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Fallstudie Bolivien: Ernährungssicherheit

Altes Wissen, neue Techniken – Bewässerung sichert bäuerliche Existenzen

Landwirt Grover Caracoles zeigt die Wasserleitungen, die seine Pfirsichbäume tröpfchenweise bewässern.

Der Klimawandel verschärft die Probleme bolivianischer Bauern, dem Boden Nahrung abzugewinnen. In den vergangenen Jahren ist ihre Ernte immer öfter verhagelt, von Fluten weggeschwemmt worden oder auf den Feldern verdorrt. Damit nicht noch mehr kleinbäuerliche Existenzen vernichtet werden, fördert das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) die Landwirtschaft des Andenstaates. Deutschland unterstützt damit die Bestrebungen der bolivianischen Regierung, die landwirtschaftliche Produktion nachhaltig zu erhöhen und die Ernährung der Bevölkerung langfristig zu sichern.

Die im Folgenden beschriebenen Entwicklungsprogramme der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) ("PROAGRO") und der KfW Entwicklungsbank ("SIRIC") zielen darauf ab, den Bewässerungsfeldbau auf wassersparende Techniken umzustellen und ihn auszuweiten. Mehr als 12.000 bäuerliche Betriebe profitieren bereits davon. Die Maßnahmen helfen, Bolivien auf weitere Klimaveränderungen vorzubereiten.

Extreme Wetterereignisse nehmen zu

Blick auf La Paz und die schneebedeckten Anden

"Die Berge in den südamerikanischen Kordilleren verlieren ihre weißen Ponchos." So poetisch formulierte es vor Jahren der bolivianische Präsident Evo Morales.

"Die Gletscherschmelze ist das sichtbarste Element des Klimawandels." So nüchtern beschreibt der Leiter des bolivianischen Gebirgsforschungsinstituts, Dirk Hoffmann, die Situation. Wenn die globale Erwärmung und die Entwaldung des Amazonas weiter voranschreiten, prophezeit er, werde der Titicacasee austrocknen und der Millionenstadt La Paz das Trinkwasser ausgehen.

Da exakte meteorologische Daten fehlen, gibt es noch keine verlässlichen Klimamodelle für Bolivien – aber eindeutige Beobachtungen: Extreme Wetterereignisse wie Dürren und Überflutungen, die es im Zusammenhang mit dem "El Niño"- und "La Niña"-Phänomen schon immer gab, sind in den vergangenen Jahren häufiger aufgetreten. Die Trockenzeit ist tendenziell länger als früher, während die Regenzeit kürzer, dafür aber intensiver ausfällt.

Starkregenfälle reißen den trockenen Boden auf, tragen die Erde an Berghängen ab und führen zu Überflutungen im Tiefland. Das hat schon vielen Menschen das Leben gekostet und immense Schäden angerichtet. Im trockenen Hochland dagegen bedrohen die Ernteausfälle die Existenz der Kleinbauern und zwingen sie zur Arbeitsmigration – eine meist von Männern gewählte Möglichkeit, Einkommensverluste auszugleichen und der Armut zu entfliehen.


Frauen tragen die doppelte Arbeitslast

"Es bleibt mir keine Zeit für etwas anderes außer Arbeit." Diese Worte einer Bäuerin bringen die Ergebnisse einer Weltbankstudie zu den Auswirkungen des Klimawandels auf die Geschlechterrollen im ländlichen Bolivien auf den Punkt . Wie viele andere Frauen, deren Männer, Brüder oder Söhne auf der Suche nach Arbeit das Dorf verlassen haben, muss die Bäuerin allein zurechtkommen. Durchschnittlich elf Stunden arbeiten die Frauen täglich auf den Feldern und daheim, um die Kinder zu ernähren, den Haushalt zu führen und die Alten zu versorgen. Sie müssen die Arbeitslast der Männer mittragen, die in die Städte ziehen oder sich in Minen verdingen, als Holzfäller oder Lastwagenfahrer arbeiten.


Große Armut auf dem Land

Mühsame Handarbeit: Ein Bauer bereitet den Boden für die Terrassierung vor.

Der Andenstaat Bolivien ist rund dreimal so groß wie Deutschland, die Hälfte der Landesfläche ist mit Wald bedeckt, rund ein Drittel wird landwirtschaftlich genutzt, überwiegend als Weideland. Nur auf vier Prozent des Landes wird Ackerbau betrieben.

Die Produktivität der Landwirtschaft ist sehr niedrig und die ländliche Armut dementsprechend hoch. Etwa 60 Prozent aller Bolivianer, die auf dem Land leben, fallen unter die nationale Armutsgrenze. Zu den Wohlhabenden zählen die Großbauern im Tiefland, die ihre Viehweiden und Sojaplantagen immer weiter in den amazonischen Regenwald ausdehnen und vorwiegend für den Export produzieren. Die Ernährung der bolivianischen Großstädte sichern kleine und mittlere Betriebe, die in den fruchtbaren Tälern am Fuße der Anden Obst und Gemüse, Kartoffeln, Getreide und Reis anbauen.

Auf den kargen Ebenen des Altiplano, in den abgelegenen Tälern mit ihren steilen Berghängen und in der trockenen Savannenlandschaft des Gran Chaco im Südosten des Landes war das Leben schon immer hart. Seit Jahrtausenden mühen sich hier die Bauern ab, um der geheiligten "Pachamama" (Mutter Erde) Feldfrüchte wie Kartoffeln, Mais oder das "Inkakorn" Quinoa abzugewinnen. Oft sind es sehr arme indigene Familien, die nach traditionellen Methoden nur für den Eigenbedarf produzieren.


Wasser wird immer kostbarer

Moderne Feldbewässerung mittels wassersparender Sprinkleranlagen ermöglicht gute Erträge im Projekt Villa Serrano im Departement Chuquisaca, Bolivien

Klimaprognosen gehen davon aus, dass zukünftig der Regen in Bolivien unregelmäßiger kommen und immer öfter ganz ausbleiben wird. Trockenfeldbau wird schwieriger werden, die künstliche Bewässerung dagegen an Bedeutung gewinnen. Oberstes Ziel ist daher, die vorhandenen Wasserressourcen besser zu schützen und effizienter zu nutzen.

Deutschland berät Bolivien bei der Erarbeitung eines Gesetzes zum nationalen Bewässerungsplan und unterstützt den Schutz und das Management von Wassereinzugsgebieten. Dabei wird stets die örtliche Bevölkerung eingebunden. In erster Linie geht es um die Verhinderung von Bodenerosion an Bächen und Flüssen im Hochland und um die Zurückgewinnung bereits verloren gegangener Flächen.

Am Oberlauf der Flüsse wird wiederaufgeforstet, Hecken werden gepflanzt, Hänge terrassiert und mit Trockenmauern abgestützt. So sollen gefährliche Erdrutsche und Überschwemmungen im Tiefland verhindert werden.


Wasserreservoirs wie zu Zeiten der Inkas

Wasserreservoir für Mikrobewässerung in der Region Camargo (Bolivien)

Um für Dürrezeiten vorzusorgen, werden kleine Staudämme und Wasserreservoirs angelegt. Schon die Inkas bauten Sammelbecken für das Regenwasser und leiteten es auf tiefer gelegene Felder. Auch heute noch werden die Wasserbecken oft von den Kleinbauern mit der Hand gegraben. Wassersparende Bewässerungssysteme sorgen dann dafür, dass die bisherigen hohen Wasserverluste eingedämmt werden. Denn im konventionellen Bewässerungslandbau wird weniger als die Hälfte des Wassers tatsächlich genutzt: Der Rest verdunstet oder versickert aus undichten Kanälen.


Fortschritt durch Tröpfchen- und Sprinklerbewässerung

Sprinklerbewässerung einer Obstbaumplantage in Camargo (Bolivien)

"Die Felder werden nicht mehr wie früher einfach überschwemmt. Die Pflanzen werden jetzt mit einem Rohrsystem gezielt versorgt. Das spart Wasser – und steigert die Wassereffizienz um fast das Doppelte", berichtet der Agraringenieur Erik Arancibia, der im Rahmen des PROAGRO-Programms beim Anbau von Pfirsichen im Südwesten Boliviens berät (siehe: "Wir können jetzt günstiger produzieren, und mehr Gewinn einfahren."). "Vom landwirtschaftlichen Standpunkt betrachtet, können die Bäume ihre Wurzeln im Boden breiter verteilen, was eine bessere Aufnahme der Nähstoffe erlaubt und zur Steigerung der Produktion beiträgt. Und im Staubecken kann mehr Wasser für extreme Trockenzeiten aufgespart werden."


Neue Anbaumethoden, bessere Vermarktung

Mit der Bereitstellung von Bewässerungssystemen allein sei es aber nicht getan, fährt Agraringenieur Arancibia fort: "Es geht auch immer um ökologisch verträgliche Anbaumethoden und um eine gewinnbringende Vermarktung. Nur so lassen sich die Produktion und das Einkommen der Bauern nachhaltig steigern."

Die im Zuge des Klimawandels gestiegenen Temperaturen im Hochland haben einen Vorteil: Die Bauern können dort jetzt auch Pflanzen anbauen, die früher nur in den Tälern wuchsen. So ist es beispielsweise möglich, in den Hochlagen Pfirsiche und Erdbeeren, Quinoa oder Blumen zu kultivieren, die auf den Märkten hohe Preise erzielen (siehe: "Wir bauen jetzt zwei- bis dreimal im Jahr Kartoffeln an!").


Kleinstbewässerung sichert Ernährung kleinbäuerlicher Familien

Effizienter Wassereinsatz und nachhaltige Anbaumethoden sichern auch das Überleben der Bauern, die Subsistenzwirtschaft betreiben, also vorrangig nur die eigene Familie versorgen. Dies sieht man in der Projektregion Nord-Potosí, wo von 2005 bis 2014 mehr als 500 Bewässerungsanlagen für rund tausend bäuerliche Betriebe entstanden.

Eine Studie belegt, dass sich die Ernährung der Familien offenkundig verbessert hat: 83 Prozent der im Projektgebiet erzeugten Lebensmittel werden verzehrt, 17 Prozent sind Überschuss. Die Bäuerinnen berichten, dass sie jetzt frisches Gemüse in ihren Hausgärten ziehen können. Das bereichert den bisher oft einseitigen Speiseplan und bringt ihnen etwas Bargeld ein, wenn sie es auf dem Markt verkaufen.


Enge Einbindung aller Beteiligten

Mit eigenen Händen helfen die späteren Nutzer beim Bau eines Bewässerungskanals.

Die bisherige Bilanz der beiden Entwicklungsprogramme kann sich sehen lassen: 12.400 bäuerliche Betriebe bewässern nun 14.700 Hektar Fläche. "Hinter diesen Zahlen stehen unsere Bemühungen, Planungsprozesse gemeinsam zu gestalten", betont Christoph Klinnert, Leiter des PROAGRO-Programms, das die GIZ im Auftrag des BMZ in den fünf Departements Cochabamba, Chuquisaca, Potosí, Tarija und Santa Cruz durchführt.

Auf nationaler Ebene ging es zunächst um die Abstimmung zwischen dem Umwelt- und dem Landwirtschaftsministerium, anschließend mussten die Pläne der Nationalregierung dann mit den Vorstellungen der Departementregierungen und den Wünschen der Gemeinden in acht Projekttälern in Einklang gebracht werden. "Alle mussten an einen Tisch gebracht werden, das war nicht einfach", so Klinnert. "Aber es funktioniert nur mit einem ganzheitlichen Ansatz. Der lehrt, über den eigenen Sektor, den eigenen Zuständigkeitsbereich, die eigenen Interessen hinaus auf das Ganze zu blicken – auf alle Prozesse in einem Wassereinzugsgebiet."

Hinter dieser Bilanz stehe auch das große Engagement der örtlichen Bevölkerung, ergänzt Carmiña Antezana von der KfW, die im Auftrag des BMZ das bolivianische Bewässerungsprogramm SIRIC in den Departements Chuquisaca, Cochabamba und Santa Cruz finanziell unterstützt: "Die Bewässerungsprojekte sind partizipativ ausgerichtet. Ob es um den Bau von fünf mittelgroßen Staudämmen, von Bewässerungskanälen oder um die Bepflanzung zum Erosionsschutz geht: Die Nutzergruppen entscheiden gemeinsam mit den Gemeinden. Sie planen die Maßnahmen selbst, arbeiten beim Bau mit und sind für den Erhalt verantwortlich."


Sichere Einkommen – Ausstieg aus der Armut

Mit der Einführung der wassersparenden Bewässerung konnte der Anbau von Gemüse und Obst im Rahmen der Projekte um bis zu 20 Prozent gesteigert werden. Das jährliche Einkommen der Kleinbauern, die zwischen einem und drei Hektar bewirtschaften, konnte teilweise verdoppelt werden. "Mit dem zusätzlichen Geld können die Kinder zur Schule geschickt werden. Es kann etwas für schlechte Zeiten zurückgelegt werden. Und es bleibt etwas übrig, um es in den Hof zu investieren. Damit sichern sie ihre Existenz!", berichtet Agrarexperte Klinnert.


Familien und dörfliche Gemeinschaften zerbrechen nicht

Es gehe aber auch um Kultur und Gesellschaft und um den Erhalt familiärer Strukturen und indigener Gemeinschaften, schreibt der Journalist Leonard Goebel. Er reiste 2015 mehrere Wochen durch Bolivien, um die Folgen des Klimawandels zu protokollieren, und besuchte auch das GIZ-Projekt.

Sein nachdenkliches Fazit: "Wann immer ich mit Bauern über die Abwanderung vom Land in die Städte gesprochen habe, waren es Gespräche über Trauer und Sorgen, nicht über Hoffnung und Freude. Es mag sein, dass ihnen das Leben in der Stadt rein finanziell zu mehr Wohlstand verhelfen würde. Doch für viele ist das nicht mit Lebensqualität gleichzusetzen. Vielleicht ist es also sinnvoll, Bewässerungssysteme zu verbessern, neue Pflanzen zu züchten oder Gebiete vor dem Austrocknen zu bewahren."


Auf einen Blick

Programm der technischen Zusammenarbeit:

Auftraggeber: Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ)
Bezeichnung des Programms: Nachhaltige landwirtschaftliche Entwicklung in Bolivien – PROAGRO
Politischer Partner: Ministerium für Entwicklungsplanung (Ministerio de Planificación del Desarrollo)
Durchführungsorganisationen: Umwelt- und Wasserministerium (Ministerio de Medio Ambiente y Agua) und Landwirtschaftsministerium (Ministerio de Desarrollo Rural y Tierras);
Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ)
Budget: 10 Millionen Euro, Aufstockung 2015: 2 Millionen Euro, zusätzlich eine Kombifinanzierung durch Swedish International Development Agency (SIDA) in Höhe von 2,4 Millionen Euro
Laufzeit: Juli 2014 bis Juni 2017

Programm der finanziellen Zusammenarbeit:

Bezeichnung des Programms: Nationales Bewässerungsprogramm – SIRIC
Politischer Partner: Ministerium für Entwicklungsplanung (Ministerio de Planificación del Desarrollo)
Durchführung: Umwelt- und Wasserministerium (Ministerio de Medio Ambiente y Agua) in Zusammenarbeit mit den Regionalregierungen;
KfW Entwicklungsbank
Budget: 29,2 Millionen Euro, davon 23,4 Millionen Euro aus Mitteln der finanziellen Zusammenarbeit
Laufzeit: SIRIC I: 2006 bis 2016; SIRIC II: 2013 bis 2018


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Bäuerinnen verkaufen auf dem Markt von La Paz frische und getrocknete Pfirsiche aus Camargo.

Lexikon der Entwicklungspolitik

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