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Fallstudie Bolivien: Ernährungssicherheit

"Wir können jetzt günstiger produzieren, und mehr Gewinn einfahren."

Der Pfirsich als neues Markenzeichen einer Region

Bäuerinnen verkaufen auf dem Markt von La Paz frische und getrocknete Pfirsiche aus Camargo.

Die Region Camargo im trockenen Südwesten Boliviens ist für ihre guten Pfirsiche bekannt. Die im Zuge des Klimawandels gestiegenen Temperaturen in Höhenlagen von 2.000 bis 3.500 Meter begünstigen den Obstanbau. Ein Problem ist allerdings der fehlende und nur unzuverlässig auftretende Regen.

"Die Bauern hegen und pflegen ihre Pfirsichbäume auf dem kargen, steinigen Hängen – dennoch sind sie arm. Sie haben meist drei bis vier Kinder, die sie ernähren müssen. Das fällt ihnen zunehmend schwerer, weil die Erträge immer schlechter geworden sind", beschreibt Ramón Ramos die Situation. Ramos ist Agraringenieur beim Vorhaben PROAGRO, das die Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) im Auftrag des Bundesentwicklungsministeriums umsetzt. "Fehlender Regen und plötzlicher Frost führen immer wieder zu großen Ernteverlusten – im Jahr 2015 wurde in einigen Dörfern bis zu 50 Prozent weniger geerntet!"

Pilotprojekt zur Mikrobewässerung

Landwirt Grover Caracoles zeigt die Wasserleitungen, die seine Pfirsichbäume tröpfchenweise bewässern.

Um aufzuzeigen, wie man das Problem lösen kann, wurde in zwei Dörfern auf drei Demonstrationsflächen eine Sprinklerbewässerung eingeführt. Dort leben insgesamt 122 kleinbäuerliche Familien, die auf rund 70 Hektar Tausende von Pfirsichbäumen gepflanzt haben.

In der traditionellen Form der Bewässerung wird das Wasser mittels Kanälen durch das Gebiet geführt und mit Hilfe von Spaten umgeleitet. "Je steiler das Gelände ist, desto schwieriger ist es, das Wasser zu kontrollieren. Die Anwesenheit von zwei oder mehr Personen ist nötig", erläutert der Agraringenieur. ​"Jetzt wird das Wasser durch Rohre geleitet und kommt durch Mikrosprinkler zur Anwendung."

Grover Caracoles pflanzt seit über sieben Jahren Pfirsichbäume, inzwischen hat er fast 600. Der Bauer beschreibt die Vorteile des neuen Bewässerungssystems: "Früher musste ich den ganzen Morgen das Wasser lenken. Jetzt öffne ich das Ventil und komme 40 Minuten später wieder, nachdem ich woanders gearbeitet oder einen Kaffee getrunken habe." Außerdem benötigt er zur Bewässerung seiner Bäume nur noch etwa halb so viel Wasser wie vorher. Mit der gleichen Menge kann er nun also häufiger bewässern oder die Anbauflächen erweitern.


Verbesserungen bei der Erntetechnik

Neue Körbe verringern die Ernteverluste – Landwirt Caracoles (links) probiert sie aus.

Damit sich der Pfirsichanbau für die Kleinbauern lohnt, müssen sie außerdem ihre Verluste bei Ernte und Transport deutlich verringern. Dies gelingt zum Beispiel durch die Einführung von gepolsterten Erntekörben. Caracoles demonstriert, wie man sich den Korb um den Oberkörper schnallen kann: "Früher haben die Erntehelferinnen und -helfer die Pfirsiche in Eimern oder Säcken eingesammelt. Wie oft sind die umgefallen und die Pfirsiche den Hang heruntergekullert!"

Jetzt kann mit beiden Händen gepflückt werden. "Das spart enorm viel Arbeitszeit und halbiert unsere Erntekosten. Statt zwei Erntehelfer einzustellen, können wir als Familie die Ernte nun selbst erledigen", bestätigt sein Nachbar, der Landwirt Jaime Ortega, zufrieden. "Wir können jetzt günstiger produzieren, und – bei gleichen Marktpreisen – mehr Gewinn einfahren."


Werbekampagne und Eigenvertrieb

Auch die Vermarktung der Früchte wurde verbessert: Die Erntesaison wird jetzt mit Werbekampagnen in La Paz angekündigt, um beim Verbraucher den Wunsch nach der schmackhaften und gesunden Frucht zu wecken. "Pfirsiche aus Camargo" sind inzwischen in ganz Bolivien bekannt. Die Absätze steigen.

"Normalerweise verkaufen die Bauern ihre Pfirsiche an Händler ab Hof – mit geringem Verhandlungsspielraum. Im Rahmen der Kampagne haben sich die Bauern organisiert, zusammen mit der Gemeinde einen Kleintransporter gemietet und ihre Ware in neuen Kartons mit Herkunftsbeschreibung direkt in der Hauptstadt auf dem Markt verkauft", erklärt Maria Fernanda Royuela. Sie hat im Rahmen von PROAGRO die Werbekampagne betreut. Für die Bauern ist die neue Vertriebsform ein gutes Geschäft. "Wir hatten fast 30 Prozent Gewinn!", bestätigt am Ende des Markttages ein Bauer, der zusammen mit seiner Frau am Verkaufsstand steht.

Höhere Einnahmen verzeichnen die Bauern auch bei Trockenpfirsichen. Durch ein verbessertes Verfahren, das die Sonnenenergie nutzt, können die Früchte nun schneller getrocknet werden und behalten ihre ansehnliche Farbe. Trockenpfirsiche sind die wichtigste Zutat des Nationalgetränks "Mocochinchi", das die Regierung unter Präsident Evo Morales als Alternative zur Cola bewirbt.


Beregnung schützt das Obst vor Frost

Nur der plötzlich auftretende Frost bereite noch Sorgen, berichtet Agrarexperte Ramos: "Wir arbeiten an einem Frühwarnsystem, das die Beobachtungsgabe der Bevölkerung nutzt, da meteorologische Daten nur in begrenztem Umfang zur Verfügung stehen." Wenn über Nacht Frost droht, kann man die Bäume rechtzeitig mit Hilfe der Sprinkleranlage mit Wasser besprengen, um die Blüten vor dem Erfrieren zu retten. "Momentan zünden die Bauern noch kleine Feuer in den Feldern an."


Lexikon der Entwicklungspolitik

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