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Fallstudie Kenia: Ernährungssicherung

Wasser für eine blühende Landwirtschaft

Landschaft mit dem Mount Kenya im Hintergrund

Der Beitrag des Programms "Klein­bewässerung am Mount Kenia" zum Millen­niums­ent­wicklungs­ziel Nr. 1

Kenia – das Land der wilden Tiere in der Masai Mara, dem nörd­lichen Aus­läufer der Seren­geti – hat nicht genug Wasser, um Nahrung für jährlich eine Millio­nen mehr Menschen zu erzeugen. So hoch ist das Bevöl­kerungs­wachs­tum in dem 43-Millio­nen-Staat, der etwa die Größe Frank­reichs hat. Doch nur rund 20 Prozent dieser Fläche ist land­wirtschaft­lich nutzbar. Karge Gras­länder und trockene Sa­van­nen prägen das groß­artige Land­schafts­bild. Kenia liegt in der äqua­torialen Zone, aber Klima und Vege­tation sind nur am Viktoria­see und in der Küsten­zone am indi­schen Ozean tropisch feucht. Aus­reichende Nieder­schläge fallen noch im kühlen, frucht­baren Hoch­land von Zentral­kenia. Hier werden in Höhen­lagen von 1.400 bis 1.800 Meter Kaffee und Tee für den Export angebaut. Die Land­wirt­schaft ist Kenias wichtigster Wirt­schafts­zweig, da 70 Prozent der Ke­nianer von ihr leben.

Verheerende Dürren hemmen die Ent­wick­lung des Landes

Alle zwei bis drei Jahre wird Kenia von Dürren heim­gesucht, die rund 70 Prozent der Landes­fläche erfassen. Das letzte Mal, 2011, mussten 3 Millionen Men­schen im semi­ariden Norden mittels Not­hilfe vor dem Hunger­tod ge­rettet werden.

Aber selbst kleine Schwan­kungen in den Nieder­schlägen führen dort, wo tradi­tionell der Regen­feld­bau mög­lich ist, zu großen Ernte­aus­fällen: Wenn der Regen nach der Aus­saat aus­bleibt, ver­trocknen die Mais­keim­linge auf den Feldern, und die bäuer­lichen Familien müssen hungern.

Doch es ist möglich, die natür­lichen Quellen und Bäche an den Ab­hängen der hohen Berge, den so­genannten "Wassertürmen" Kenias, für die land­wirt­schaft­liche Be­wässerung zu nutzen. So werden die Bauern unab­hängig vom saiso­nalen Regen­fall und können ganz­jährig Feld­früchte an­bauen.

Das neue deutsch-kenia­nische Be­wässerungs­programm

Bäuerin auf einer Plantage in Kenia neben einer Sprenkleranlage. Urheberrecht: photothekNach einem erfolg­reichen Modell­projekt am Fuße des Mount Kenias in den frühen 1980er Jahren hat Deutsch­land gemein­sam mit der kenia­nischen Re­gierung 2005 ein neues, lang­fristi­geres Be­wässe­rungs­pro­gramm be­schlossen. Heute profi­tieren davon schon rund 4.500 klein­bäuer­liche Be­triebe in zwölf Distrik­ten östlich des Mount Kenias. Im Auf­trag des BMZ werden über die KfW die Be­wässerungs­systeme mit­finan­ziert; KfW und GIZ unter­stützen gemein­sam den Aufbau von bäuer­lichen Genossen­schaften, die das Bewässerungs­system in eigener Ver­ant­wor­tung betreiben.

Ziel ist eine nach­hal­tige kleinbäuerliche Be­wässerungs­land­wirtschaft: Eine öko­logisch ver­träg­liche Be­stellung der Felder mit Produk­ten, die sich auf dem Markt gut ver­kaufen lassen und den Bauern zu be­scheidenem Wohl­stand verhelfen – und der Nation zu mehr Nahrungs­mitteln, um ihre wachsende Bevöl­kerung zu ernähren.

Vom Regenfeldbau können die Kleinbauern nicht mehr leben

Praktischer Unterricht für Bäuerinnen und Bauern einer Genossenschaft. Urheberrecht: GIZ / Peterson MugoDie Projekt­region in den Vor­bergen östlich des Mount Kenias ist eine land­wirtschaft­lich intensiv genutzte Zone, weil die vulka­nischen Lehm­böden sehr frucht­bar sind und alles gut wächst, sofern es genug regnet. Die etwa 280.000 Klein­bauern hier gehören nicht zu den Ärmsten des Landes. "Aber was heißt das schon", sagt der Entwicklungs­helfer Jan Stauber: "Die Bauern sind hier von morgens bis abends damit beschäftigt, ein paar Schillinge zusammen zu kratzen". In Höhen­lagen um die 1.000 Meter fallen im Jahres­durch­schnitt nur noch etwa 600 mm Nieder­schläge, "und das reicht in dieser heißen Zone für eine kom­merzielle Land­wirt­schaft nicht aus." Die meisten Klein­bauern können gerade mal die Nahrung für den Eigen­bedarf produzieren, aber kaum Gewinne aus dem Verkauf von Über­schüssen erzielen. So fehlt das Geld für Dünger oder besseres Saat­gut. Und die Ab­hängig­keit vom knappen Faktor Wasser lässt es nicht zu, dass lukra­tive Kul­turen wie etwa Bananen an­gebaut werden können. Hinzu kommt, dass die Höfe durch Auf­teilung unter den Kindern immer kleiner geworden sind und heute oft weniger als ein Hek­tar groß sind.

Das Vorhanden­sein von aus­reichend Wasser macht einen gewal­tigen Unter­schied für die Bauern – es bedeutet den Aus­stieg aus der Armut. Man kann mit relativ einfachen Be­wässerungs­systemen, die ohne Pumpen aus­kommen und allein die Schwer­kraft zum Druck­auf­bau nutzen, in der Region viel er­reichen. Bisher wurden 15 Klein­bewässerungs­systeme in Betrieb genommen, die zusammen 4.500 Höfe mit Wasser zur Bereg­nung von ins­gesamt 1.600 Hektar versor­gen. Bis Mitte 2014 sollen weitere An­lagen zur Be­wässerung von 1.500 Betrieben mit 600 Hektar gebaut werden.

Die Bauern müssen die Hälfte der Bewässerungsanlage bezahlen

Der Bauer Francis Kaai unter den Bananenstauden seiner Plantage. Urheberrecht: GIZ / Jan StauberEin Be­wässerungs­system versorgt im Schnitt 300 klein­bäuerliche Betriebe und kostet rund eine halbe Million Euro. Die Kosten müssen zu 50 Prozent von den Bauern selbst ge­tragen werden, die andere Hälfte übernimmt die kenia­nische Re­gierung. Im Rahmen seiner finan­ziellen Zu­sam­men­ar­beit stellt Deutsch­land Kenia Mittel zur Ver­fügung, um einer­seits den Zu­schuss zahlen zu können, und um anderer­seits Geld an Banken aus­zuleihen, die wiederum zins­vergüns­tigte Dar­lehen vergeben. Die Bauern bedienen die Kre­dite aus ihren höheren Erträgen.

Die Rolle der bäuerlichen Genossenschaften

Die im Modell­pro­jekt gebaute Klein­be­wässerungs­anla­ge funktio­niert seit 30 Jahren. Man hat aber auch aus den Fehlern des damaligen Pro­jektes gelernt und weiß nun, wie wichtig es ist, die Bauern finan­ziell zu beteiligen und ihnen von An­fang an die volle Ver­ant­wor­tung für Betrieb und Wartung "ihrer" An­lage zu über­tragen. In das neue Pro­gramm werden nur Bauern­gruppen auf­ge­nommen, die bereits Eigen­initia­tive gezeigt haben: Auf der Be­werbungs­liste stehen derzeit mehr als 30 interessierte Vereini­gungen. Sie müssen eine Genossen­schaft ge­gründet haben und sie müssen bei der zu­ständigen Behörde die Geneh­migung ein­geholt haben, Wasser ab­leiten zu dürfen; dies wird auch unter dem Gesichts­punkt der Umwelt­verträg­lich­keit geprüft.

Wird die Bauern­gruppe ins Be­wässerungs­programm auf­ge­nommen, beginnt zeit­gleich mit den Bau­arbeiten die Beratung der Genossen­schaft. "Es ist sehr wichtig, dass die Genossen­schaften von Per­sonen ge­leitet werden, die sich für die Gemein­schaft ein­setzen. Und sie brauchen Sach­verstand," berich­tet Stephen Maingi, ein kenia­nischer Projekt­mit­arbeiter, der sich um die Organi­sations­ent­wick­lung kümmert. "Die Genossen­schaften müssen bereit sein, Fach­leute zu be­schäftigen, wie Buch­halter und Tech­niker zur War­tung der Anlage oder Agrar­experten. Damit schaffen sie Arbeits­plätze- und können pro­fessio­neller wirt­schaften."

Die leitenden Genossen­schaft­ler werden nicht nur in guter Ma­nage­ment­praxis ge­schult, sondern auch im Um­gang mit Regel­ver­stößen wie unbe­rechtigtes Wasser­abzapfen. Auch die regel­mäßige Zahlung der Kredit­schulden und der Beiträge sei ein Problem, sagt Maingi: "Das fällt vielen Klein­bauern am Anfang nicht leicht. Hier muss die Gemein­schaft einen Weg finden, wie man an­ge­messen mit säumigen Schuld­nern umgeht."

Landwirtschaftliche Beratung ist das A und O

Unterricht in anbautechnischen Grundlagen. Urheberrecht: GIZ / Peterson MugoDoch mit dem ordent­lichen Betrieb des Be­wässerungs­systems ist es nicht getan: Vom Wasser allein wird keine Pflanze groß. "Die frucht­baren Böden in der Region sind aus­gelaugt. Die Bauern haben kein Geld für Dünger; und ihnen fehlt das Wissen über die gute fach­liche Praxis. Aus Geld­not ver­kaufen sie auch noch die Mais­stoppeln als Vieh­futter, statt die Ernte­rück­stände in den Boden einzu­arbeiten. Dann kann der Boden nichts mehr her­geben", sagt Jan Stauber, der die Ge­nossen­schaften land­wirt­schaft­lich berät. Damit leistet das Vor­haben auch einen Beitrag zum Millenniums­ziel Nr. 7, die natür­lichen Res­sourcen zu schützen. "Der Verlust der Boden­frucht­barkeit ist ein landes­weites Pro­blem, dem sich die keniani­schen Klein­bauern stellen müssen."

Eine weitere He­raus­for­de­rung ist es, die Vermark­tung zu opti­mieren. Denn was nutzt ein gut ge­düngter und bewässerter Boden, wenn Feld­früchte darauf wachsen, die wenig Ge­winn bringen? Dazu müssen die Ge­nossen­schaftler lernen, sich an die Erfor­dernisse des Marktes anzu­passen, unter ökono­mischen Gesichts­punkten den Anbau zu planen und den Absatz der Erzeug­nisse gemein­sam an­zugehen. Das Pro­gramm organi­siert auch hierzu Trai­nings mit regio­nalen Be­ratungs­insti­tutio­nen. Und knüpft damit ein Kontakt­netz zwischen der Ge­nossen­schaft und Land­wirtschafts­behör­den, For­schungs­einrich­tungen, Her­stellern von Dünge- und Pflanzen­schutz­mitteln, dem Land­handel und Finanz­dienst­leistern im länd­lichen Raum, von dem die Klein­bauern auch noch pro­fitieren, wenn das Pro­gramm beendet ist.

Arme Kleinbauern steigen auf zu Landwirten

Mitarbeiterin einer Kaffee-Kooperative in Kenia mit frisch geernteten Kaffeebohnen in den Händen. Urheberrecht: photothekInwieweit die Erträge in den letzten Jahren ge­stiegen sind, darüber gibt es keine verläss­lichen Zahlen– weil die wenigsten Klein­bauern Bücher führen. Das Ertrags-und Ein­kommens­poten­zial ist aber bekannt: "Die Bauern kulti­vieren auf ihren be­wässerten Feldern Bananen, Süss­kartoffeln und Gemüse statt Mais. Damit steigen die Ein­kommen um etwa das Fünf­fache, ein Bauer verdient also mit einem Acre (4.000 m2) unter Be­wässerung 4.000 Euro statt nur 800 Euro im Jahr", rechnet der land­wirtschaft­liche Berater vor.

Dass es in der Projekt­region berg­auf geht, sieht man nicht nur am satten Grün der Bananen­stauden, sondern auch an den neuen Well­blech­dächern, die in der Sonne glänzen. Ein festes Dach über dem Kopf haben, die ein­fache Holz­hütte mit einen Haus aus Stein aus­tauschen: Diesen Wunsch können sich jetzt die beteilig­ten Fa­milien erfüllen. Ein An­schluss ans Strom­netz oder der Ein­satz von Solar­zellen ist der nächste Schritt, der Licht in die Höfe bringt. Noch bevor aber ein Moped an­ge­schafft wird, werden die Kinder zur Schule geschickt. Kürz­lich geführte Inter­views im Projekt­gebiet haben ergeben, dass die klein­bäuer­lichen Familien den Schul­besuch ihrer Kinder sehr ernst nehmen – wenn auch das Schul­geld in Kenia eine erhebliche finan­zielle Belastung für sie darstellt.

Mehr Bildung für Kinder ist aber die beste In­ves­ti­tion in die Zu­kunft. Am steigenden Schul­besuch zeigt sich, dass das Vor­haben einen Beitrag zum Millenniums­ziel Nr. 2, Grund­bildung für alle Kinder, leistet – und die Ar­mut vor Ort direkt und nach­hal­tig im Sinne des Millenniums­ziel Nr. 1 bekämpft: In 6.000 klein­bäuer­lichen Betrieben, die in der Regel Groß­familien sind. Daher rechnet man mit rund 36.000 Menschen, die bis 2014 von dem Pro­gramm profi­tieren werden. Etwa 3.300 land­wirtschaft­liche Arbeits­plätze werden in den Familien­betrieben gesichert; hinzu kommen Land­arbeiter, die saiso­nal beschäftigt werden.

Landes­weit betrachtet hilft das Vorhaben auch, die Nahrungs­mittel­sicherheit in Kenia über eine höhere Nahrungs­mittel­produktion zu vergrößern, und so dem Hunger vorzu­beugen.

Der soziale Prozess ist schwierig, aber wichtig

Die Ent­wick­lung eines funktio­nierenden Gemein­wesens, wie etwa eine Genossen­schaft, ist ebenso wichtig wie schwierig. Denn viele Menschen in Afrika ver­trauen traditio­nell nur ihrer Familie, ihrem Clan. Dem Staat oder anderen Zusammen­schlüssen begegnen die meisten mit Miss­trauen. Gemein­sam an einem Strang ziehen – das will gelernt sein, und es dauert seine Zeit, bis eine Gemein­schaft zusammen­wächst. Aber nur so können für den Einzel­nen un­erreich­bare Ziele, wie ein Feld zu be­wässern, erreicht werden. Es bleibt daher zu hoffen, dass das Genossen­schafts­wesen in Afrika Schule macht. Und immer mehr neue, blinken­de Well­blech­dächer die Land­schaft sprenkeln!

Auf einen Blick

Programm 1
Land: Kenia
Auftraggeber: Bun­des­mi­nis­te­ri­um für wirt­schaft­liche Zu­sam­men­ar­beit und Ent­wick­lung (BMZ)
Förderbereich: Privatsektorförderung in der Land­wirt­schaft in Kenia
Bezeichnung des Programms: Kleinbewässerung im Mount Kenia-Gebiet
Politischer Partner: Republik Kenia, Ministerium für Wasser und Bewässerung (heutiger Name: Ministerium für Umwelt, Wasser und Natürliche Ressourcen)
Durchführungsorganisation: KfW
Budget: Investitionskosten 9,8 Millionen Euro in 3 Phasen, ergänzt durch circa 2,9 Millionen Euro für Begleitmaßnahmen
Laufzeit: 2005 – 2014 in drei ineinandergreifenden Phasen
Programm 2
Land: Kenia
Auftraggeber: Bun­des­mi­nis­te­ri­um für wirt­schaft­liche Zu­sam­men­ar­beit und Ent­wick­lung (BMZ)
Förderbereich: Privatsektorförderung in der Land­wirt­schaft in Kenia
Politischer Partner: Republik Kenia, Ministerium für Wasser und Bewässerung (heutiger Name: Ministerium für Umwelt, Wasser und Natürliche Ressourcen)
Durchführungsorganisation: GIZ
Budget: 1,01 Millionen Euro
Laufzeit: 2005 – 2014 in drei ineinandergreifenden Phasen

Im Detail

Lexikon der Entwicklungspolitik

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