heute ein aufstrebendes Schwellenland und gleichzeitig das Land, in dem immer noch 200 Millionen Menschen hungern. Mehr als in jedem anderen Land der Welt, ein Viertel aller Hungernden weltweit. Vor allem bei Müttern und Kindern sind Unter- und Mangelernährung verbreitet. Gerade in solchen Regionen, in denen die Landwirtschaft kaum zum Überleben reicht. Aber es gibt auch andere Probleme wie etwa mangelnde Hygiene, die zu Infektions- und Durchfallerkrankungen und damit zu dauerhafter Mangelernährung führt. Daher fördern wir mit unseren Entwicklungsprogrammen neben der Modernisierung der Landwirtschaft parallel auch direkt eine Verbesserung der Ernährung von Müttern und Kindern etwa durch Fortschritte bei den hygienischen Verhältnisse.

Eine Mangrovenbaumschule in Beira, Mosambik

Indien ist nur ein Beispiel. In vielen Teilen der Welt trifft man leider immer noch vergleichbare Verhältnisse an, auch in Afrika. Dort betreiben wir in zwölf Ländern den Aufbau grüner Zentren zur Förderung von Ausbildung, Beratung und Innovation in der Landwirtschaft. Damit werden wir einen wirksamen Beitrag zur Überwindung von Armut, Hunger und Unterentwicklung leisten.

Wir brauchen ländliche Entwicklung überall auf der Welt. Armut und Hunger gehörten auch, noch bis in die jüngste Vergangenheit, zum Schicksal des ländlichen Raumes in Deutschland. Es gibt viele Gründe dafür, dass dieser Hunger bei uns überwunden wurde. Dazu zählte nicht nur der technische Fortschritt, sondern auch die Entwicklung einer organisierten dörflichen Selbsthilfe. Friedrich Wilhelm Raiffeisen und viele andere Pioniere schufen eine zentrale Basis unseres Gemeinwesens, die aus unserem Leben nicht wegzudenken ist. "Einer für alle, alle für einen" – dies war und ist heute noch die Leitidee des ländlichen Miteinanders. Auch wenn unsere eigenen Erfolgsgeschichten nicht eins zu eins auf andere Teile der Welt übertragen werden können: Selbstorganisation und Selbstverantwortung haben universelle Gültigkeit und können in allen Teilen der Welt gefördert werden. Auch hierzu möchten wir beitragen.

Die kleinbäuerliche Landwirtschaft wird immer unrentabler. So war es bei uns, und so ist es heute in vielen Regionen der Welt. Sehr viele Bauern würden der Landwirtschaft den Rücken kehren, hätten sie berufliche Alternativen. Oft stehen sie vor der schicksalhaften Wahl: "wachse oder weiche", einer Wahl zwischen Investition, Innovation und Vergrößerung des Betriebs – oder der Aufgabe. Wohin aber weichen? Der Strukturwandel in der Landwirtschaft in unaufhaltsam, und er ist notwendig, weil er die Überwindung der Armut auf dem Land verspricht. Aber er muss ökologisch und sozial angepasst sein. Unmittelbare Beschäftigungsalternativen außerhalb der Landwirtschaft müssen geschaffen werden. Die Entwicklung der Landwirtschaft muss mit einer dynamischen und umfassenden Entwicklung des ländlichen Raumes einhergehen.

Ich bin überzeugt: Die Welt kann genug Nahrung für alle produzieren. Sie kann auch eine wachsende Bevölkerung ernähren. Unter- und Mangelernährung sind unnötige Skandale. Hunger ist Mord, sagte vor vielen Jahrzehnten Mahatma Gandhi. Ich sage: Eine Welt ohne Hunger ist möglich, heute und in Zukunft – und dies, ohne dabei die endlichen Ressourcen des Planeten auszuplündern. Die technischen Möglichkeiten für eine nachhaltige Intensivierung der Landwirtschaft sind vorhanden. Und auch die Möglichkeiten für bessere Lagerung und Verarbeitung müssen wir unbedingt nutzen. Denn was hilft die beste Steigerung der Produktion, wenn in vielen Ländern fast die Hälfte der Ernte verrottet, bevor sie den Konsumenten erreicht.

Wir müssen all das vorhandene Wissen verbreiten und so die Innovation in die Fläche bringen. Die grünen Zentren, die wir aufbauen, stehen nicht für "Hochtechnologie". Vielmehr geht es um die Verbreitung von neuen Ansätzen, von praktischem Wissen und Techniken, die den lokalen Gegebenheiten angepasst sind. Es geht aber auch um die Entwicklung eines modernen Berufsbildes in der Landwirtschaft, um institutionelle Reformen und die Stärkung der Rechte von Frauen.

Die Bundeskanzlerin hat im Juni auf dem Gipfel der Staats- und Regierungschefs der G7 auf Schloss Elmau eine wichtige Initiative durchgesetzt. Die G7 haben sich zum Ziel gesetzt, 500 Millionen Menschen bis zum Jahr 2030 aus Hunger und Mangelernährung zu befreien. Dies ist ein bedeutender Beitrag zur vollständigen Überwindung des Hungers. Dies ist Teil des Weltzukunftsvertrages, der Globalen Agenda, die im September auf der Vollversammlung der Vereinten Nationen in New York verabschiedet wurde. Deutschland wird maßgeblich dazu beitragen, dass Hunger Geschichte wird. Mit den grünen Zentren des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, Teil einer im vergangenen Jahr gestarteten Sonderinitiative "EINEWELT ohne Hunger", haben wir hierzu die richtigen Weichen gestellt – in Indien, Afrika und andernorts.


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Lexikon der Entwicklungspolitik

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