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Fallstudie Westafrika: Ernährungssicherung

Mit gutem Kakao zu bescheidenem Wohlstand


Ernte vollbracht: Stolze Arbeiter auf einem Berg getrockneter Kakaobohnen im Hof einer Kooperative.

Der Beitrag des Regional­programms "Nach­hal­ti­ge Kakao-Wirt­schaft in West­afrika" zur Er­rei­chung des Mil­len­ni­ums­ent­wick­lungs­ziels Nummer 1

Die "Speise der Götter", wie die Frucht des Baumes Theobroma cacao von den Mayas genannt wurde, ist ein wahrhaft himmlischer Genuss für uns Normalsterbliche, wenn sie zu köstlicher Schokolade verarbeitet ist. Aber noch in diesem Jahrzehnt kann das "braune Gold" zu einem knappen Gut werden, wenn die Erträge im Kakaoanbau nicht steigen.

Kakao wird nur in tropischen Regionen am Äquator angebaut, auf ein bis drei Hektar großen Pflanzungen. Die multi­na­tio­na­len Süß­waren­kon­zerne er­wirt­schaf­ten recht er­kleck­liche Gewinne aus dem bitteren Grund­stoff ihrer süßen Leckereien. Die Kleinbauern ziehen aber nur ein mageres Ein­kom­men aus ihrer Hände Arbeit: Eine Studie der World Cocoa Foundation ergab, dass die zwei Millionen land­wirt­schaft­lichen Klein­be­trie­be in Westafrika, die rund 70 Prozent des welt­weiten Kakaos pro­du­zie­ren, damit durch­schnitt­lich 1.300 bis 2.600 Euro im Jahr 2010 er­wirt­schaf­te­ten. Das sind um­ge­rech­net nur 3,60 bis 7,10 Euro am Tag für eine fünf- bis acht­köp­fi­ge Familie. Die Kinder der Kakao­bauern kennen keine Schokolade.

Warum sind viele Kakaobauern arm?

Um 1900 kostete eine Tafel Schokolade nach heutiger Währung 50 Euro, 1945 musste man 5 Euro bezahlen und heute bekommt man eine Tafel schon für 50 Cent im Super­markt: Anschaulicher kann man den Preis­ver­fall des Agrar­roh­stof­fes Kakao nicht be­schrei­ben. Vor 30 Jahren ging es den Kakao­er­zeu­gern in West­afrika besser als heute, zeigt eine Analyse des Instituts Südwind. Der Welt­markt­preis ist seit 1980 stark gesunken, wenn­gleich sich die Preise in den letzten Jahren wieder erholt haben und die steigende Nach­frage wider­spiegeln.

Die Abhängigkeit von den Schwan­kun­gen des Welt­markt­preises ist aber nicht das einzige Problem: Die Be­völ­ke­rungs­ex­plo­sion übt zu­sätz­li­chen Druck aus, der Boden muss immer mehr Menschen ernähren.

Es gibt aber noch mehr Gründe, warum die Klein­bauern wenig verdienen: Die Kakao­bäume in den Pflan­zun­gen sind über­altert und die Böden aus­ge­laugt. Geld für neues Pflanzgut und Mineral­dünger ist nicht da, ebenso wenig wie für den Pflanzen­schutz. So ernten viele Bauern nur bis zu 400 kg Kakao­bohnen pro Hektar, obwohl mehr als das Doppelte möglich wäre.

Die Verkaufserlöse der Kakaobauern werden in einigen Ländern dann auch noch durch hohe Export­ab­ga­ben ge­schmä­lert. Bei den kleinen Betriebs­größen reicht das am Ende nicht mehr für ein at­trak­ti­ves Ein­kom­men aus. Junge Leute ver­las­sen daher die Farmen und wandern ab in die Städte. Viele Kleinbauern können keine pro­fes­sio­nel­len Arbeits­kräfte mehr bezahlen, und setzen an deren Stelle Kinder als billige Ernte­helfer ein. Man vermutet, dass hun­dert­tau­sende von Kindern auch zu harten Arbeiten wie das Tragen von schweren Lasten ein­ge­setzt werden. Diese schlimme Form der Kinder­arbeit be­ein­träch­tigt ihre Ent­wick­lung und ist nach na­tio­na­lem Recht und in­ter­na­ti­o­nalen Standards verboten.

Kleinbauern in Westafrika sind schlecht ausgebildet

Kinderarbeit muss an der Wurzel bekämpft werden. Sie wäre nicht an der Tages­ord­nung, wenn die Bauern pro­fes­sio­nell wirt­schaf­ten würden. Das aber fällt vielen schwer: Ihnen fehlt nicht nur das tech­nische Wissen, son­dern auch das unter­neh­me­rische Hand­werks­zeug, um eine Kakao­plan­tage gewinn­brin­gend zu führen. Auf der anderen Seite fehlen aber auch die Angebote seitens des Staates und der Wirtschaft, vor allem der Banken, um den Klein­bauern auf­zu­helfen: Etwa durch gute Beratung seitens der Agrar­behörden, durch funk­tio­nie­ren­de Zu­sam­men­ar­beit in den Er­zeu­ger­ko­ope­ra­tiven, oder durch faire Kredite.

Die Schokoladenindustrie fürchtet um ihren wichtigsten Rohstoff

Der Kakaobaum Theobroma cacao trägt goldgelbe Früchte. Der Baum wird etwa vier Meter hoch und gedeiht am besten im Schatten großer Urwaldbäume  Urheberrecht: GIZ/K. WohlmannDeutsch­land ist nach den USA der zweit­wich­tig­ste Im­por­teur von Kakao und der größte Ex­por­teur von Kakao­pro­duk­ten welt­weit·– ​und steht damit in der Ver­ant­wor­tung, sich für eine sozial und öko­lo­gisch ver­träg­liche Pro­duk­tion ein­zu­set­zen. Dafür sprechen auch wirt­schaft­liche Überlegungen: Die deutsche Süß­waren­industrie ist um ihre Repu­ta­tion besorgt und muss gleichzeitig ihre Roh­stoff­ver­sor­gung sichern. Und das geht nur, auch angesichts des Klima­wandels, über einen nach­hal­ti­gen Anbau von Kakao, der dauer­haft gute Erträge bringt und dem Erzeuger ein aus­rei­chen­des Ein­kom­men bietet. Das ist auch das Ziel inter­na­tio­na­ler Konzerne, die bereits große Programme in Ko­ope­ra­tion mit west­afri­ka­ni­schen Staaten durch­führen. Die Bun­des­re­gie­rung hat zusammen mit der deutschen Privat­wirt­schaft 2012 das "Forum nachhaltiger Kakao" gegründet, mit dem Ziel, den Anbau auf eine solide Basis zu stellen und Kinder­arbeit zu verhindern. Dies soll durch groß­an­ge­leg­te Schulungen von Kakao­pro­du­zen­ten, Zer­ti­fi­zie­rung des Pro­duk­tes und Stär­kung ihrer Or­ga­ni­sa­ti­on­en geschehen.

Wichtige Pionierarbeit dazu leistet das Regional­pro­gramm, das 2009 vom BMZ in Absprache mit den Regierungen der Elfen­bein­küste (Côte d’Ivoire), Ghana, Kamerun und Nigeria ins Leben gerufen wurde. Aus diesen Ländern kommt 90 Prozent des in Deutsch­land ver­ar­bei­te­ten Kakaos. Das Vorhaben wird von der GIZ durch­ge­führt und setzt mit Ko­fi­nan­zie­rung der World Cocoa Foundation von Bill & Melinda Gates Foundation und 15 in­ter­na­ti­o­nalen Kakao­unter­nehmen eine Kom­po­nen­te des Cocoa Livelihoods Program um.

Gute Anbaupraxis bringt den Erzeugern mehr Gewinn

Das Vorhaben arbeitet in den vier Ländern mit 33 staat­lichen und zivil­recht­lichen Or­ga­ni­sa­ti­on­en und privaten Unter­neh­men zusammen. Ziel ist, in fünf Jahren 170.000 Kakao­pro­du­zen­ten so wett­be­werbs­fähig zu machen, dass sie ihre Ein­kom­men erhöhen und die Er­näh­rung ihrer Familien verbessern können.

Dass das durch eine gute Anbau­praxis möglich ist, zeigen Ren­ta­bi­li­täts­analysen: Durch kurz­fristige Optimierung der Kakao­kul­tu­ren in Kom­bi­na­tion mit ver­bes­ser­ten Tech­ni­ken beim Anbau von ein­jäh­ri­gen Nah­rungs­früchten können Kleinbauern ihr Ein­kom­men um 80 bis 400 Prozent steigern. Damit wären die Bauern in der Lage, land­wirt­schaft­liche Arbeits­kräfte zu bezahlen und auf Kinder­arbeit zu verzichten. Lang­fris­ti­gere In­ves­ti­tio­nen in die Kakao­pflan­zun­gen können bis zu zehn­fache Ein­kom­mens­stei­ge­run­gen erzielen: So könnte der Kakao­anbau wieder zu einer at­trak­ti­ven Lebens­grund­lage werden.

Produzenten werden in "Farmer Business Schools" stark gemacht…

Eine Kakaobäuerin lernt Buchführung in einer Farmer Business School. Urheberrecht: GIZ /Annemarie MatthessMit den lokalen Partnern wurde ein Pro­gramm zur un­ter­neh­mer­ischen Schu­lung von Kakao­er­zeu­gern ent­wickelt. In den staat­lichen und zivil­ge­sell­schaft­lichen Or­ga­ni­sa­ti­on­en der vier Länder wurden zu­nächst über 350 Trai­ner­innen und Trainer aus­ge­bil­det, die nun die fünf­tä­gi­gen Schulungen durchführen.

Auf dem Lehrplan steht die Stärkung der unter­neh­mer­ischen Fähig­keiten: Es geht um finanzielle Planung des Betriebes, um Rück­lagen­bildung oder Kredit­auf­nah­me für Neu­pflan­zun­gen, um eine bessere Ver­mark­tung der Produkte und um eine pro­fes­sio­nel­le Orga­ni­sa­tion der Erzeuger in Kooperativen.

Die teilnehmenden Frauen und Männer lernen, warum eine gute land­wirt­schaft­liche Praxis sich auszahlt: Weil die Erträge steigen und die Kakao­bohnen eine Qualität bekommen, die besser bezahlt wird. Es gilt auch, auf den Klima­wandel zu reagieren und Kakao­bäume zu pflanzen, die un­emp­find­lich gegen Trocken­heit sind. Darüber hinaus wird erklärt, wie man durch den zu­sätz­lichen Anbau von Grund­nah­rungs­mitteln wie Maniok und Mais die Ab­hän­gig­keit vom Kakao mindern und die häusliche Nahrungs­mittel­sicher­heit erhöhen können.

Schließlich wird auch die Notwendigkeit der Schul­bildung für Kinder thematisiert: Schule statt Feld­arbeit, weil das eine bessere In­ves­ti­tion in die Zukunft der Familien­betriebe ist.

…und in "Business Service Centers"

Seit 2011 wurden neun von elf geplanten Service­zentren in Kamerun und Côte d’Ivoire eröffnet. Sie beobachten die Preis­ent­wick­lung am Markt, beraten die Bauern hin­sicht­lich nach­hal­ti­ger Anbau­praktiken, informieren über inno­va­tive Finanz­dienst­leis­tun­gen und verkaufen Saatgut und zu­ge­las­se­ne Betriebs­mittel wie Dünger und Pflanzen­schutz­mittel. Über 20.000 Kakao­pro­du­zen­ten nutzen bereits die Dienste der Service­zentren.

Professionalisierung der Kleinbauern mindert Armut und sichert Ernährung

Seit 2010 wurden in den vier Ländern rund 98.500 Kakao­bauern und 33.000 -bäuer­innen aus­ge­bildet, bis 2014 wird das deutsche Programm insgesamt 170.000 Erzeuger schulen.

Säulendiagramm zeigt die positiven Auswirkungen der Professionalisierung der Kleinbauern. Urheberrecht: GIZUnabhängige Gutachten der World Cocoa Foundation in den vier Ländern zeigen: Mit neuem Wissen und der In­an­spruch­nahme von Dienst­leis­tun­gen ver­än­dern geschulte Bauern und Bäuerinnen ihre Betriebe.

Dadurch steigerten die Betriebe ihr Einkommen aus land­wirt­schaft­licher Produktion um 700- 2.600 Euro. Das entspricht einem Tages­ein­kom­men von 8,60-11 Euro pro Familie. Mit dem zu­sätz­lichen Einkommen können die Betriebe Schwan­kun­gen von Kakao­preisen und -erträgen ausgleichen. Die erzielten Ein­kom­mens­wir­kun­gen in den vier Ländern über­steigen die Kosten des Programms deutlich.

Professionalisierung der Partner verbessert Dienst­leis­tun­gen - und schafft Nach­hal­tig­keit

Seit Beginn setzt das Programm auf die Förderung von betriebs­wirt­schaft­lich sinnvollen Dienst­leis­tungs­an­ge­bo­ten der lokalen Partner. Die "Farmer Business School" ist zum Beispiel so erfolg­reich, dass sich die Idee wie ein Schnee­ball­system verbreitet: So wurde das Konzept in Ghana in das nationale Kakao­be­ra­tungs­pro­gramm integriert und in Nigeria vom Land­wirt­schafts­ministerium über­nommen. Die nigerianische Zentral­bank machte die bäuerliche Unter­neh­mens­schulung zum Bestand­teil eines Förder­pro­gramms für nach­hal­tige Agrarfinanzierung von Kakao, Baumwolle und Reis. Damit gehen die positiven Effekte des Programms über die unmittelbaren Wirkungen hinaus.

Ausstieg aus der Armutsfalle – mit Mut und Tatkraft

Über die Förderung von produktiver und men­schen­würdiger Arbeit in einem sehr wichtigen Wirt­schafts­sektor leistet das Programm einen er­heb­li­chen Beitrag zum Millenniums-Ent­wick­lungs­ziel Nr. 1, die extreme Armut und den Hunger in Westafrika zu bekämpfen.

Dabei setzt das Programm ganz klassisch auf "Hilfe zur Selbsthilfe" – genauer: Auf die Selbst­er­kennt­nis. Die Teilnehmer begreifen, dass sie in einer Armuts­falle stecken, aus der sie sich befreien können. Mit kleinen, sehr konkreten Schritten, die jeder gehen kann. "Ich kenne nun die Bilanz meines Lebens als Farmer und weiß, was ich tun muss, um sie zu verbessern!", sagte an­er­ken­nend Chief Alalade, ein Kakaobauer und Dorfältester aus Nigeria, nach der Teilnahme an einer "Farmer Business School".

Es gibt ein Wort, welches die Stimmung dieser Männer und Frauen beschreibt, wenn sie am Schluss der kurzen, aber so wichtigen Ausbildung befragt werden, was sie fühlen: Enthusiasmus. Damit lässt sich viel bewegen.

Auf einen Blick

Länder: Kamerun, Nigeria, Ghana und Côte d’Ivoire
Auftraggeber: Bundesministerium für wirt­schaft­liche Zu­sam­men­arbeit und Entwicklung (BMZ)
Förderbereich: Armutsminderung und Ernährungssicherung
Handlungsfelder: Professionalisierung kleinbäuerlicher Betriebe
Landwirtschaftliche Ausbildung und Beratung
Agrarfinanzierung
Zusammenarbeit mit lokalen und internationalen Unternehmen
Politische Partner: Ghana: Cocoa Board
Nigeria: Federal Ministry of Agriculture and Rural Development
Kamerun: Ministère de l’Agriculture et du Développement Rural
Côte d’Ivoire: Ministère de l’Agriculture
Durchführung: GIZ in Zusammenarbeit mit 33 lokalen Partnern
Budget: 7,26 Millionen Euro einschließlich 3,4 Millionen Euro Ko­fi­nan­zie­rung durch die Bill&Melinda Gates Foundation und 15 inter­na­tio­na­le Kakao­unter­nehmen über die World Cocoa Foundation
Laufzeit: 08/2009 bis 01/2014

Im Detail

Aus Kakaobäuerinnen werden Unternehmerinnen...

Lexikon der Entwicklungspolitik

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