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Fallstudie Laos: Ländliche Entwicklung

Besser leben in den Bergen von Laos


Blick auf das Dorf Ban Kor, Laos.

Der Beitrag des Programms "Integrierte ländliche Ent­wick­lung in den Berg­re­gio­nen der Volks­re­pu­blik Laos" zum Mil­len­niums­ent­wick­lungs­ziel Nummer 1

"Wenn man den Bergvölkern helfen will, muss man in ihren Dörfern leben und arbeiten, ihre traditionelle Gemein­schaft verstehen, die Menschen achten und willens sein, von ihnen zu lernen." Dieser Satz der Projekt­mit­ar­bei­te­rin Sinouane aus dem Volk der Akha, die seit Jahren als Sozial­ar­bei­te­rin in den Berg­dörfern im Norden von Laos an der Grenze zu China tätig ist, beschreibt an­schau­lich, unter welchen Be­din­gun­gen Ent­wick­lungs­zu­sam­men­ar­beit funk­tio­nie­ren kann. Das hier vor­ge­stell­te Programm zeigt auf, wie das Leben von 130.000 Berg­be­woh­nern in über 300 Dörfern in kleinen Schritten zum Besseren ver­än­dert werden konnte: Weil man mit mehreren, sich gegen­seitig er­gän­zen­den Maß­nah­men auf die viel­fäl­ti­gen Probleme und die daraus re­sul­tie­ren­de Not der Men­schen reagiert hat. Jedes der hier vor­ge­stell­ten Projekte trug zur Sicherung der öko­no­mi­schen, öko­lo­gi­schen oder sozialen Existenz­grund­lagen bei.

Laos ist vor allem Landschaft

Kaum ein asiatisches Land ist so dünn besiedelt wie Laos. Auf einer Fläche, die jener der alten deutschen Bundes­länder entspricht, leben schät­zungs­weise 6,6 Millionen oder durch­schnitt­lich nur 28 Menschen pro Quadrat­kilometer (2012). Denn Laos ist das Land der Berge, die acht Zehntel seiner Fläche bedecken und bis auf 2800 Meter hoch ansteigen. Der aus China kom­men­de Mekong, der im Norden die Grenze zu Myanmar bildet und dann am Unterlauf Laos von Thailand trennt, ist die Lebens­ader der so­zia­lis­ti­schen Volks­republik. Der mächtige Fluss rauscht durch die engen Täler und Schluchten, seine frucht­baren Schlämme lagert er in den Ebenen des laotischen Tieflandes ab, der am dichtesten besiedelten Region.

Hier und auf den terrassierten Berghängen leuchtet das helle Grün der Reisfelder: Reis ist das Grund­nah­rungs­mittel der Laoten. Mehrheitlich gehören diese der eth­ni­schen Gruppe der Lao-Tai an. Ein Drittel der Be­völ­ke­rung setzt sich aber aus 49 ver­schie­de­nen Min­der­hei­ten zusammen. Sie siedeln in kleinen Dörfern ab­ge­schie­den in den steilen Bergen und sind größten­teils sehr arm: Über die Hälfte von ihnen lebt von weniger als 1,25 Dollar täglich.

Das Leben in den Bergen ist hart, und die Not ist noch immer groß

Als die deutsch-laotische Ent­wick­lungs­zu­sam­men­ar­beit im nord­west­lichsten Zipfel des Landes 1994 begann, lebten die Bergdörfer noch allein vom Wan­der­feld­bau. Der felsige Unter­grund ist schwer zu terrassieren, einen Pflug kann man in den steilen Lagen nicht einsetzen. Damals wie heute bestellen die Klein­bauern die Felder mühsam mit der Hacke, ent­sprechend gering sind die Erträge. Die Reisernte im Oktober reicht oft nur bis Ende Mai, aber zur Beginn der Regenzeit sind die Vorräte meist verbraucht. "Dann wird die Suppe sehr dünn", so beschreibt ein Landes­kenner die magere Mahlzeit, die Menschen aus dem zubereiten, was sie im Wald sammeln konnten: "Die Zeit des Hungers währt drei bis vier Monate lang."

Die Bergbauern überbrückten schon seit dem 19. Jahrhundert die Not durch den Anbau von Schlafmohn. Laos, im Herzen des sogenannten "Goldenen Dreiecks" gelegen, war in den 1990er Jahren der dritt­größte Opium­produzent der Welt. Von 1998 bis 2005 setzte die laotische Regierung alles daran, den Anbau von Schlafmohn zu unterbinden. Mit dem gesetzlichen Verbot 2005 wurde die einzige monetäre Ein­kom­mens­quelle in den Bergen illegal. Die Bauern standen vor dem Problem, wovon sie leben sollten. Die Schaffung von alternativen, legalen Ein­kom­mens­mög­lich­keiten für die Berg­be­woh­ner stand daher anfangs im Zentrum des 2004 vom BMZ in Absprache mit der laotischen Regierung beauftragten Programms.

Ernährung sichern und landwirtschaftliche Wertschöpfungsketten bilden

Um die ökonomische Lage der Bergbewohner zu verbessern, setzte die GIZ im Auftrag der Bun­des­re­gie­rung auf ein ganzes Bündel von Maßnahmen, die zusammen mit den Behörden der nördlichen Distrikte Bokeo, Luang Namtha, Sayaboury und später Attapeu ausgearbeitet und umgesetzt wurden:

  • Anbau und Verarbeitung von Baumwolle, Sesam und Soja
  • Anlage von Zuckerrohr-, Kautschuk und Kaffeepflanzungen
  • biologischer Gemüseanbau und Vermarktung
  • Haltung von Nutztieren wie Schweinen und Hühnern
  • Produktion und Verarbeitung von Seide
  • Fertigung von Handarbeiten für den touristischen Markt
  • Beherbergung von Touristen, um ihnen die traditionelle Lebensweise der Bergvölker zu zeigen.

Jeder Maßnahme ging eine sozio­öko­no­mi­sche Analyse voraus. Bei den tra­di­tio­nel­len land­wirt­schaft­lichen Produkten wie Seide und Baumwolle galt es, Produktion und Vermarktung zu verbessern. Bei neuen Produkten wie Kautschuk und Kaffee, für die der grenz­über­schrei­ten­de Handel einen Markt eröffnet hatte, stand die Ver­mitt­lung von Wissen über die Kultivierung dieser Nutz­pflanzen im Vorder­grund. Um Know-How ging es auch bei der sozial ver­träg­lichen tou­ris­ti­schen Erschließung einiger Dörfer.

Parallel dazu baute die KfW im Auftrag des BMZ die Straßen in der Region aus und schaffte damit eine Ver­bin­dung zwischen den bis dahin nur fußläufig zu er­rei­chen­den Bergdörfer und den Marktorten (siehe hierzu ​Fallstudie zum Ausbau der ländlichen Infra­struk­tur)​.

Insgesamt wurden mit über 800 Haushalten Mög­lich­kei­ten erarbeitet, sich ein zu­sätz­liches Ein­kom­men zu er­wirt­schaf­ten. "In absoluten Zahlen mögen die Erfolge wenig be­ein­druckend er­schei­nen, doch für die Familien war es ein großer Umbruch, als sie zum ersten Mal zwei Schweine zu verkaufen hatten und in die Erwerbs­wirt­schaft einstiegen', berichtet der ehemalige Ent­wick­lungs­helfer Adrian Schuhbeck. Den Menschen war zum Beispiel der Umgang mit Geld fremd. So wurden die finanzielle Grund­bildung und die Gründung kleiner Dorfbanken in das Portfolio des Programms aufgenommen.

Wie in allen anderen Projekten förderte die deutsche Ent­wick­lungs­zu­sam­men­ar­beit auch beim Thema Mikrofinanzen die gleich­be­rech­tig­te Beteiligung der Frauen entsprechend dem Millenniums­ziel Nr. 3: Ein auch in der laotischen Ge­sell­schaft schwieriges Anliegen. "In den Dörfern stieß das erst mal auf Widerstand – hat am Ende aber viel bewegt!" sagt Sayphone Khounsilyheuang, der damals Projekt­koordinator der Regierung war. Die Frauen trugen auf einmal ein bis dahin un­be­kann­tes Maß an Ver­ant­wor­tung. Und weil sie mit ihren Mini-Krediten gut wirt­schaf­te­ten und Erfolg als Klein­unter­neh­mer­in­nen hatten, stieg ihr Ansehen in der Ge­sell­schaft merklich.

Raubbau an Wald und Flüssen stoppen

Der Schutz des Tropenwaldes und der Gewässer, der zweite Schwerpunkt des Programms, konzentrierte sich auf rund 100 Dörfer in der Provinz Luang Namtha – und diente auch dem Schutz der Nahrungsgrundlagen.

So stellt zum Beispiel Fisch eine gute, täglich verfügbare Eiweißquelle dar, wenn die Ressource Fluss nach­hal­tig bewirtschaftet wird. Tatsächlich aber fischte zu Projekt­beginn fast jeder am Mekong und Nam Tha soviel er konnte, manchmal sogar mit Dynamit. Um die Überfischung zu stoppen, wurde mit Unter­stüt­zung des Programms in 21 Dörfern ein System des nach­hal­tigen Managements der Fisch­bestände eingeführt und die Ver­ant­wor­tung dafür an die Dorf­ge­mein­schaf­ten übertragen. Damit löste sich das Problem des Raubbaus an der Natur sehr schnell: Die Dörfer bemühen sich jetzt um Gewässer­schutz und Fischhege und schützen ihren Fluss­abschnitt gegen fremde Fischdiebe.

Nach diesem Prinzip funktioniert nun auch die Forst­wirt­schaft im Projekt­gebiet etwas besser: Nachdem die Dorf­ge­mein­schaften Nutzungsrechte zu­ge­sprochen bekamen, fruchtete auch erstmals die Beratung hinsichtlich einer nach­hal­ti­gen Bewirtschaftung. Im Eigen­in­ter­esse werden jetzt in 39 Dörfern Regeln zur Wert­er­hal­tung des Waldes in über 60 Prozent der Fälle eingehalten. Das ist, wenn man das große Problem der Abholzung in Laos betrachtet, nur ein kleiner Anfang – aber doch ein weg­wei­sen­der Beitrag zum Millenniums­ziel Nr. 7, dem Ressourcenschutz.

Darüber hinaus wurden neue Einnahmequellen aus den "andere" Produkten des Waldes neben Holz er­schlos­sen: Die Imkerei, das Sammeln von medi­zi­ni­schen Pflanzen für den chinesischen Markt, die Räucher­stäb­chen­pro­duk­tion aus Baumharzen oder das Anpflanzen von Maul­beer­bäumen: Aus ihrer Rinde lässt sich schmückendes Papier herstellen, das an Touristen verkauft wird.

Sauberes Wasser - und Erziehung zur Gesundheit

Malaria, Durchfall und andere vermeid­bare Krank­hei­ten forderten noch Anfang dieses Jahr­hunderts viele Menschen­leben in den Berg­dörfern. Ein dritter Schwer­punkt des Programms lag daher im Bereich Gesundheit und der Ver­sor­gung mit Trinkwasser. In fast 90 Prozent der 300 Projekt­dörfer fand Gesund­heits­er­zie­hung statt, wurden tra­di­tio­nel­le Geburts­helfer und Gemeinde­schwestern ausgebildet, mehr als 3000 Latrinen gebaut, Moskitonetze verteilt und Medikamente bereitgestellt.

Dadurch konnte die Malaria nahezu ausgerottet, Durch­fall­er­kran­kun­gen um die Hälfte gesenkt, andere Krankheiten verhindert und folglich die Sterblichkeit im Sinne der Millenniums­ziele Nr. 4, 5 und 6 gemindert werden: So ist zum Beispiel in der Provinz Bokeo die Mütter­sterb­lich­keit seit 2004 um 23 Prozent gesunken; in den Distrikten Sings und Nalae der Luang Namtha Provinz konnte die Kinder­sterb­lich­keit nahezu halbiert werden, d.h. während 2004 noch 85 von 1000 Kindern unter fünf Jahren starben, waren es 2007 44 Kinder.

Entscheidend dazu beigetragen hat die Trink­wasser­ver­sorgung, die in 86 Dörfern installiert wurde. Damit war es den Menschen möglich, die drei von der laotischen Gesund­heits­behörde propagierten Hygiene­regeln zu befolgen: "Eat clean, drink clean, stay clean – Iss reinlich, trink reinlich, halte Dich reinlich." Die Wasser­zapf­stellen erleichtern natürlich auch die anstrengende Aufgabe, die so gut wie immer die Frauen und Mädchen erledigen müssen: Das Wasser über die steilen Bergpfade herbei zu tragen. Früher waren sie allein dafür zwei Stunden am Tag unterwegs, heute benötigen sie zum Wasser­holen nur noch rund 40 Minuten. Sie schonen ihre Kräfte und haben mehr Wasser für Haushalt, Garten und die Tierzucht zur Verfügung.

Alle diese Veränderungen wurden durch Sozial­arbeiter eingeführt. Das Programm setzte dazu Angehörige der ver­schie­de­nen Ethnien ein, die Laotisch sprachen und als Übersetzer und Vermittler fungierten. Das En­gage­ment dieser Frauen und Männer hat wesentlich zum Erfolg der Maß­nahme beigetragen. Viele Sozialarbeiter wurden von der Regierung oder anderen Or­ga­ni­sa­ti­on­en über­nommen und setzen ihre Arbeit weiter fort.

Von der Dorfentwicklung über die Regional­planung zur Landesplanung

In Übereinstimmung mit den Zielen der laotischen Regierung unterstützte das Programm auch die Erstellung von Dorf­ent­wick­lungs­plänen und ihre Integration in die Regional­planung. Die Sozial­arbeiter trugen vor Ort dazu bei, die Beteiligung der Gemeinde­mit­glieder zu fördern - in stra­te­gi­schen Dis­kus­sio­nen über Ent­wick­lungs­ziele, der Bildung von Selbst­hilfe­gruppen, der Verteilung von Pflichten und der Orga­ni­sa­tion von den Tätigkeiten, die man zur Auf­recht­er­hal­tung der ge­meind­lichen Infra­struk­tur und der sozialen Dienste benötigt. Die Dorf­ent­wick­lungs­pläne legen die Bedarfe der Ge­mein­schaf­ten fest und beziffern das dazu er­for­der­liche Budget, welches von der Regierung eingefordert wird. Auf Distrikt­ebene werden die örtlichen Pläne in einer sozio­öko­no­mi­schen Distrikt­planung zusammengeführt.

Die mit Unterstützung des deutschen Programms entwickelten Planungs­modelle wurden bereits auf andere Provinzen übertragen. Derzeit wird ein Verfahren entwickelt, das es erlaubt, lokale Vor­stel­lun­gen in nationale Planungen einzubringen.

Das Programm konnte zur Minderung der Armut beitragen

Im Ergebnis konnten mit Hilfe des Programms die Lebens­um­stän­de von 130.000 Menschen verbessert werden, die in rund 300 Dörfern in zehn Distrikten der drei Provinzen Bokeo, Luang Namtha und Sayaboury im Norden leben. Dies hat auch dazu beigetragen, dass die Armuts­rate von durch­schnittlich 64 Prozent um mehr als einem Viertel auf 41 Prozent gesenkt wurde. Man kann das am gestiegenen Viehbesitz einer Familie messen oder an der Summe der Gegenstände, die sich eine Familie leisten kann, wie ein Moped, ein neues Well­blech­dach, eine Nähmaschine, oder ein Mobiltelefon.

Eine Studie untersuchte 2.400 Haushalte im Jahr 2010 und analysierte die Situation in 80 Dörfern in den Bereichen Gesund­heits­vorsorge, Bildung, Wasser- und Sanitär­ver­sor­gung, nach­hal­tige Landnutzung, funk­tio­nie­ren­de Verwaltung und soziale Dienste: Danach hat das Programm einen direkten Beitrag zum Millenniums­ziel Nr.1 geleistet und die existentielle Armut gemindert.

Das neue Programm berät auf Landesebene

Heute konzentriert sich die Ent­wick­lungs­zu­sam­men­ar­beit mit Laos verstärkt auf die nationale und die Ebene der Provinzen. Das neue, seit 2011 laufende Programm zur ländlichen Ent­wick­lung greift dabei zurück auf die Er­fah­run­gen, die an der Basis gemacht wurden, ganz nahe an den Menschen: Weil sie grundlegend sind für die verantwortungsvolle Steuerung und Umsetzung der nachhaltigen Ent­wick­lung eines ganzen Landes.

Auf einen Blick

Land: Laos
Auftraggeber: Bun­des­mi­nis­te­ri­um für wirt­schaft­liche Zu­sam­men­ar­beit und Ent­wick­lung (BMZ)
Förderbereich: Ländliche Ent­wick­lung
Bezeichnung des Programms: Integrierte ländliche Ent­wick­lung in den Bergregionen der Volksrepublik Laos
Politischer Partner: Ministry of Planning and Investment
Durchführungsorganisation: GIZ
Budget: 19,4 Millionen Euro
Laufzeit: 2004 bis 2011 (Phase I-II)

Im Detail

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Lexikon der Entwicklungspolitik

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