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Fallstudie Laos: Berufliche Bildung

Facharbeiter braucht das Land!


Solide Häuser bauen: Eine Berufsschülerin lernt das Mauern.

Der Beitrag des Programms "Wirtschafts- und Beschäftigungsförderung durch Berufsbildung" zu den Millenniumsentwicklungszielen Nummer 1 und Nummer 3

Laos ist im Umbruch: Von der Planwirtschaft zur Markt­wirt­schaft, von einem traditionell land­wirt­schaft­lich geprägtem Land zu einem Staat, der seinen Platz in der dynamischen Wachs­tums­region Süd­ost­asien einnehmen will – und auch global als Mitglied der Welt­handels­orga­ni­sa­tion WTO eine Rolle spielen möchte.

Das ist das erklärte Ziel der Regierung, doch der Weg dahin ist nicht einfach. Er ist steinig und so steil, wie die Berge in Laos hoch sind. Denn das Land ist sehr arm. Im·​Human Development Report 2013 nimmt es Rang 138 unter 186 Ländern ein, es gehört zu den "Least Developed Countries". Das jährliche Pro-Kopf-Einkommen betrug 2011 nach Welt­bank­schätzung 1.262 US-Dollar, das entspricht drei Prozent des deutschen Pro-Kopf-Einkommens von 44.060 US-Dollar. Die Land­wirt­schaft trägt mit nur einem Drittel zum Brutto­in­lands­pro­dukt (BIP) bei, beschäftigt aber drei Viertel aller Arbeits­kräfte.

Laos hat dennoch das Potenzial für einen wirtschaftlichen Aufschwung: Bergbau, Wasserkraft und Tourismus bescherten dem Land in den letzten Jahren Wachstumsraten um die 7,5 Prozent. Was fehlt, um dieses Potenzial zum Nutzen einer florierenden Volkswirtschaft und für ein breiten­wirk­sames Wachstum aus­zu­schöp­fen, sind die humanen Ressourcen: gut ausgebildete Facharbeiter und Facharbeiterinnen. Bisher kommen diese meist aus den Nach­bar­ländern Thailand und Vietnam. Die Mehrheit der rund 3,7 Millionen Personen im erwerbs­fähigen Alter in Laos (2011) hat keinen Beruf gelernt. Doch das soll sich ändern.

Deutsch­land ist wichtiger Partner der laotischen Regierung bei der Berufsausbildung

In Absprache mit der Regierung des süd­ost­asiatischen Landes hat Deutsch­land vor fast zehn Jahren eine führende Rolle bei der Förderung der beruflichen Bildung über­nommen. Im Auftrag des BMZ hat die KfW bisher sechs Berufs­schulen in den ärmsten Provinzen im Norden aufgebaut: Sie wurden mit neuen Gebäuden, vor allem mit Lehr­werk­stätten, mit Maschinen und Werkzeugen ausgestattet, um Land­wirt­schaft, Baugewerbe, Elektro­technik, Mechanik und Hotellerie zu unterrichten.

In Kooperation mit der GIZ sind die Führungs­kräfte der Schulen in Management­kursen für ihre Aufgaben gestärkt worden, das Lehr­personal wurde pädagogisch und technisch weitergebildet. Ergänzend dazu arbeiten deutsche Experten auf Ebene des laotischen Bildungs­ministeriums und unterstützen ihre Kollegen dabei, die Lehrpläne an die Erfordernisse des Arbeits­marktes anzupassen.

Auf Wunsch der laotischen Regierung werden derzeit drei weitere Berufs­schulen im Süden der Volksrepublik und eine Schule in der Hauptstadt Vientiane erweitert. Bis 2015 soll dann fast die Hälfte aller Berufs­schulen in Laos mit deutscher Unter­stützung aufgebaut sein. Insgesamt wird das BMZ mit Zusagen von 35,5 Millionen Euro bis 2015 fast 6000 Berufs­schul­plätze mo­der­ni­sie­ren oder neu schaffen. Dies ist eine wichtige Grund­lage für die Erreichung des Millenniums­zieles Nr.1, die produktive Voll­be­schäf­ti­gung von Frauen und Männern in Laos zu erhöhen.

Das Flaggschiff: Die "Lao-German Technical School" in Vientiane

Die Bun­des­re­pu­blik fördert schon seit fast 50 Jahren die duale Berufs­schul­bildung in Laos: Seit dem Bau der 1964 gegründeten "Lao-German Technical School" in Vientiane. Diese in Ausstattung und Aus­bil­dungs­niveau heraus­ra­gen­de Schule unterrichtet heute rund 600 Schüler und Schülerinnen in den Fach­be­rei­chen Fahr­zeug­technik, Metallbau, Wasser­in­stal­la­tion und Elektro­technik.

"Alle 250 Ab­sol­ven­ten des Jahres 2012 haben sofort einen Arbeits­platz gefunden", so der Direktor, "weil die Nachfrage der Industrie groß ist." Darum wird die Schule, die zum Beispiel mit einem großen in­ter­na­ti­o­nalen Fahr­zeug­her­stel­ler kooperiert, nun mit deutscher Unter­stüt­zung mo­der­ni­siert und erweitert. Seit den 1960er Jahren hat allein diese Berufs­schule 10.000 junge Menschen ausgebildet.

Wie sieht es an den Berufsschulen im armen Norden aus?

Die mit deutschen Mitteln erweiterte Berufschule in Luang Namtha im Bau. Urheberrecht: KfWIn den ländlichen Pro­vinz­städ­ten ohne In­dus­trie ist es nicht ganz so ein­fach, die Schul­bänke zu füllen. Gilt es doch zu­nächst, die Eltern der jungen Men­schen von dem Wert einer Aus­bil­dung zu über­zeu­gen. "Was am Ende des Tages zählt, ist, ob Reis in der Schüssel ist", so bringt eine Ent­wick­lungs­helferin die Sorgen der Armen auf den Punkt. Wenn sie ein Kind zur Berufs­schule schicken, dann fehlt es bei der Feld­bestellung. Und obwohl kein Schulgeld anfällt, nur die Kosten für Unter­brin­gung, Kleidung und Bücher­geld zu bezahlen sind, müssen sich viele Eltern die Ausbildung für ihre Kinder vom Munde absparen. Die Berufs­schulen haben daher angefangen, direkt in den Dörfern Werbung "zum Anfassen" zu machen, mit Werk­zeugen und Hand­werks­produkten: So gelingt es, Eltern und Großeltern zu über­zeugen.

Mit dieser Strategie lassen sich nun auch die ethnischen Minder­heiten in entlegenen Dörfern besser erreichen. Ihr Anteil an der Schüler­schaft stieg an der Schule in Luang Namtha von 15 Prozent im Jahr 2008 auf derzeit 80 Prozent.

Um mehr Mädchen für eine qualifizierte Ausbildung zu gewinnen, wurden neben den klas­si­schen technischen Aus­bil­dungs­zweigen neue, bei jungen Frauen beliebte Bereiche wie Hotel- und Res­tau­rant­gewerbe sowie Textil­verarbeitung eingeführt. Das soll dem Erreichen des Millenniums­zieles Nr. 3 dienen, der Gleich­stellung der Geschlechter auf allen Bildungs­ebenen. Der Anteil der Mädchen an den Berufs­schulen ist mit derzeit 40 Prozent im in­ter­na­ti­o­nalen Vergleich hoch.

Übung macht den Meister- und den Berufsschullehrer!

In einem Land ohne organisiertes Handwerk gibt es keine Meister­innen und Meister, die Lehrlinge aus­bil­den können. Kleine Betriebe sind typisch für das laotische Unter­neh­mer­tum, und dort wird Wissen nur innerhalb der Familie weitergegeben. Die in Deutsch­land bewährte duale Ausbildung – mit gleichen Anteilen von Theorie und Praxis·– lässt sich in Laos nicht so leicht umsetzen. Unter anderem auch, weil Berufs­schul­lehrer selbst nie im Pro­duk­tions­prozess gestanden haben, berichtet ein Experte: "Wie sollen sie ihren Schülern das Montieren eines Motors erklären, wenn sie nicht wissen, wie man den Schrauben­schlüssel ansetzt?"

An den geförderten Schulen wurden die Ausbilder an neuen Werkzeugen und Maschinen geschult; und sie lernten auch, wie man die teuren Geräte wartet, um den Standard ihrer Schule zu halten. Das neue Vorhaben, welches die GIZ im Auftrag des BMZ ausführt, geht sogar einen Schritt weiter: Die Ausbildung der Berufsschullehrer an der Ingenieurs­fakultät der·​National University of Lao soll zukünftig mehr Bezug zur Praxis bekommen.

Ausbildungspläne gemeinsam mit der Wirtschaft schmieden

Bezug zur Praxis bekommt man nur durch Nähe zur Wirtschaft. Denn die Unter­nehmen wissen, was sie brauchen: Welche Fähigkeiten ein Fach­arbeiter haben muss, damit er seine Tätigkeit verantwortlich, qualitätsbewusst und eigenständig ausführen kann. Im sozialistischen Laos, das sich erst 1986 zur Markt­wirt­schaft bekannte, verfügt die Privat­wirt­schaft aber noch nicht über gefestigte Interessens­ver­tre­tun­gen, die ihre Bedarfe artikulieren. Diese sollen auf nationaler Ebene erfasst werden. Die In­for­ma­tio­nen müssen dann Richt­schnur für die Lehrer­aus­bil­dung werden und sich schließlich in re­vi­dier­ten Curricula niederschlagen: Das ist die Aufgabe des neuen Vorhabens, gemeinsam mit dem Bildungs­ministerium.

Die laotischen Partner haben großes Interesse daran, die duale Ausbildung in Anlehnung an das deutsche Vorbild einzuführen, weil viele Ent­schei­dungs­träger im Ministerium in der ehe­ma­li­gen DDR studiert haben – und vom Nutzen praxis­be­zo­ge­ner Ausbildung überzeugt sind.

Technische und handwerkliche Berufe brauchen ein neues, positives Image

In Laos, wie in vielen anderen Ent­wick­lungs­ländern ohne industrielle Ver­gan­gen­heit, genießt allein die aka­de­mi­sche Ausbildung ein hohes Ansehen. Die jungen Leute wollen "Business Administration" studieren und später lieber im Anzug Geschäfte machen als im Blaumann zu arbeiten. Tech­nische und hand­werk­liche Aus­bil­dungs­berufe haben ein schlechtes Image. Dabei braucht das Land am Mekong dringend gut aus­ge­bil­dete Fach­arbeiter, die in der Lage sind, etwas zu produzieren. Das schafft Ein­kom­men und schützt vor Ar­beits­losigkeit und Armut.

Das Programm hat daher eine Image­kampagne gestartet, um der Öf­fent­lich­keit zu vermitteln, dass eine technische oder hand­werk­liche Qualifikation eine solide Grundlage für ein gutes Aus­kom­men im Leben ist. Kleine Hand­werks­betriebe lassen sich ohne große In­ves­ti­tio­nen gründen und sind in Krisen nicht so schnell zu erschüttern. In den meisten modernen Volks­wirt­schaf­ten bilden kleine und mittlere Betriebe das Rückgrat der Wirtschaft.

Die Förderung der praktischen Berufsbildung in Laos ist eine In­ves­ti­tion in das Potenzial der Bürgerinnen und Bürger des Landes. Und sie erfüllt die Forderung des verstorbenen Ökonomen Mahbub ul Haq, dem Gründer des Human Development Reports: "Das wichtigste Ziel von Ent­wick­lung ist es, den Menschen mehr Wahl­mög­lich­keiten im Leben zu eröffnen."

Auf einen Blick

Land: Laos
Auftraggeber: Bun­des­mi­nis­te­ri­um für wirt­schaft­liche Zu­sam­men­ar­beit und Ent­wick­lung (BMZ)
Förderbereich: Berufliche Bildung
   
Geförderte Programme  
   
Bezeichnung des Programms: Vocational Training Programme (VTP)
Politischer Partner:
Ministry of Education and Sports / Department of Technical and Vocational Education
Durchführungsorganisation: KfW
FZ-Zuschuss: 18,5 Millionen Euro
Laufzeit: 2005 bis 2015 (Phase I-IV)
   
Bezeichnung des Programms: Ent­wick­lung humaner Ressourcen beim Aufbau der Markt­wirt­schaft (HRDME)
Politischer Partner: Ministry of Planning and Investment
Durchführungsorganisation: GIZ
Budget: 17 Millionen Euro
Laufzeit: 2004 bis 2014 (Phase I-III)
   
Bezeichnung des Programms: Berufsschullehrerausbildung
Politischer Partner: Department for In­ter­na­tional Co­op­er­a­tion / Ministry of Planning and Investment
Durchführungsorganisationen: GIZ
Budget: 4 Millionen Euro
Laufzeit: 2012 bis 2016

Im Detail

Bildung als Initialzündung

Lexikon der Entwicklungspolitik

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