Situation und Zusammenarbeit
In Bangladesch leben etwa 156 Millionen Menschen auf einer Fläche von nur 144.000 Quadratkilometern – das entspricht in etwa der doppelten Größe von Bayern. Das Land ist damit der Flächenstaat mit der weltweit höchsten Bevölkerungs-
dichte. Das Bevölkerungs-
wachstum liegt bei etwa 2 Prozent im Jahr und ist damit zu hoch für die begrenzten natürlichen Ressourcen des Landes. Infolge der Überbevölkerung müssen viele Menschen in Gebieten leben, die bei Überschwemmungen keine Sicherheiten bieten, wie zum Beispiel die stark erosionsgefährdeten Flussinseln.
Trotz eines beachtlichen Wirtschaftswachstums ist Armut weit verbreitet. Vor allem Kinder und Frauen sind von – überwiegend saisonaler – Mangel- und Unterernährung betroffen. Zu den Gründen für die schlechte Versorgungslage gehören der Mangel an Ackerland und die hohe Arbeitslosigkeit. Nach Berechnungen der Weltbank müssten jährlich mehr als zwei Millionen Arbeitsplätze neu geschaffen werden, um die stetig wachsende Bevölkerung produktiv einzusetzen. Diese Zahl wird zurzeit bei weitem nicht erreicht.
Ein sehr großer Teil der Beschäftigten arbeitet in der Landwirtschaft, dort können keine weiteren Stellen geschaffen werden.
Der größte industrielle Sektor des Landes ist die Textilindustrie. Insgesamt arbeiten hier mehr als zwei Millionen Menschen – 90 Prozent von ihnen sind Frauen. Etwa 15 Millionen weitere Arbeitsplätze sind direkt oder indirekt von der Textilindustrie abhängig. Als Wirtschaftssektor
mit großem Wachstumspotential wird – auch von ausländischen Investoren – die aufstrebende Werftenindustrie im Süden des Landes angesehen.
Problematisch sind nach wie vor die schwach entwickelte Infrastruktur, Engpässe in der Energieversorgung und ein geringes Ausbildungsniveau. 53 Prozent der Gesamt-
bevölkerung sind Analphabeten, bei den Frauen liegt der Wert noch wesentlich höher. Hintergrund: Der Staat schafft es bisher nicht, genügend Schulen bereit zu stellen. Deshalb gibt es zahlreiche private oder von Nichtregierungsorganisationen geleitete Schulen.
Probleme und Chancen
Die wirtschaftliche und soziale Entwicklung von Bangladesch wird auch durch Defizite im Bereich Good Governance gehemmt. Im Vorfeld der für Januar 2007 geplanten Parlamentswahlen kam es zu Unruhen und gewaltsamen Auseinandersetzungen. Am 11. Januar 2007 rief der Staatspräsident den Ausnahmezustand aus und setzte eine parteipolitisch neutrale Übergangsregierung ein. Sie genießt in der Bevölkerung Ansehen – weil sie gegen Korruption vorgeht und die öffentliche Ordnung wieder hergestellt hat. Auch Judikative und Exekutive konnten von ihr weitgehend getrennt werden. Weitere Reformen sollen die Demokratie im Land nachhaltig stabilisieren. Die Lage hat sich so weit beruhigt, dass freie und faire Wahlen vorbereitet werden.
Auch wenn das Land unter der Übergangsregierung Fortschritte erzielt hat, sind viele Probleme weiterhin ungelöst. Dazu gehören die unbefriedigende Lage der Menschenrechte, politisch motivierte Gewalt und die immer noch allgegenwärtige Korruption. Auf dem Korruptionsindex der Nichtregierungsorganisation Transparency International zählt Bangladesch zu den Schlusslichtern: Das Land nimmt Rang 162 von 179 untersuchten Staaten ein.
Neben den politischen Konflikten sind auch die zunehmenden Umweltschäden ein Problem für Bangladesch. Sie sind die Folge von Naturkatastrophen, Überbevölkerung und Armut. Durch Bodenerosion und Abholzung werden Wälder, Feuchtgebiete und landwirtschaftliche Nutzflächen zerstört. Hinzu kommt, dass ein Teil des Trinkwassers durch natürliche Arsenvorkommen verseucht ist. Der Langzeitkonsum des verseuchten Wassers verursacht Krankheiten der Haut und der inneren Organe, die zu Krebs führen können.
Die zunehmende Migration in die Städte führt zu Wohnungsnot, städtischer Armut und hygienischen Missständen. Die unkontrollierte Zunahme des Verkehrs und der industriellen Produktion belastet die Umwelt. Das Wasser wird durch Industrie- und Haushaltsabwässer verschmutzt.
Trotz dieser Probleme hat Bangladesch wirtschaftliche Entwicklungspotenziale: Für die Landwirtschaft haben sich zum Beispiel durch den Anbau von Winterkartoffeln neue Perspektiven ergeben. Durch eine verbesserte kommunale Regierungsführung, optimierte Produktionsmethoden, die Bereitstellung von Krediten und den Ausbau der Infrastruktur kann die Wirtschaft im ländlichen Raum modernisiert werden.
Besonders wichtig für die
100 Millionen Landbewohner ist der Ausbau des Straßen- und Wegenetzes.
Die Verkehrswege er-
möglichen den Austausch
von Waren und Dienst-
leistungen. Bisher sind nur wenige Straßen das ganze Jahr hindurch befahrbar. Darum können die meisten Landwirte ihre Produkte während der Regenzeit nicht zu den Märkten transportieren. Auch die Märkte selbst sind regelmäßig überschwemmt und nicht nutzbar, gelagerte Waren verderben. Die deutsche Entwicklungszusammenarbeit fördert deshalb den Ausbau lokaler Straßen und Märkte und berät ihre Nutzer und Betreiber.
Entwicklungschancen bietet auch der private Industrie- und Dienstleistungssektor. Entscheidende Wachstumsimpulse können vor allem von den Bereichen Informationstechnik, Lederverarbeitung, Feinwerktechnik und Fischerei sowie von der chemischen und pharmazeutischen Industrie ausgehen. Schon heute decken zum Beispiel die etwa 150 Pharmabetriebe des Landes fast den gesamten inländischen Bedarf und exportieren ihre Produkte in mehr als 60 Länder, ihre Exportrate wächst jedes Jahr um etwa 40 Prozent.
Schwerpunkte der deutschen Entwicklungszusammenarbeit
Bei den Regierungsverhandlungen im April 2008 hat Deutschland Bangladesch insgesamt 51 Millionen Euro für die Jahre 2008 und 2009 zugesagt. Die Kooperation der beiden Staaten konzentriert sich in Zukunft auf die folgenden drei Schwerpunktbereiche:
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Reform des Gesundheitswesens, Familienplanung und HIV/AIDS
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Energieeffizienz und erneuerbare Energien
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Gute Regierungsführung, Menschenrechte und Kommunalentwicklung
Oberstes Ziel der Zusammenarbeit Deutschlands mit Bangladesch ist die Bekämpfung der Armut. Im Oktober 2005 hat Bangladesch dazu ein umfangreiches Strategiepapier (PRSP) vorgelegt. Dieses von der Weltbank und der internationalen Gebergemeinschaft unterstützte Programm strebt die Reduzierung der Armut durch eine marktwirtschaftliche Liberalisierung, die Förderung des Agrar- und Industriesektors und den Ausbau der Infrastruktur an. Die ländliche Entwicklung soll verstärkt und den Prinzipien von Good Governance mehr Geltung verschafft werden.
Die Regierung von Bangladesch wird von der Bundesrepublik bei der Optimierung städtischer Verwaltungen und der Förderung ländlicher Wirtschaftsräume unterstützt. Zentrale Aufgaben der Zusammenarbeit sind die Verbesserung der rechtlichen und sozialen Stellung von Frauen und Minderjährigen und die Umsetzung internationaler Arbeits- und Sozialstandards. Darüber hinaus hält das BMZ für die jährlich auftretenden Hochwasser und deren immensen Folgeschäden Nothilfemittel bereit.
Reform des Gesundheitswesens, Familienplanung und HIV/AIDS
Die medizinische Versorgung in Bangladesch ist unzureichend. Dieses Problem belastet vor allem arme Bevölkerungsgruppen, die sich keine privaten Gesundheitsangebote leisten können. Zur Verbesserung der Situation beteiligt sich Deutschland am umfassenden Sektorprogramm "Gesundheit, Ernährung, Familien-
planung" (Health, Nutrition, and Population Sector Program, HNPSP). Die Federführung haben dabei die Regierung Bangladeschs und die Weltbank übernommen. Schwerpunkte des deutschen Beitrags sind die Finanzierung von Projekten im Bereich der Familienplanung sowie die Unterstützung bei der Wirkungskontrolle und Steuerung des Programms. Die Bundesrepublik engagiert sich zudem für die AIDS-Prävention in den größeren Städten des Landes und die Entwicklung eines nationalen Konzepts zur Bekämpfung von HIV/AIDS.
Die Mittelzusagen sind an einen Reformplan für das Gesundheitssystem gebunden, den Bangladesch der Gebergemeinschaft vorlegen muss. Schwerpunkte der Reformen sind die Dezentralisierung der Gesundheitsbehörden, mehr Autonomie für die Krankenhäuser, die Verbesserung der Gesundheitsversorgung für die Armen, eine Strategie zur Bereitstellung lebenswichtiger Medikamente und der Aufbau eines Krankenkassensystems.
Energieeffizienz und erneuerbare Energien
Weil neue Kraftwerke fehlen, befindet sich Bangladesch in einer ernsten Energiekrise. Der tägliche Strombedarf liegt bei 5.200 Megawatt, produziert werden jedoch maximal 4.000. Diese Versorgungsengpässe führen zu häufigen Stromausfällen. Nur 38 Prozent der Bevölkerung haben Zugang zu elektrischer Energie, in ländlichen Gebieten sogar nur 15 Prozent.
Der Energiesektor wird von einem staatlichen nationalen Unternehmen, dem Bangladesh Power Development Board, dominiert. Im Zuge der Reform des Stromsektors entstanden in ländlichen Gebieten privatwirtschaftlich organisierte Stromverteilungskooperativen. Sie arbeiten unter dem Dach des Rural Electrification Board. Mit Zustimmung der Regierung haben sie eine Kraftwerksgesellschaft gegründet, die sehr leistungsfähig ist. Außerdem gibt es eine eigene Gesellschaft zum Betrieb und Ausbau des Leitungsnetzes. Die Gründung einer unabhängigen Regulierungsbehörde wird vorbereitet.
Deutschland unterstützt Bangladesch bei der Reform des Stromsektors. Einen weiteren Schwerpunkt bilden Investitionen zur Verbesserung des Stromnetzes und zur Vermeidung von Übertragungsverlusten, die zurzeit noch rund 25 Prozent betragen. Zudem wird die Verbreitung erneuerbarer Energien gefördert. Alternative Systeme wie photovoltaische oder solarthermische Anlagen und die Nutzung von Biogas sollen die Stromversorgung auf dem Land verbessern.
Die Maßnahmen umfassen außerdem die Energieberatung von kleinen und mittleren Unternehmen. Mit der Bereitstellung von Krediten wird ihre Nachfrage nach effizienteren Energiequellen gefördert.
Gute Regierungsführung, Menschenrechte und Kommunalentwicklung
Die Entwicklungszusammenarbeit von Bangladesch und Deutschland wurde 2006 von einem unabhängigen Expertengremium analysiert und bewertet. Unter anderem durch die Ergebnisse dieses Gutachtens angeregt, wurde bei den Regierungsverhandlungen im vergangenen Jahr ein neuer Schwerpunkt "Gute Regierungsführung und lokale Entwicklung" vereinbart.
Deutschland wird sich im Bereich Gute Regierungsführung (Good Governance) zukünftig besonders auf die Verbesserung der Menschenrechtslage – zum Beispiel durch eine Gefängnisreform – und die Stärkung der rechtlichen Stellung von Frauen (Empowerment) in Bangladesch konzentrieren. Außerdem werden die Verbesserung der ländlichen und städtischen Infrastruktur und die Unterstützung örtlicher Regierungsbehörden im Mittelpunkt stehen.
Die Programme des früheren Arbeitsschwerpunkts "Nachhaltige Wirtschaftsentwicklung" laufen weiter und werden in die aktuellen Arbeitsbereiche integriert.
zuletzt bearbeitet: Oktober 2008
Informationen
Siehe auch
- Thema: Gesundheit – ein Menschenrecht
- Thema: HIV und AIDS
- Thema: Reproduktive Gesundheit und Bevölkerungsdynamik
- Thema: Erneuerbare Energien
- Thema: Gute Regierungsführung
- Thema: Menschenrechte
Externe Links
Publikationen
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Gesundheit fördern – HIV/AIDS bekämpfen
BMZ Materialien 177
(PDF 968 KB, barrierefrei) -

Sexuelle und Reproduktive
Gesundheit und Rechte,
Bevölkerungsdynamik
Positionspapier des BMZ
BMZ Spezial 148
(PDF 351 KB, barrierefrei) -

Entwicklungspolitischer Aktionsplan für Menschen-
rechte 2008–2010
BMZ Konzepte 155
(PDF 878 KB, barrierefrei) -

Korruption vorbeugen – Transparenz fördern:
Was tut die deutsche Entwicklungspolitik?
(PDF 193 KB, barrierefrei)


