Hauptinhalt

Fallstudie Zentralasien und Pakistan: Tuberkulosebekämpfung

Gemeinsam gegen die Tuberkulose!


Das Tuberkulosezentrum Macheton 2012 nach der Renovierung

Der deutsche Beitrag zum Millenniums­ent­wick­lungs­ziel Nummer 6 - Bekämpfung der Tuberkulose - in Kasachstan, Usbekistan, Kirgisistan, Tad­schi­ki­stan sowie Pakistan

In den 80er Jahren des vergangenen Jahr­hun­derts schien die Tuber­ku­lo­se nahezu aus­ge­rot­tet. Doch in den 1990er Jahren richtete sich die alte Geißel der Mensch­heit wieder auf: In den Ländern der ehe­ma­li­gen Sowjet­union, in der hoff­nungs­lo­sen Armut des zer­fal­len­den Riesen­reiches, und im südlich an­gren­zen­den Pakistan.

Die Reporterin Merle Hilbk bereiste damals Ka­sach­stan und schrieb "Eine Seuche kehrt zurück: Ein Teufel in Bak­te­rien­gestalt, der durch die kasachische Steppe zieht, die schnee­bedeckten Gipfel des Altai erklimmt, hinab fährt an die Ufer des Aralsees, weiter und weiter strebt, über die Grenze nach Usbekistan… knochige, wächserne, Blut spuckende Men­schen­bündel zurück­lassend, unbestellte Felder, verfallende Hütten, Leid und Tod." (Die Zeit vom 2.11.2000)

Große Erfolge stehen einer großen Bedrohung gegenüber

Weltweit sind seit 1995 nahezu 20 Millionen Menschen­leben gerettet worden, durch eine erfolg­reiche Strategie zur Diagnose und Therapie von Tuber­kulose (TB), die die Welt­gesund­heits­or­ga­ni­sa­tion WHO entwickelte. Das Millenniums­ziel, die Ausbreitung der Tuberkulose zum Still­stand zu bringen, ist in den meisten Regionen der Welt bereits erreicht. Die Rate der Neu­er­kran­kungs­rate sinkt, und auch die Sterb­lich­keits­rate geht weltweit zurück. Aber die Tuber­kulose bleibt mit jährlich rund 9 Millionen Neu­er­kran­kun­gen eine große Bedrohung für die Mensch­heit. Die WHO skizziert ein Szenario mit 16 Millionen Tuberkulose-Opfern bis 2025, wenn die der­zei­ti­gen An­stren­gun­gen nicht intensiviert werden.

Deutsch­land beteiligt sich am globalen Kampf gegen die Epidemie durch finanzielle Unterstützung inter­na­tio­naler Or­ga­ni­sa­ti­on­en wie dem Global Fund to Fight AIDS, Tuberculosis and Malaria – und engagiert sich direkt in Zentral­asien und Pakistan, früher auch im südlichen Kaukasus. Rund 100 Millionen Euro sind in den letzten zehn Jahren für Tuberkulose-Programme in diesen drei Regionen zur Verfügung gestellt worden.

Die duale Gefahr: Aids und Tuberkulose begünstigen sich gegenseitig

Ein Drittel der Weltbevölkerung ist latent mit Tuberkulose infiziert, so schätzt man. Die Krankheit bricht aber nur bei einem von zehn aus: Wenn die Ab­wehr­kräfte dieses Menschen geschwächt sind durch Hunger, Kälte, un­ge­sun­de Lebens­um­stän­de in licht­losen und feuchten, über­füllten Be­hau­sun­gen – oder sein Immun­system nicht mehr funk­tio­niert, weil er HIV​/Aids hat. Dann beschleunigt die Tuber­kulose das Fort­schrei­ten der Immun­schwäche. So ist die Tuber­kulose zur häufigsten Todes­ur­sache von Aids-Patienten ge­wor­den.

Seit zehn Jahren nehmen die HIV/Aids-Raten in Osteuropa und Zentral­asien rapide zu. Wenn sich diese beiden ge­fähr­lichen In­fek­tions­krank­heiten über­lappen, fürchten die Mediziner, kann es zu einer Pandemie kommen, die mit den Mitteln des 21. Jahrhunderts nicht mehr einzudämmen ist.

Zentralasien ist Epizentrum der medikamenten-resistenten Tuberkulose

Seit Robert Koch 1882 den Erreger der Tuberkulose entdeckte und Antibiotika entwickelt wurden, ist die ansteckende Krankheit, die erst die Lunge, dann die inneren Organe befällt und zersetzt und den Menschen über Jahre dahin­siechen lässt, heilbar. Und das sogar zu relativ niedrigen Kosten: Mit 50 bis 100 Euro kann ein Kranker in einem Jahr geheilt werden.

Bis hundertmal so teuer kann es werden, wenn der Patient an einer Form der Tuber­kulose leidet, die gegen die gängigen Medi­ka­men­te resistent ist. Diese sehr gefährliche, sogenannte multi-resistente Tuber­kulose ist erstmalig in den 1990er Jahren in Zentral­asien aufgetreten, als mit dem Sowjetreich auch das Gesund­heits­system kollabierte. Patienten wurden nicht mehr ordentlich therapiert, brachen ihre Behandlung ab; oder sie ver­sorg­ten sich selber mit billigen Medikamenten vom Schwarz­markt. Nichts ist schlimmer als eine falsche Behandlung, denn die fördert die Entstehung von resistenten Tuber­ku­lose­er­re­gern im Körper des Patienten. Dann ist eine Be­hand­lung nur mit wenigen, teuren Medikamenten möglich und dauert fast zwei Jahre, mit schweren Neben­wir­kun­gen für die Betroffenen. Viele können nicht mehr geheilt werden, weil die Diagnose schwierig ist und oft zu spät erkannt wird, dass sie an multi­resistenter Tuberkulose leiden.

Wer unbehandelt überlebt, steckt jedes Jahr 10 bis 15 weitere Personen an: Einmal An­husten im Bus reicht aus. Nach Schät­zun­gen treten jedes Jahr daher nicht weniger als 7.000 neue In­fek­tio­nen mit der medi­ka­men­ten-resistenten Form der Tuberkulose in Zentral­asien auf. Aber nur 10 Prozent aller Fälle werden derzeit entdeckt. Da tickt eine Zeitbombe, warnen die Epi­de­mio­lo­gen: Ein wichtiger Grund für das BMZ, sich in Zentral­asien zu en­ga­gie­ren. In Absprache mit den zentral­asi­a­ti­schen Re­gie­run­gen setzt die KfW das Programm zur Be­kämp­fung der Tuber­ku­lose dort seit Ende der 1990er Jahre um.

Das benachbarte Pakistan wird vom BMZ seit dem Jahr 2000 in der Be­kämp­fung der Seuche unter­stützt, weil es weltweit zu den acht Ländern mit den schwersten Tuber­ku­lose­epi­de­mien zählt: Es wird geschätzt, dass pro Jahr über 400.000 Menschen an Tuber­kulose erkranken. Betroffen sind vor allem die ärmsten 20 Prozent der Bevölkerung. Die jahre­lange Ver­nach­läs­si­gung des Gesund­heits­systems und die fehlende medizinische Grund­ver­sor­gung haben dazu geführt, dass Pakistan auch zu den Ländern mit einer sehr hohen Belastung mit multi­re­sis­ten­ten Tuber­ku­lose­formen gehört: Schät­zungs­weise 3,4 Prozent der Neu­in­fi­zier­ten und 29 Prozent der vor­be­han­del­ten Patienten sind an dieser gefährlich Form erkrankt. Ko-Infektionen mit dem HI-Virus sind auch hier ein Problem, aller­dings kein aus­ge­präg­tes, da Pakistan kein Land mit hohem HIV​/Aids-Vorkommen ist.

Wie unterstützt Deutsch­land Zentralasien und Pakistan konkret?

Laborantin in einem Labor in Usbekistan bei der Tuberkulosediagnostik. Urheberrecht: KfWZunächst ging es darum, die na­tio­na­len Ge­sund­heits­sys­teme der vier zen­tral­asia­ti­schen Staaten Ka­sach­stan, Us­be­ki­stan, Kir­gi­si­stan und Tad­schi­ki­stan sowie des süd­asia­ti­schen Staates Pakistan zu stär­ken, damit sie die von der WHO ent­wickelte DOTS-Strategie durch­füh­ren können. Die Strategie setzt auf ak­ku­rate Diagnose und strenge Über­wachung der Kurz­zeit­therapie. Das Ziel ist, Erkrankte schnell zu heilen und die Infektions­kette zu unterbrechen.

Weitere wichtige Maßnahmen in allen fünf Ländern sind:

  • Aufbau von nationalen Referenzlaboratorien und Behandlungszentren
    Deutsche Expertise ist wichtig beim Aufbau von Laboratorien, um eine schnelle und akkurate Diagnose sicher­zu­stellen, ins­be­son­dere bei multi­re­sis­ten­ten Formen der Tuber­ku­lose (siehe Beispiel Tadschikistan unten). Ärzte und medi­zi­ni­sches Personal der neuen Be­hand­lungs­zentren werden auf inter­na­tio­na­lem Niveau geschult – das passiert länder­über­greifend in Zentren zur Weiterbildung.
  • Landesweite Versorgung mit Medikamenten gesicherter Qualität
    Damit die Behandlung greift, werden Medikamente finanziert. Damit werden alle Patienten in Zentralasien und Pakistan kostenfrei mit wirksamen Medikamenten behandelt.
  • Aufklärung der Bevölkerung
    In breit angelegten Öffent­lich­keits­kam­pag­nen wird die Bevölkerung über die Symptome und moderne Be­hand­lungs­mög­lich­keiten der Tuber­kulose aufgeklärt. Über der Krankheit liegt ein Stigma – auch, weil Tuberkulose-Kranke wegen der An­steckungs­gefahr früher in Sana­to­rien "weggesperrt" wurden. Ziel­gruppe der Aufklärung sind aber auch die einfachen Haus­ärzte, als wichtige Helfer in der Entdeckung und Kontrolle der Tuberkulose.
  • Einbeziehung der Gefängnisse in die nationalen Tuberkulose-Programme
    Schließlich gilt es, die Brutstätten der Tuberkulose zu beseitigen. Das sind die überfüllten, lichtlosen und feuchten Gefängnisse. Auch wer nur wegen Dieb­stahl eingebuchtet wird, kann dort schnell seine Gesundheit ruinieren: Gefangene haben ein 50-fach höheres Risiko, sich mit Tuberkulose an­zu­stecken, die sie nach ihrer Ent­lassung in die Ge­sell­schaft tragen.
  • Bildung regionaler Netzwerke in Kooperation mit der WHO
    Das ist wichtig, weil sich die Tuberkulose nicht an Grenzen hält und durch verstärkte Migration verbreitet.

Mit diesen Maßnahmen leistet die deutsche Ent­wick­lungs­zu­sam­men­arbeit maß­geb­liche Unter­stüt­zung bei der Erreichung des Millenniums­zieles Nr. 6, die Tuber­kulose einzudämmen. Es ist allerdings schwierig, die konkreten Wirkungen des deutschen Engagements zu messen, weil Erfolge immer im Kontext mit den An­stren­gun­gen anderer Partner gesehen werden müssen. Betrachtet man die epi­de­mio­lo­gischen Daten, so stellt man fest, dass nach einem Anstieg der Tuber­kulose in Zentral­asien zwischen 1990 und 2000 die Kurve wieder leicht abflacht.

Die Zahl der jähr­lichen Neu­er­kran­kun­gen liegt derzeit bei 120 – 130 Fällen in Zentral­asien bzw. bei 231 Fällen in Pakistan pro 100 000 Einwohner (zum Vergleich: in Deutsch­land erkranken jährlich sieben Menschen). Doch sie sagt wenig aus. Eine hohe Zahl von Neu­er­kran­kun­gen kann auf einen Anstieg der Epidemie hindeuten, aber auch auf den Erfolg der Tuberkulose-Programme hinweisen: Weil man heute durch eine moderne Diagnose Fälle findet, die bisher un­ent­deckt blieben. Aber noch immer liegt die Fall­fin­dungs­rate in Zentral­asien mit etwa 50 Prozent deut­lich unter der WHO-Zielvorgabe von 70 Prozent.

Tadschikistan: Die Klinik "Macheton" ist ein Paradebeispiel

In Tadschikistan, dem Hochgebirgsland am Pamir mit über 7 Millionen Einwohnern, gibt es seit 2011 ein nationales Lungen-, Tuberkulose- und Thorax­chi­rur­gie­zentrum. Im Auftrag des BMZ hat die KfW fast 11 Millionen Euro in den Wieder­auf­bau des herunter­ge­kom­me­nen Kranken­hau­ses Macheton investiert. Es ist ein gutes Beispiel für die Zentren, die in allen fünf Ländern der Region aufgebaut wurden – ​oder noch werden, wie in Kasachstan.

Wichtiger Teil des Macheton-Projektes ist der Neubau und die moderne Aus­stat­tung eines na­tio­na­len Referenz­labors, welches auf inter­na­tio­na­lem Niveau arbeitet und die Proben anderer Labore einer Qualitäts­kontrolle unterzieht. Dabei ist im Rahmen einer Partner­schaft mit dem supra­na­tio­na­len Referenz­la­bo­ra­tor Gauting bei München wertvolle deutsche Expertise in die Ausbildung der Labor­mit­ar­bei­ter geflossen. Erst­malig in Tadschikistan können nun gefährliche In­fek­tions­krank­heiten sicher dia­gnos­ti­ziert werden. Darüber hinaus sind Emp­find­lich­keits­tests der Tuber­ku­lose­bakterien auf Antibiotika möglich. Damit kann die Infektion gleich mit dem richtigen Medikament bekämpft werden. Mit bis zu 7000 Proben im Jahr werden in Ma­che­ton weit mehr Proben als in einem durch­schnitt­lichen deutschen Universitäts­labor untersucht

In Macheton wird die DOTS-Strategie erfolgreich um­ge­setzt: Im Gegensatz zur tra­di­tio­nel­len Schema der Tuberkulose-Behandlung, in dem die Diagnose mittels Rönt­gen­auf­nahme und die Be­hand­lung aus­schließ­lich stationär über mehrere Monate erfolgt, steht bei der DOTS-Strategie der wirksame, kosten­ef­fek­tive und zeitlich be­grenz­te Einsatz von Medi­ka­men­ten im Mittel­punkt. Die Diagnose erfolgt durch eine kostengünstige Untersuchung des Lungen­auswurfs (Sputum) der Kranken. Die anschließende Chemotherapie dauert in der Regel bei offener Tuberkulose circa sechs Monate, davon müssen je nach Heilungsfortschritt drei Monate in der Klinik verbracht werden.

Obwohl die Zahl der Betten in Macheton von 700 auf 420 reduziert wurde, hat sich die Zahl der behandelten Patienten in sieben Jahren fast verdoppelt – auf 2.200 im Jahr 2012. Denn die Verweildauer der Tuberkulose-Kranken konnte von 198 Tagen (2005) auf 59 Tage (2012) verkürzt werden. Dass die DOTS-Strategie greift, zeigt auch der Rückgang der Tuberkulose-Operationen um fast zwei Drittel. Die Strategie ist also nicht nur für den Patienten gut, sondern auch für die Wirt­schaft­lich­keit des Krankenhauses.

Gibt es Hoffnung auf eine Welt ohne Tuberkulose?

Gute Bergluft wie Anfang des 20. Jahrhunderts auf dem Zauber­berg des Thomas Mann, das reicht nicht aus. Es bedarf großer Anstrengungen, auch in der Forschung, um mit neuen Impfstoffen, moderner Diagnostik und Medizin­technik die Tuberkulose zu bezwingen. Der politische Wille in den Partner­ländern, das Problem zu erkennen und schnell zu handeln, muss gestärkt werden. Denn die Tuber­kulose muss an der Wurzel gepackt werden – sie erwächst aus der Armut, wenn die Gesund­heits­systeme schwach sind.

Deutsch­land nimmt diese He­raus­for­de­rung an und wird seine Partner auch weiterhin bei der Erreichung am­bi­tio­nier­ter Ziele in der Tuber­kulose-Bekämpfung unterstützen.

Auf einen Blick

Länder: Kasachstan, Usbekistan, Kirgisistan, Tadschikistan sowie Pakistan
Auftraggeber: Bun­des­mi­nis­te­ri­um für wirt­schaft­liche Zu­sam­men­ar­beit und Ent­wick­lung (BMZ)
Förderbereich: Gesundheit
Bezeichnung des Programms: Bekämpfung der Tuberkulose
Projektträger: Gesundheitsministerien auf Bundes- und Provinzebene der jeweiligen Partnerländer
Durchführungsorganisationen: KfW
Budget: 64 Millionen Euro
Laufzeit: 1998 bis 2016

Im Detail

Ein Krankenhaus in Tadschikistan und sein Chefarzt

Lexikon der Entwicklungspolitik

Fenster schließen

 

Seite teilen