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Stimmen aus dem Projekt

Für Frauen ein großer Schritt in die Eigenständigkeit

Befragung von Frauen, um den Projekterfolg zu bewerten: Verbessert die neue Gesundheitskarte ihre Situation?

"Wenn wir ein gesundheitliches Problem haben, dann informieren wir als erstes unseren Mann oder die Schwiegermutter." Die Frauen, die sich im Gemeindezentrum von Sewah, einem Dorf im Panipat-Distrikt im nordindischen Bundesstaat Haryana, versammelt haben, sind sich einig. "Der Mann muss die Arztkosten bezahlen. Er muss sich Geld von Freunden, den Verwandten oder dem Geldverleiher borgen. Es ist allein seine Aufgabe."

Das deutsch-indische Programm zur sozialen Sicherung hat die Frauenrunde in Sewah organisiert. Denn die Betroffenen selbst können am besten davon berichten, wie hoch die geschlechterspezifischen Hürden für arme Frauen in Indien sind, medizinische Hilfe in Anspruch zu nehmen.

Die Frauen sitzen auf den ausgebreiteten Decken und lauschen gespannt den Fragen des Moderators. Ob sie sich denn nicht selbst Geld leihen könnten, fragt er. Die einhellige Antwort darauf: "Wer leiht einer Frau schon Geld? Eine Frau ist arm! Nur ihr Ehemann gibt Geld für sie aus."

Ohne familiäres Netzwerk keine Hilfe

Die finanzielle Abhängigkeit vom Ehemann sei ein großes Problem, das hätten mehrere solcher Gespräche gezeigt, berichtet die GIZ-Expertin für öffentliche Gesundheit, Sabine Cerceau. Cerceau liefert mit einer Gender-Studie Impulse für ein frauengerechtes Design der neuen Krankenversicherung.

In der Gesprächsrunde befragt der Moderator nun die anwesenden Witwen: "Was tut ihr, wenn ihr krank seid?" – "Nichts. Wir überlassen es Gott." Der Moderator hakt nach: "Wer als alleinstehende Frau über kein familiäres Netzwerk verfügt, kann sich also schlicht keine medizinische Hilfe leisten?" "So ist es", bestätigt eine junge Witwe, zu erkennen an ihrem weißen Sari und dem Fehlen von Schmuck an ihren Armen. "Wir haben keinen Ehemann. Was sollen wir schon tun? Sag uns das. Wenn wir Geld für diese Dinge ausgeben würden, wie könnten wir dann unsere Kinder ernähren? Wie die Ausgaben für den Haushalt meistern? Wir sind doch bloß Arbeiterinnen."


Versicherung schafft Unabhängigkeit

Im Dorf Babail im gleichen Distrikt wurde die Gesundheitskarte vor drei Jahren eingeführt. Auch hier haben sich die Frauen versammelt, um ihre Erfahrungen zu schildern. Sefali Lohar war schwer erkrankt und in ärztlicher Behandlung. Sie beschreibt eindrucksvoll die Wirkung der neuen Krankenversicherung, die ihrer Familie eine existenzielle Sorge genommen hat: "Wenn wir die Versichertenkarte nicht gehabt hätten, hätten wir all unseren Besitz und das Haus verkaufen müssen, um mein Leben zu retten. Oder ich hätte diese Welt verlassen müssen."

Frauen bekommen mit der Versicherungskarte ein Stück Autonomie in die Hand: Weil das System bargeldlos funktioniert, können sie jetzt selbstständig ein Krankenhaus aufsuchen, wenn sie krank sind oder sich eines ihrer Kinder verletzt hat. Eine junge Frau im gelben Sari bringt den großen Fortschritt auf den Punkt: "Eine Frau kann jetzt selbst entscheiden, ob sie ins Krankenhaus geht und sich behandeln lässt. Sie ist nicht mehr auf die Hilfe anderer angewiesen und braucht auch keine Erlaubnis mehr. Niemand wird sie zur Rede stellen – solange sie der Familie keine finanzielle Bürde auflastet."


Lexikon der Entwicklungspolitik

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