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Fallstudie Kenia: Erneuerbare Energien

Solarkraftwerke gegen die ländliche Armut

Ein Arbeiter reinigt die Solarmodule der Solar-Hybrid-Anlage in Talek, Kenia.

Um die wirtschaftliche Entwicklung voranzutreiben, strebt Kenias Regierung an, bis zum Jahr 2020 das ganze Land mit Strom zu versorgen. Vor allem für den lange vernachlässigten ländlichen Raum ist das wichtig: Die Landwirtschaft benötigt dringend einen Aufschwung, denn die Landbevölkerung wächst stark. Sie braucht Nahrung, Arbeit und Einkommen, sonst wird die Landflucht weiter zunehmen – und damit auch die Probleme in den stark wachsenden Armutsvierteln der Städte.

Der kenianische Staat kann die Energieversorgung tausender Dörfer und kleiner Städte allerdings nicht allein finanzieren. Darum fördert das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) die Elektrifizierungskampagne der Regierung mit dem Programm "Förderung von Solar-Hybrid-Dorfstromanlagen (ProSolar)". Eine dezentrale Energieversorgung über solarbetriebene "Inselnetze" ist vor allem in den armen und dünn besiedelten Regionen des Landes die kostengünstigste und ökologisch verträglichste Lösung. An Pilotstandorten wird getestet, wie autonome Stromnetze durch private Stromversorger profitabel betrieben werden können. Das Projekt soll als Modell dienen – nicht nur für Kenia, sondern für viele entlegene Gebiete in Afrika.

Am Äquator sinkt die Sonne schnell

Noch einmal glühen kurz die Farben auf und schon ist es stockdunkel in Kenia. Um sieben Uhr abends springen überall auf dem Land lärmende Dieselgeneratoren an und in Millionen von Häusern und Hütten werden Petroleumlampen angezündet. Auf den Nachtmärkten beginnt jetzt der Betrieb: Die von der Arbeit heimkehrenden Menschen beugen sich über spärlich beleuchtete Auslagen. Im Schein von Laternen wird die Ware begutachtet und das Geld abgezählt. Der Geruch von Holzkohlefeuer hängt in der Luft.


Die Hälfte der Haushalte in Kenia hat noch keinen Strom

Mehr als 46 Millionen Menschen leben in Kenia, aber viele haben keinen Stromanschluss, weil das nationale Stromnetz nur die Städte und ihr Umland versorgt. In abgelegenen Regionen ist der Netzausbau zu teuer und die potenzielle Kaufkraft der Kunden zu gering. Dort existieren nur wenige, von klimaschädlichen Dieselgeneratoren betriebene Inselnetze. Der teure Strom aus der Dieselverbrennung wird auch genutzt, um Gesundheitszentren und öffentliche Gebäude mit Strom zu versorgen – sofern nicht schon Solaranlagen zum Einsatz kommen. Viele Primarschulen beispielsweise werden auf Initiative der Regierung bereits mit Solarstrom versorgt. Auch wohlhabende Familien leisten sich Solarsysteme für ihre Häuser, da der Solarstrom rund siebenmal günstiger ist als der Strom aus Erdöl. Insgesamt verfügen aber nur fünf Prozent aller Haushalte im ländlichen Raum über Elektrizität.

"Die meisten Menschen auf dem Lande sind einfach zu arm, um sich diesen Luxus leisten zu können. Damit sind auch ökonomische Aktivitäten, die Strom benötigen und sie aus der Armut führen könnten, von vornherein nicht möglich", sagt Jasmin Fraatz. Sie leitet das Programm ProSolar, das im Auftrag des BMZ von der Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) in Kenia durchgeführt wird.


Große Fortschritte in den vergangenen Jahren

Farmer in Turkana im Norden von Kenia treiben ihre Ziegen an den Photovoltaik-Modulen einer Dorfstromanlage vorbei.

Die kenianische Regierung verfolgt ihr Ziel, die gesamte Bevölkerung mit Energie zu versorgen, mit großer Entschlossenheit: Die Elektrifizierungsrate ist in den vergangenen fünf Jahren von einem Viertel auf die Hälfte gestiegen. "Kenia hat im Energiesektor viel bewegt, im internationalen Vergleich steht das Land außergewöhnlich gut da", erklärt die Energieexpertin Fraatz.

Rückenwind gibt es auch für das deutsch-kenianische Vorhaben, ausgewählte Dörfer und Kleinstädte in den beiden nördlichen Verwaltungsbezirken Turkana und Marsabit mit solarbetriebenen Inselnetzen zu elektrifizieren. Diese dürregeplagte Region an der Grenze zum Südsudan und zu Äthiopien gilt als das Armenhaus Kenias: "In absehbarer Zukunft wird diese Region nicht an das nationale Energienetz angeschlossen werden. Für solche entlegenen Gebiete ist eine dezentrale Energieversorgung die wirtschaftlich beste Lösung. In ganz Kenia betrifft das 20 bis 30 Prozent der Bevölkerung , die man besser über Dorfstromanlagen versorgt", erläutert Maximilian Heyde von der KfW Entwicklungsbank, die gemeinsam mit der GIZ und der kenianischen Regierung das ProSolar-Vorhaben verwirklicht.


Tausende von Dörfern elektrifizieren – wer soll das bezahlen?

Seit die Preise für Photovoltaik-Elemente auf dem Weltmarkt rapide gesunken sind, hat sich die Solarbranche in Kenia gut entwickelt. Zudem ist die Sonneneinstrahlung in Äquatornähe etwa doppelt so hoch wie in Deutschland. In der Theorie ließe sich der ländliche Raum in Kenia also relativ rasch mit Solarparks ausstatten. In der Praxis ist das bisher aber unter anderem an der Finanzierung gescheitert.

Einer Studie der amerikanischen Entwicklungsorganisation USAID zufolge werden rund 1,2 Milliarden US-Dollar benötigt, um etwa 11 Millionen Kenianer abseits der nationalen Stromtrassen mit Solarstrom zu versorgen. Umgerechnet entspricht das einem Preis von knapp 100 Euro pro Person. Einer KfW-Studie zufolge sind die Kosten allerdings höher: Pro Haushalt (mit durchschnittlich fünf Personen) schlägt der Anschluss an ein Inselnetz demnach mit umgerechnet rund 900 Euro zu Buche. Dem Staat fehlt hierfür das Geld, und private Investoren zeigten bisher wenig Interesse, in den unsicheren kenianischen Markt einzusteigen.


Investitionshürden für private Stromversorger sollen fallen

Ziel des Programms ProSolar ist es, Investitionshürden zu beseitigen. Die GIZ berät dazu das kenianische Energieministerium, die ländliche Elektrifizierungsbehörde und die Verantwortlichen in den Verwaltungsbezirken, um einen klar definierten Rahmen für Inselnetze abzustecken. Programmleiterin Jasmin Fraatz: "Der Privatsektor agiert in einem unsicheren Kontext, ohne rechtliche Absicherung. Unklar ist, ob schon existierende Regelungen Anwendung finden und wie die Baugenehmigung der Anlagen und die Lizenzierung ihres Betriebs in der Praxis funktioniert."

Über Politikberatung und Wissenstransfer wurde erreicht, dass die zuständigen Behörden nun auch kleinen Solaranlagen mehr Bedeutung beimessen. An Pilotstandorten wird die Planung, Genehmigung, der Aufbau, Betrieb und die Wartung eines Inselnetzes modellhaft demonstriert: "So kann am Ende ein tragfähiges Betreiberkonzept vorgestellt werden, das wirtschaftlich interessant für private Stromversorger ist", so Fraatz. Ein lebendiger Markt soll entstehen, der die Vision der Regierung, 2020 im ganzen Land auf "Power On" zu schalten, Wirklichkeit werden lässt.


Pilotprojekt Talek leuchtet in der Dunkelheit

Beleuchteter Kolonialwarenladen bei Nacht in Talek, Kenia

Auch der kleine Ort Talek im Verwaltungsbezirk Narok im Süden von Kenia ist derzeit im Blick privater Investoren, die künftig auf die Erzeugung von Solarstrom setzen wollen: "Ihr Interesse ist schlagartig gewachsen, seit die Regierung einen Ort vorweisen kann, an dem ein wirtschaftlicher Betrieb einer solar-hybriden Dorfstromanlage demonstriert werden kann", sagt Pierre Telep.

Der GIZ-Experte hat den Aufbau der Solar-Hybrid-Anlage, die eine Leistung von 50 Kilowatt hat, gemeinsam mit der Deutschen Welthungerhilfe und der Lokalregierung betreut: "Solar-Hybrid-Anlage heißt in unserem Fall, dass eine Photovoltaik-Anlage mit einem Dieselgenerator verknüpft wird. Dieser wird zugeschaltet, wenn die Solaranlage die Stromnachfrage nicht decken kann. Bisher wurde der Dieselgenerator in Talek lediglich an wenigen Tagen während der Regenzeit benötigt", erläutert Telep.

Der Strom wird in ein Mininetz zur Versorgung der angeschlossenen Geschäfte und Haushalte eingespeist sowie in einer Batteriebank für die Nacht gespeichert. Die kleine Geschäftsstraße des Örtchens leuchtet darum jetzt abends und zieht Kunden in die Läden (siehe: "Strom eröffnet Zutritt zur modernen Welt.").


Raus aus der Petroleumfalle

Die gesundheitsschädlichen und im Verbrauch teuren Petroleumlampen durch moderne, sparsame Solar-LED-Leuchten zu ersetzen, sei ein erster Schritt in der Armutsbekämpfung, sagt GIZ-Projektmitarbeiterin Alice Amayo: "Aber erst durch ein solarbetriebenes Inselnetz kann man Strom für produktive Zwecke bereitstellen. In unserem Pilotprojekt werden die Kunden darüber aufgeklärt, wie man den Strom sparsam konsumiert und effektiv nutzt."

Amayo, die für den Bereich "Kommunale Sensibilisierung und Training" zuständig ist, zählt Beispiele auf: "Strom kann genutzt werden für den Betrieb einer Getreidemühle, die Kühlung von Milch, für das Schweißgerät des Schlossers, in der Autoreparaturwerkstatt, in der Schneiderei oder beim Friseur – Elektrizität ist das, was bisher gefehlt hat. Nur so kann eine lokale Wirtschaft überhaupt entstehen! Jetzt können die Geschäfte wachsen, es gibt neue Jobs und eine Perspektive für junge Leute. Sie müssen nicht mehr in die Städte abwandern."


Signalwirkung für private Stromversorger

Die solarbetriebene Dorfstromanlage von Talek im Südwesten Kenias dient als Modell für weitere Dörfer im Norden des Landes.

"Und noch wichtiger als der unmittelbare Effekt vor Ort ist die Signalwirkung, die von ihm ausgeht", betont der Ingenieur Pierre Telep. Zwei Handbücher, die während der Pilotphase gemeinsam mit den Behörden erarbeitet wurden, geben interessierten Unternehmen und Verwaltungsbezirken Hilfestellung bei der Planung und Realisierung weiterer Dorfstromanlagen. Eines unterstützt dabei, passende Standorte zu finden, das andere beschreibt den Prozess der Lizenzierung.

Ein weiterer Erfolg: Zusätzliche Gelder des britischen Departments für Internationale Entwicklung (DfID) konnten eingeworben werden, um die private Wirtschaft beim Bau von weiteren 20 kleinen Dorfstromanlagen zu unterstützen.


Bau und Betrieb der Dorfstromanlagen schafft Arbeitsplätze

Damit der Solarbranche qualifizierte Arbeitskräfte zur Verfügung stehen, fördert das Programm ProSolar auch die Ausbildung von Solartechnikerinnen und -technikern. Dafür wurde an der Universität Strathmore in Nairobi eine 10-Kilowatt-Solar-Hybrid-Anlage zu Demonstrationszwecken installiert. Ferner wurde ein landesweit gültiger Lehrplan erarbeitet und die Kampagne "She Shapes Solar" entwickelt. Sie ermutigt Frauen, sich in der Solarbranche zu engagieren.


Der nächste Schritt: Solarstrom für Kleinstädte

Die KfW Entwicklungsbank nutzt die verbesserten Rahmenbedingungen und die Erfahrungen der GIZ aus Talek, um an elf weiteren Pilotstandorten im Auftrag des BMZ größere, bis zu ein Megawatt starke Solar-Hybrid-Anlagen zu finanzieren. Die ersten drei sollen im Jahr 2017 in Betrieb gehen. Die Orte mit bis zu 50.000 Einwohnern liegen in den Verwaltungsbezirken Turkana und Marsabit. Beide Bezirke haben bereits mit Unterstützung der GIZ Pläne zur Entwicklung des Energiesektors aufgestellt, die den Weg für eine klimafreundliche Energieerzeugung ebnen und die wirtschaftliche Entwicklung voranbringen sollen. Insgesamt sollen in naher Zukunft 32 Dörfer und Kleinstädte in der Region im Rahmen des ProSolar-Programms elektrifiziert werden.


Mehr Wertschöpfung in der Landwirtschaft

Fischer am Turkanasee in Nordkenia

Die Menschen im dürregeplagten Norden Kenias leben größtenteils als Nomaden von der Viehhaltung und von der Fischerei am Turkanasee. "Strom eröffnet hier die Hoffnung auf mehr Ernährungssicherheit und Wertschöpfung in der Landwirtschaft", sagt Maximilian Heyde, Projektmanager der KfW.

In einem kleinen Pilotprojekt wird beispielsweise das Kühlen des Fischfangs erprobt: Eine Solaranlage liefert Energie für einen Gefrierschrank für Kühlelemente, die die Fischer vor dem Auslaufen in Kühlboxen an Bord bringen. Damit verdirbt der Fang nicht mehr so schnell und es können mehr Fische auf dem Markt verkauft werden.

Ein zweites Beispiel sind solarbetriebene Wasserpumpen für den Gemüseanbau: In Zeiten des Klimawandels, der sich im Norden Kenias durch extreme Dürren bemerkbar macht, ist Bewässerungsfeldbau für die Bauern überlebensnotwendig. Hier liegt die Schnittstelle des Energievorhabens mit weiteren Programmen des BMZ zur Entwicklung der Landwirtschaft in Kenia.


Hoffnung und Chance: Afrika überspringt das Kohlezeitalter

Rund 620 Millionen Menschen auf dem afrikanischen Kontinent leben noch im 21. Jahrhundert ohne Strom und damit ohne die Möglichkeit, an der modernen Welt teilzunehmen. Der Energiehunger Afrikas ist groß und seine Befriedigung schafft dringend benötigte Einkommenschancen und Lebensperspektiven für die Menschen auf dem Land.Entscheidend für das Klima ist, ob die neu zu schaffende Infrastruktur auf fossilen oder erneuerbaren Energiequellen aufbauen wird.

Das BMZ unterstützt den massiven Ausbau der dezentralen Versorgung, damit Afrika das Kohlezeitalter überspringen kann. Es liegt damit auf der Linie von Kofi Annan, der als Vorsitzender des Africa Progress Panel 2015 sagte: "Ich glaube, dass die Zeit für Afrika gekommen ist, die globale Vorreiterrolle als erste kohlenstofffreie Supermacht einzunehmen."


Auf einen Blick

Auftraggeber: Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ)

Bezeichnung des Vorhabens: Förderung von Solar-Hybrid Dorfstromanlagen (ProSolar)

Politischer Partner: Ministry of Energy and Petroleum of Kenya

Durchführungsorganisationen: Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) und KfW Entwicklungsbank

Budget: GIZ: 7,5 Millionen Euro (plus 2,1 Millionen Euro aus Mitteln des britischen Departments für Internationale Entwicklung); KfW: 15 Millionen Euro

Laufzeit: 2013 bis 2018


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Weitere Informationen

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Elektrisches Licht ermöglicht das Lernen am Abend: In der Schule von Talek bereitet eine Lehrerin ihre Schüler auf das nationale Examen vor.

Lexikon der Entwicklungspolitik

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