Hauptinhalt

Fallstudie Bangladesch: Ländliche Entwicklung

Wege für Handel und Wandel


Strassenbauarbeiten_Bangladesh

Der Beitrag des Programms "Ländliche Straßen und Märkte in Bang­la­desch" zum Mil­len­ni­ums­ent­wick­lungs­ziel Nummer 1

"Armut sollte nur noch im Museum zu sehen sein", fordert der Frie­dens­nobel­preis­träger Muhammad Yunus. Als Zeugnis für spätere Gene­ra­tionen, die uns an­kla­gen wer­den: "Warum habt ihr dieses Elend solange tole­riert?" Der Öko­nom Yunus, der mit seiner Idee der Mikro­kre­dite für arme Leute die Ent­wick­lungs­poli­tik revo­lutio­nierte, ist der­zeit wohl der be­kann­teste Ver­tre­ter eines der ärm­sten Län­der Asiens: Bang­la­desch.

In dem südasiatischen Land am Golf von Bengalen leben mehr als dop­pelt so viele Men­schen wie in der Bundes­re­pu­blik auf einer Flä­che, die noch nicht mal 40 Prozent unseres Lan­des be­trägt. Mit einer Be­völ­kerungs­dichte von über 1000 Per­sonen/Quadratkilometer ist Bang­la­desch der am dich­testen be­siedel­te Flächen­staat der Erde.

Aus Überschwemmungen werden Flutkatastrophen

Der grösste Teil von Bangladesch ist Schwemmland, unter­halb des Meeres­spie­gels ge­le­gen: Die drei großen Ströme Süd­asiens, der Padma (Ganges), der Jamuna (Brahma­putra) und der Meghna ver­eini­gen sich hier und bil­den das größte Fluss­delta der Erde. Zur Zeit der Schnees­chmel­ze im Hima­la­ya führen diese Flüsse große Wasser­mengen. Die zu­nehmende Ab­hol­zung der Berg­wälder führt zu stei­gen­den Pegel­ständen und immer größeren Über­flu­tungen im Del­ta. Hinzu kommen mon­sunale Über­schwem­mungen in dem sub­tro­pischen Land, die sich zu Kata­strophen aus­wei­ten können: Wenn das sedi­ment­reiche Fluss­wasser zu hoch in den Reis­fel­dern und Ba­na­nen­plan­ta­gen steigt und über Wochen nicht mehr ab­läuft, dann wird aus dem Segen ein Fluch. Außer­dem be­dro­hen tro­pische Wirbels­türme die Küsten­pro­vinzen: Hier, so fürch­tet man, wird der Klima­wan­del mit voller Wucht zu­schla­gen.

Diese natürlichen, durch die Umweltzerstörung aber zu­nehmen­den Über­schwem­mungen machen das Leben in dem über­be­völker­ten Land nicht leicht. Und sie sind ein Grund dafür, dass die 164 Mil­lio­nen Ein­woh­ner ein BIP von 678 US-Dollar pro Kopf und Jahr er­wirt­schaf­ten, das nur 1,5 Prozent des deut­schen BIP ent­spricht. Rund 40 Prozent der Be­völ­ke­rung lebt von weniger als 1,25 US-Dollar täg­lich, per UN-Defi­ni­tion also in extremer Armut.

Auf dem Land herrscht große Armut

Das mit 6 Prozent recht hohe und in den letzten Jahren kon­stan­te Wirt­schafts­wachs­tum in Bang­la­desch wird in den ur­banen Zen­tren er­wirt­schaf­tet, und hier vor allem in einer auf­stei­gen­den Textil­indu­strie. Etwa 70 Prozent der Be­völke­rung aber lebt und ar­bei­tet auf dem unter­ent­wickel­ten Land, als Klein­bauern oder Tage­löhner in der Land­wirt­schaft, die Ar­beits­losig­keit ist sehr hoch. In ent­legenen Pro­vinzen fehlt es an allem: An Schulen und Ge­sund­heits­zen­tren, an be­festig­ten Wegen, stabi­len Brücken und Boots­an­legern, ganz­jährig be­fahr­baren Straßen und an Märk­ten. Fahr­zeuge, ob LKWs oder Rik­schas, ble­iben in der Mon­sun­zeit bis zu den Achsen im Schlamm stecken und können land­wirt­schaft­liche Er­zeug­nisse nicht in die Ab­satz­zen­tren trans­por­tie­ren. Die länd­lichen Märkte versinken bei Regen im Morast. Lebens­mittel ver­rot­ten in maro­den Lager­hallen.

Kann man gemeinsam Wege aus der Armut weisen...

Strassenbauarbeiten_Bangladesh

Bauarbeiten an Straßen im Nordwesten Bangladeschs, die vielfach von mittellosen Frauen durchgeführt werden.

Ja - denn wo es funktionierende Märkte und gute Straßen gibt, kann sich die lokale Wirt­schaft ent­wickeln. Die Zentral­re­gie­rung in Dhaka in­ves­tiert daher in den Aus­bau der länd­lichen Infra­struk­tur. Das na­tio­nale Rural Infra­struc­ture Im­prove­ment Pro­ject (RIIP) wird vom BMZ und der Asia­tischen Ent­wick­lungs­bank (ADB) mit­finan­ziert. Im Auf­trag des BMZ führt die GIZ seit 2006 Maß­nah­men in 23 Di­strik­ten durch, die KfW kon­zen­triert sich auf fünf Dis­trik­te. Part­ner ist das Mini­ste­rium für Lokal­re­gie­rungen, länd­liche Ent­wick­lung und Ko­opera­tiven.

...und Brücken in eine Zukunft ohne Hunger bauen?

In den fünf Distrikten in der Region Rangpur, in denen KfW und GIZ zu­sammen­ar­beiten, leben insgesamt rund 10 Millionen Men­schen. Etwa 6,5 Millionen pro­fi­tieren von fol­gen­den Ver­bes­se­rungen:

  • ganzjährig befahrbare Straßen und funktionierende Märkte:
    Über die KfW hat das BMZ den Ausbau von insgesamt rund 240 Kilometer Straße finanziell und mit technischer Expertise unterstützt. Es galt vor allem, technisches Wissen an lokale Firmen zu vermitteln, damit die Straßen den Überflutungen standhalten. Auf den modernisierten Wegen ist das Verkehrsaufkommen um mehr als das Doppelte gestiegen, Menschen und Fahrzeuge kommen nun wesentlich leichter und schneller voran. Und es lohnt sich jetzt für Kleinbauern, die vorher nur für den Eigenbedarf angebaut haben, ihre Feldfrüchte zum Markt zu transportieren. Auf über 20 renovierten Märkten gibt es nun ordentliche Marktstände, Lagermöglichkeiten für Waren und Toiletten. Die Märkte sind attraktiv und ziehen Verkäufer und Kundschaft an. Einkommen werden erzielt und erhöhen die Kaufkraft in der Region.

  • gute Regierungsführung:
    Die GIZ ist vom BMZ beauftragt, in den Ge­mein­den und zu­stän­digen Be­hör­den die Vor­aus­set­zungen zu schaf­fen, da­mit diese die In­stand­hal­tung von Straßen und Märk­ten fach­lich, orga­ni­sa­to­risch und finan­ziell aus eigener Kraft mei­stern können.

    In den 23 Distrikten, in denen die GIZ tätig ist, wur­den ins­ge­samt über 6.000 Mit­ar­bei­ter der Straßen­bau­be­hör­de fort­ge­bil­det, die für den Unter­halt über­ge­ordne­ter Straßen zu­stän­dig sind. Paral­lel wur­de ein Hand­buch zur War­tung kleiner Straßen er­ar­bei­tet, welches in 133 Pilot­ge­mein­den mit Er­folg ein­ge­setzt wurde und nun landes­weit zur Ver­fü­gung steht. In 107 Ge­mein­den wur­den Komitees ge­bil­det, die den Betrieb der Märkte regeln und die Unter­hal­tung aus den Ge­bühren­ein­nahmen finan­zieren. Die lokale Selbst­ver­wal­tung wurde in 420 länd­lichen Ge­mein­den und Mittel­städ­ten ge­stärkt: Ver­wal­tungs­pro­zesse laufen nun trans­paren­ter ab, das Dienst­lei­stungs­an­ge­bot ist er­wei­tert, und die Bür­ger­innen und Bür­ger wer­den stär­ker in die Ent­schei­dungen mit­ein­be­zo­gen. Viele Ge­mein­den konn­ten ihre finan­zielle Situa­tion über ge­regel­te Steuer­er­hebung und eine gute Budget­pla­nung ver­bessern. Sie zeich­nen sich durch viel mehr Eigen­ini­tia­tive als früher aus.

  • mehr Chancen für arme Frauen:
    Die männ­lich domi­nier­te Ge­sell­schaft in Bang­la­desch ist weit ent­fernt vom drit­ten Millenniums­ziel, der Gleich­stel­lung der Ge­schlech­ter. Darum wurden Frauen in dem Pro­gramm be­son­ders er­mu­tigt, sich Ver­dienst­mög­lich­keiten zu er­schließen.

    In 23 Distrikten wurden insgesamt über 2.500 arbeits­lose Bang­la­descherinnen eingestellt, um Straßen­schä­den aus­zu­bessern und den Pflan­zen­wuchs ent­lang der Wege unter Kon­trolle zu hal­ten. Damit sie ihren Lebens­unter­halt ver­die­nen kön­nen, wurden 230 Frauen im Schnei­der­hand­werk, in der Hühn­er­zucht oder der Rin­der­hal­tung aus­ge­bil­det. Kauf­männische Grund­la­gen wurden an 122 Frauen ver­mittelt; auf den Märk­ten hat man Be­reiche ein­ge­rich­tet, die Händ­lerinnen vor­be­hal­ten sind. Und in den Markt- und Ge­meinde­komi­tees sind nun auch Frauen ver­treten.

Die deutsche Ent­wick­lungs­zu­sam­men­ar­beit konnte bei dem Pro­gramm auf sehr gute Er­fah­rungen mit einem Vor­gän­ger­pro­jekt in 16 Distrik­ten im Westen des Lan­des auf­bauen. Dort erhöhte sich das Ein­kommen der armen Haus­halte um 47 Prozent, während die Ein­kommen in der Ver­gleichs­gruppe, die nicht von den Maß­nahmen profi­tierte, um 11 Prozent sanken. Der Um­satz auf den lokalen Märk­ten stieg durch­schnitt­lich um 43 Prozent.

Beitrag zu weiteren Millenniumszielen

Vom Ausbau der Straßen und Wege profitieren nicht nur Bauern und Händ­ler, sondern auch Kin­der, deren Schul­weg ein­facher wird. Weil die Straßen nun passier­bar sind, können Ge­sund­heits­helfer­innen die Dörfer besser er­rei­chen, und schwan­geren Frauen wird der Weg zum Hos­pi­tal er­leich­tert. Das Pro­gramm lei­stet da­mit einen in­direk­ten Bei­trag zum Ziel 2 "Grund­bil­dung für alle" und Ziel 5 "Gesund­heit von Müttern ver­bessern".

Deutsch­land engagiert sich auch in Zukunft in Bangladesch

Frei nach Professor Yunus - Inves­tiere weise. Beende die Armut! - ist es im Sinne einer nach­hal­tigen Ent­wick­lung, wenn eine Maß­nahme nicht iso­liert durch­ge­führt, son­dern in einen inten­siven Wissens­trans­fer ein­ge­bettet wird. Dabei ist es besonders wichtig, in den Ge­mein­den auf gute Re­gie­rungs­füh­rung hin­zu­wir­ken, die die Bür­gerinnen und Bür­ger mit ein­be­zieht. Regeln müssen ein­ge­führt werden, damit die Einwohner auch lang­fristig einen Nutzen aus guten Straßen und Märkten ziehen können. So wird das Potenzial der Land­be­völke­rung gestärkt, die Armut durch eigene Lei­stung zu über­winden.

Eine Folgephase des Programms im Westen Bangladeschs ist an­ge­lau­fen. Ein be­sonderes Augen­merk wird dabei auf die An­pas­sung der In­fra­struk­tur an den Klima­wandel gelegt, um die ver­letz­lichen Men­schen vor zu er­war­ten­den Natur­kata­strophen zu schützen.

Auf einen Blick

Land: Bangladesch
Auftraggeber: Bun­des­mi­nis­te­ri­um für wirt­schaft­liche Zu­sam­men­ar­beit und Ent­wick­lung (BMZ)
Förderbereich: Ländliche Ent­wick­lung
Bezeichnung des Programms: Ländliche Straßen und Märkte in Bangladesch
Projektträger: Local Government Engineering Department/ Ministry of Local Government, Rural De­vel­op­ment and Co-operatives
Durchführungsorganisationen: KfW und GIZ
Budget: 23,9 Millionen Euro (davon 5,5 Millionen Euro Technische Zu­sam­men­ar­beit und 18,4 Millionen Euro Finanzielle Zu­sam­men­ar­beit)
Laufzeit: 2006 bis 2013

Lexikon der Entwicklungspolitik

Fenster schließen

 

Seite teilen