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Konferenz in Berlin

"Wohin steuern wir die Erde? – Neue Ziele für eine nachhaltigere Entwicklung weltweit"

Rede von Bundesentwicklungsminister Dr. Gerd Müller auf der Konferenz des Bundesumweltministeriums im Umspannwerk Berlin


Gerd Müller trifft den kolumbianischen Umweltminister Gabriel Vallejo am Rande der BMUB-Konferenz "Wohin steuern wir die Erde?" im Berliner Umspannwerk.

05.05.2015 |

Der Verhandlungsprozess über nachhaltige Entwicklungsziele für die Weltgemeinschaft, die im September in New York verabschiedet werden sollen, nimmt an Fahrt auf.

Das Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit veranstaltete heute dazu in Berlin die Konferenz "Wohin steuern wir die Erde? – Neue Ziele für eine nachhaltigere Entwicklung weltweit".

Rita Schwarzelühr-Sutter, Parlamentarische Staatssekretärin bei der Bundesministerin für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit und Bundesentwicklungsminister Dr. Gerd Müller eröffneten die Veranstaltung. Zu den Teilnehmern der Konferenz gehörte auch der kolumbianische Umweltminister Gabriel Vallejo.

Minister Müller betonte in seiner Rede die Notwendigkeit eines Paradigmenwechsels der Politik, um eine weltweite nachhaltige Entwicklung zu sichern.

Die Rede im Wortlaut: 

Es gilt das gesprochene Wort!

Meine Damen und Herren,

es ist die Zeit der großen Beschleunigung. Alles wächst rasant: Weltbevölkerung und Lebenserwartung, Staudämme und Städte, Kohlendioxid-Emissionen und Wohlstand. Getreideproduktion und Fettleibigkeit, der ökologische Fußabdruck und die Kilowattzahlen der Erneuerbaren. Wissenschaftler überlegen ernsthaft, unser Erdzeitalter umzubenennen, ganz offiziell: von Holozän in "Anthropozän", das Menschenzeitalter.

So sehr haben wir die Erde schon verändert: Mit Monokulturen und Müllkippen, Palmöl-Plantagen und Bergbaugebieten, Straßen, Stauseen und vielem mehr. Und bei allen positiven Entwicklungen, gerade in den vergangenen Jahrzehnten – wir sehen: Die Lebensgrundlagen von mehr und mehr Menschen werden zerstört; soziale Chancen und Ressourcen sind immer ungerechter verteilt, Entwicklungserfolge gehen wieder verloren.

Wenn wir nicht umsteuern, dann werden wir vermutlich noch mehr Krisen sehen als heute: Noch mehr Flüchtlinge, noch mehr gewalttätige Konflikte, noch mehr zerbrechende Staaten. Die Menschheit ist an einem Scheideweg. Bisher steuern wir die Erde ja nicht wirklich. Die Menschheit als Ganzes lebt schon mit sieben Milliarden auf Pump. Und Jahr für Jahr kommen weitere 80 Millionen hinzu. Noch immer muss eine Milliarde erst einmal absolute Armut überwinden können. Zwei Milliarden leben heute weltweit das Wohlstands-Leben der Mittelschicht. Und viele andere streben danach.

Woher sollen die Ressourcen kommen für ein würdiges Leben für alle – geschweige denn für Wohlstand für alle? Wie kann Gerechtigkeit entstehen, wie kann verhindert werden, dass die einen auf Kosten der anderen leben? Die einen fliegen mal eben nach Paris, New York oder Singapur und gehen shoppen. Die anderen produzieren für Hungerlöhne und leiden unter dem Klimawandel, den sie nicht verursacht haben.

Wir müssen aktiv umsteuern – Regierungen, die Privatwirtschaft, jede und jeder Einzelne von uns. Unser bisheriges Wachstumsmodell ist kein Exportprodukt mehr. Entwicklung für acht, neun oder zehn Milliarden in den Grenzen unseres Planeten, in Achtung vor der Würde des Menschen. Das ist unsere Generationenaufgabe. Das ist unsere Verantwortung im Anthropozän.

Die neuen, nachhaltigen Entwicklungsziele können den Paradigmenwechsel bringen. Sie werden nicht nur die Entwicklungsagenda, sondern alle Politikbereiche der nächsten Jahrzehnte prägen. Noch nie haben die Regierungen der Welt so intensiv über den Zusammenhang von Entwicklung und Nachhaltigkeit gesprochen. Und über alles, was dazugehört: Rechtsstaatlichkeit, gute Regierungsführung, Kampf gegen Hunger, Armut, Ungleichheit. Noch nie hat sich die Weltgemeinschaft so ehrgeizige Ziele gesetzt. Und noch nie universelle Ziele, die für alle gelten.

Es geht um alles in dieser Zukunftsagenda: ökologische Leitplanken, Selbstbestimmung, Rechte, Frieden, Regierungsführung. Weil alles mit allem zusammenhängt. Umweltzerstörung und Gewalt etwa. Beispiel Kolumbien/Amazonasgebiet: Noch immer gibt es dort Konflikte – sie treiben Menschen in die Wälder, in den Drogenanbau, in die Abholzung. Wo Menschen leiden, leidet meist auch die Umwelt. Dauerhafte Entwicklung gibt es nur mit dauerhaftem Frieden. Und wo die Umwelt leidet, finden gerade arme Menschen nicht genügend Lebensgrundlagen, driften ab in Gewalt oder Hoffnungslosigkeit. Ein Teufelskreis.

Ich begrüße heute in Berlin den kolumbianischen Umweltminister, Gabriel Vallejo. Dem historischen Friedensprozess in Ihrem Land wünsche ich viel Erfolg. Deutschland ist an Ihrer Seite. Auch beim Engagement im Waldschutz. Kolumbien – als ein Teil der grünen Lunge unseres Planeten – hat eine sehr ambitionierte Amazonasstrategie: keine Entwaldung mehr in 2020. Kolumbien übernimmt Verantwortung für das globale Wohlergehen – über seine Landesgrenzen hinaus. Es beweist damit: eine neue globale Partnerschaft ist möglich!

Jedes Land sollte fragen: Welchen Beitrag können wir leisten, um die nachhaltigen Entwicklungsziele zu erreichen, national und für die Weltgemeinschaft? Das brauchen wir: Entwicklungspolitik für den ganzen Planeten – denn für das Neue, das vor uns liegt, sind wir alle Entwicklungsländer. Eine neue Partnerschaft zwischen Industrieländern, Schwellen- und Entwicklungsländern. Und zwischen allen Bereichen unserer Gesellschaft: Wirtschaft, Zivilgesellschaft, Politik, Wissenschaft.

Ehrgeizige Entwicklungsziele sind das eine. Die Umsetzung ist das andere. Darum müssen sie konkret und messbar sein. Und wir brauchen ein gutes Monitoring: Damit wir wissen, wo wir stehen, und ob jeder die Beiträge leistet, die nötig sind. Deshalb macht sich Deutschland für einen starken Monitoring-und-Review-Mechanismus bei den UN-Verhandlungen stark. 2015 muss das Jahr der Lösungen sein! Wer muss was tun? Wie wollen wir es erreichen?

Ich nenne ein paar Schlagworte:

Globalisierung gerecht gestalten – ökologisch und sozial fair! Wir können mit Entwicklungsgeldern nie annähernd das beitragen, was eine faire Weltwirtschaftsordnung erreichen kann. In Handelsabkommen (wie TTIP) für nachhaltige und entwicklungsfreundliche Regeln eintreten.

Entwicklungsblockaden lösen: Durch Steuerhinterziehung, Geldwäsche und illegale Finanzströme etwa entgeht den Entwicklungsländern mehr Geld, als an offizieller Entwicklungshilfe hineinkommt. Steuerschlupflöcher – Subventionen – Standards – auch unsere heimische Politik muss auf den Prüfstand.

Rohstoffreichtum zu einem Gewinn machen: Viele Länder sind zu reich, um arm zu sein! Aber auch unsere Länder tragen Verantwortung: Wir müssen faire Preise zahlen und wissen wollen, wie etwas produziert oder abgebaut wird. Faire und umweltfreundliche Arbeitsbedingungen: Wir müssen die globale soziale Frage der Gegenwart angehen, den Menschen und der Umwelt zu ihrem Recht verhelfen. Deshalb gehen wir mit dem Textilbündnis in Deutschland voran. Wir wollen soziale, ökologische Standards in allen Handelsabkommen der EU verankern und wir wollen die Menschen direkt in den Ländern unterstützen.

Lösungen gibt es noch unendlich viele. Viele unterstützen wir. Wir investieren weltweit in klimafreundliche Entwicklung. Wir unterstützen Länder dabei, von Anfang an die bessere Infrastruktur aufzubauen. Wir helfen, die bessere Welt zum guten Geschäftsmodell zu machen und privates Kapital zu mobilisieren. Übermorgen, am 7. Mai, sind wir Gastgeber einer Konferenz im Gasometer Schöneberg zu Klimarisikoversicherungen. Ein wichtiger Baustein der deutschen G7-Präsidentschaft! Denn wir wollen zeigen:

Das Schicksal der vom Klimawandel bedrohten Menschen in Entwicklungsländern ist uns nicht egal! Wir leisten einen konkreten Beitrag zu ihrer Absicherung. Das gelingt am besten, wenn alle an einem Strang ziehen: Geber, Entwicklungsländer, Privatsektor, Zivilgesellschaft. Nachhaltige Entwicklung für die EINEWELT fängt bei uns in Deutschland an. Nehmen wir die Verantwortung an und helfen mit, Wege in ein nachhaltigeres Zeitalter zu finden. Durch innovative Technik und neues Denken in der Wirtschaft. Und durch Aufklärung, durch Impulse an und aus der Zivilgesellschaft.

"Wohin steuern wir die Erde"? Was machen wir aus unserem Zeitalter, dem Menschenzeitalter, dem Anthropozän? Ein Zeitalter, in dem jeder nur an die eigenen Bedürfnisse denkt, den eigenen Vorteil, den eigenen Komfort, das eigene Land? Und die Folgen für andere ignoriert? Das Leid von Milliarden anderen Menschen? Tieren? Die Zerstörung der Schöpfung? Oder eine humane Welt, eine gerechtere Welt, eine Welt in Balance, im Einklang mit der Umwelt?

Was wir in diesen Monaten entscheiden oder auch nicht entscheiden, wird mitbestimmen über Leben und Tod von Millionen Menschen. Und wir, die Regierungen dieser Welt, sind gefordert, verantwortlich zu handeln! Ende dieses Jahres werden wir mehr darüber wissen, ob die Weltgemeinschaft in der Lage und willens ist, das Ruder in die Hand zu nehmen. Unsere Nachkommen werden darüber urteilen, wohin wir diesen Planeten gesteuert haben!

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